Habemus Papam - © Foto: arte / Philippe Antonello
Film

"Habemus Papam": Heilige Flucht

1945 1960 1980 2000 2020

"Habemus papam“: Nanni Moretti brilliert in seinem neuen Film als Regisseur wie als Darsteller. Und Michel Piccoli verleiht dem Papst, der vor dem Amt davonrennt, unnachahmliche Präsenz.

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"Habemus papam“: Nanni Moretti brilliert in seinem neuen Film als Regisseur wie als Darsteller. Und Michel Piccoli verleiht dem Papst, der vor dem Amt davonrennt, unnachahmliche Präsenz.

Zur Adventszeit, mögen sich die deutschsprachigen Filmverleiher gedacht haben, darf man das heimische Publikum auch mit Catholica behelligen. Dabei ist Nanni Morettis tragische Komödie "Habemus Papam“ eigentlich ein Film für jede Jahreszeit - auch im übertragenen Sinn der kirchlichen Wetterlage. Und ein Meisterwerk obendrein, mit einer Mischung aus Sympathie, genauester Beobachtungsgabe und Süffisanz.

Letztere hat der Regie-Star mit den anderen Versatzstücken seines Films gekonnt verschleiert, sodass auch reale Kirchenmänner, die sich vor dem neuen Moretti-Opus ein wenig gefürchtet hatten (zumindest so viel, dass der Filmemacher im Vatikan keine Dreherlaubnis erhielt), fast jubelten. In der Zeitschrift Civiltà Cattolica, die - so heißt es - das vatikanische Staatssekretariat gegenliest, wird Moretti "gute Arbeit“ bescheinigt, und auch TV2000, der Sender der italienischen Bischofskonferenz, sprach vom "glücklichen Händchen“ des Regisseurs. Radio Vatikan urteilte: "Keine Ironie, keine Karikaturen. Alles sehr menschlich.“

Die Ironie eines Konklaves

Letztere Bewertung befremdet ein wenig, lebt "Habemus Papam“ doch gerade von Ironie und - ja auch! - von Karikatur. Aber das bedeutet keineswegs "Kirchenhass“, den allzu Gläubige dem Agnostiker Moretti im Vorhinein mehr oder weniger unterstellt hatten. Wie aber sonst kann man einem tatsächlich wie vorgeblich so hermetischen Kosmos wie dem Kardinalskollegium, wenn es sich zum Konklave, also zur Kür eines neuen Papstes sammelt, denn näher kommen, wenn nicht mit feiner bis beißender Ironie? Wahrscheinlich waren nach den Verfilmungen der Unsäglichkeiten von Dan Brown ("Sakrileg/Der Da Vinci Code“, "Illuminati“) die offiziell-katholischen Erwartungen in völlig andere Richtung gegangen. Dabei war Nanni Moretti nie ein Filmemacher, der sich zu billiger Verschwörungstheorie hergegeben hätte.

Das Kunststück von "Habemus Papam“ ist vielmehr dessen genaue Bobachtung. Man erinnert sich missmutig an diverse Biopics über den mittlerweile seligen Johannes Paul II., welche dieser weitgehend entraten hatten. Weder der Ostdeutsche Thomas Kretschmann noch Hollywood-Haudegen Jon Voight konnten 2006 in unterschiedlichen Verfilmungen als Karol Wojtyla auch nur irgendwie nachhaltig reüssieren.

Man muss weit zurückgehen, um im Mainstream-Kino authentische Beobachtung der Kirchenspitzen-Vorgänge zu finden. Zuletzt war 1968 Michael Anderson in seiner Bestseller-Verfilmung "In den Schuhen des Fischers“ solches gelungen. Anthony Quinn, der Ausnahme-Mime, hatte damals den aus dem Gulag freigelassenen Bischof Kiril Lakota gegeben, der unversehens zum römischen Pontifex gewählt wurde und dann auch noch einen Krieg zwischen Russland und China zu verhindern hatte. Markant in der bisweilen arg gefühlsbetonten Verfilmung blieb auch Oskar Werner als an der Gestalt des Pierre Teilhard de Chardin inspirierter "Häretiker“.

Kirchlicher Zeitgeist anno 2011

"In den Schuhen des Fischers“ hatte ganz den Zeitgeist des II. Vatikanums geatmet und nebstbei einige Züge des Pontifikats von Johannes Paul II. vorausgeahnt. Der kirchliche wie weltliche Zeitgeist anno 2011 ist aber bekanntlich schon lang nicht mehr vom katholischen Aufbruch in neue Zeiten geprägt. Sondern es geht heute viel eher um eine Kirche als selbstreferenzielles System, in dem es zwar menschelt, von dem aber kaum rettende Impulse in eine im Gesamt krisengebeutelte Gesellschaft ausgehen.

Nanni Moretti interessiert sich folgerichtig aber nicht für die metaphysische wie gesellschaftspolitische Unbill einer Marginalisierung der katholischen Kirche. Sondern er beobachtet eine Hundertschaft alter Männer, wie sie den Lauf ihrer Welt durch die Wahl von Kardinal Melville zum Papst weitertreiben wollen. Doch der erweist sich als veritable Fehlbesetzung: Als der Kardinal-Protodiakon auf der Loggia des Petersdoms den größten Auftritt seines Lebens hat, nämlich die erfolgreiche Papstwahl zu verkünden mit den Worten: "Annuntio vobis gaudium magnum: Habemus Papam …“, lässt der Gewählte ihn, sein Kollegium und damit die ganze Kirche im Stich.

Die Bürde des Amtes hat seinen Träger gefällt, noch bevor er dieses angetreten hat. Eine ungewöhnliche Situation, die nach ungewöhnlicher Strategie schreit. Und weil der vatikanische Pressesprecher (Jerzy Stuhl) wie auch die Herren Kardinäle doch keine Leute von ges—tern sind, wird eine irdische Lösung angepeilt - und ein renommierter Psychoanalytiker (Nanni Moretti), wiewohl Atheist, in den Apostolischen Palast gebeten. Doch der Herr Professor kommt gar nicht richtig dazu, Seiner Heiligkeit eine angstbefreiende Therapie angedeihen zu lassen. Denn der frisch gekürte Nachfolger Petri zieht es vor, inkognito durch Rom zu schweifen. Weder die Kardinäle noch - Gott behüte! - die Welt dürfen von dieser weiteren Pontifikats-Panne erfahren. Also muss der Therapeut im Vatikan bleiben - und das Kardinalskollegium mit seinen Tricks bei Laune halten.

Der entlaufene Pontifex hingegen startet im Alltag der Ewigen Stadt eine Selbstfindungsmission im Zeitraffer und landet dann im Theater, wo er seine verschüttete Leidenschaft für Anton Tschechow (samt dem vor langer Zeit auswendig gelernten Text von dessen "Möwe“) wiederentdeckt.

Michel Piccoli in seinem Element

Dieser Plot funktioniert nur, wenn seine Protagonisten glaubwürdig wirken. Nanni Morettis cineastische Tat gelingt: Da spulen nicht Schauspieler eine absurde Handlung herunter, sondern in den kleinen Gesten, Schrullen und Mimiken sind Kardinäle ebenso präsent wie der päpstliche Pressesprecher oder der Schweizergardist (Gianlucca Gobbi). Auch Moretti selber bewältigt seinen Schauspiel-Part souverän.

Das komische, aber zutiefst menschliche Drama steht und fällt jedoch mit der Hauptfigur. Und was Anthony Quinn anno 1968 vermochte, macht Michel Piccoli 43 Jahre später auf seine Weise genial vor: Der 84-jährige Doyen europäischer Schauspielkunst ist in seinem Element und authentisch wie wohl kein zweiter. Piccoli hat schon länger anklingen lassen, er würde gern mit Moretti einen Film machen. Doch der Italiener ließ sich von der Prominenz des Altvorderen nicht beeindrucken, fuhr mit einem Papstgewand nach Paris und ließ diesen darin vorspielen. "Das ist mir seit Jahrzehnten nicht passiert“, so Piccoli im Interview: "Aber ich habe mich amüsiert und viel jünger gefühlt. Das hat mir gefallen.“

Das Beste - vielleicht auch das Einzige -, was ein Film tun kann, ist eine Geschichte zu erzählen, die etwas vom Leben weiß. Genau diesen Punkt trifft "Habemus Papam“ (dessen deutscher Untertitel "Ein Papst büxt aus“ einen sprachlichen Missgriff darstellt). Wie einsam das Leben an der römischen Kirchenspitze ist, mag man ja erahnen. Nanni Moretti, Michel Piccoli und ein ganzes Ensemble helfen dieser Ahnung ordentlich wie augenzwinkernd auf die Sprünge.