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Film

Hymnische Reminiszenz

1945 1960 1980 2000 2020
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Leningrad, Anfang der 1980er Jahre: Zwischen dem Ende der Breschnew-Ära und Glasnost etablierte sich in der Ostsee-Metropole eine Untergrund-Rockszene. Die Gruppe "Zoopark" rund um Majk Naumenko (Roma Swer) hat schon ihr Standing, um den von Parteizensoren und Ordnern brav bewachten Konzertsälen ein wenig einzuheizen. Majk hilft dem jungen Wiktor Zoi (Teo Yoo), musikalisch auf die Füße zu kommen. Der unbändige Zoi wurde das Rockidol der Gorbatschow-Jahre, bis er 1990 bei einem Autounfall ums Leben kam -65 Jugendliche sollen sich in der Sowjetunion aus Gram über diesen Tod selbst das Leben genommen haben - Kirill Serebrennikow gelingt in seiner filmischen Hommage "Leto" eine geradezu hymnische Reminiszenz an jene Jahre, in denen sich, vom Westen abgeschottet und auch wieder nicht, eine eigenständige Musikszene entwickelte. Alben von Lou Reed, David Bowie, Iggy Pop oder der "Talking Heads" wurden unter dem Ladentisch weitergereicht und dann per Tonband landesweit verbreitet. Der russische Regisseur erzählt dies in "Leto" auch mittels einer Dreiecksgeschichte zwischen Wiktor, Majk und dessen Frau Natascha (Irina Starschenbaum): Ein durch und durch abgefahrener Kosmos, der sich auch staunenden Augen im Westen erschließt. Die Rock-Kultur à la UdSSR kam ohne Sex-oder Drogenexzesse (abgesehen vom notorischen Alkoholkonsum) aus, fand aber doch mit enormer künstlerischer Kraft statt. Serebrennikow montiert das alles in Schwarzweiß und macht immer wieder Ausflüge ins Videoclip-Genre, das er spielerisch in den Film einbaut. Vor allem das macht "Leto" zu einem unnachahmlichen Zeugnis der Jugendkultur einer anderen Art. Wie er diesen Film im Hausarrest ohne Kontakt zur Außenwelt am eigenen Computer fertigschneiden konnte, scheint -ob dessen Qualität -ein Rätsel.

Leto RUS/F 2018. Regie: Kirill Serebrennikow. Mit Teo Yoo, Roma Swer (Roman Bilyk), Irina Starschenbaum. Filmladen. 126 Min.