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Film

Ja, das sind Menschen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Thorsten Trimpops Film "Furusato" beginnt mit einer enorm erschreckenden Szene: Eine digitale Landkarte zeigt Japan im Stillen Ozean, 11. März 2011,14: 46. Im Nordosten der Insel beginnt es plötzlich rot zu blinken, dieses Licht umrahmt von gelben Kreisen. Innerhalb nur weniger Sekunden ist das ganze Land mit Alarmsignalen übersät. Da verdichten sich die Lichter an einem Punkt -im Distrikt Fukushima, wo fünf Atomreaktoren stehen.

Erschütternd ist diese Szene in erster Linie, weil sie ohne Menschen auskommt -aber trotzdem zigtausend Tote zeigt. Diese Diskrepanz zwischen nüchterner Bild-Oberfläche und dramatischem Bedeutungsinhalt bestimmt Trimpops Film in jeder Einstellung. Sie verunsichert und sie bewegt, ohne zu sentimentalisieren. Das verheerende Tohoku-ErdbebenlösteeinenTsunamiausundführtezurKernschmelze in mehreren Atomreaktoren. Der nukleare Notstand wurde ausgerufen, aber die Maßnahmen für die Bevölkerung waren grotesk unaufgeregt: Die Stadt Minamisoma im Fukushima-Distrikt wurde nur zur Hälfte zum Sperrgebiet erklärt. Im anderen Teil der Stadt wurden die Menschen nicht evakuiert. Obwohl die radioaktive Strahlungsbelastung dort bis heute hoch ist, kehren manche nun sogar zurück.

Warum sie das tun -und ob Verdrängung einen Alltag ermöglicht, sind Trimpops zentrale Fragen, die ihn näher an jenen Begriff "Furusato" führen sollen, der im Japanischen die Landschaft der Kindheit beschreibt sowie die letzte Landschaft, die man sieht, bevor man stirbt.

Die letzte Landschaft, bevor man stirbt

Mehrmals reiste er nach Minamisoma und zeichnete seine Begegnungen auf. Ruhig und aufmerksam richtet er seinen Blick auf die Menschen, die sich mal mit, mal ohne Schutzanzüge bewegen. Gespenstisch entfremdet wirken sie dadurch. Sind sie Aliens? Heimatlose also? Sind sie überhaupt Menschen -für eine Regierung, die Kernenergie über ihr Leben stellt? Fast jede Szene ist begleitet vom Klicken eines Strahlenmessgeräts, wie es der Aktivist verwendet, der unablässig radioaktiven Staub vom Straßenrand aufsammelt, damit Kinder ihn auf ihrem Schulweg nicht einatmen. Ja, das sind Menschen. Und das ist ihre Heimat.

Furusato - Wunde Heimat (Furusato) D/J/USA 2016 Regie: Thorsten Trimpop. Mit Miwa Hosokawa, Tokuei Hosokawa, Kazuki Matsumoto. ImFilm. 94 Min.

Thorsten Trimpops Film "Furusato" beginnt mit einer enorm erschreckenden Szene: Eine digitale Landkarte zeigt Japan im Stillen Ozean, 11. März 2011,14: 46. Im Nordosten der Insel beginnt es plötzlich rot zu blinken, dieses Licht umrahmt von gelben Kreisen. Innerhalb nur weniger Sekunden ist das ganze Land mit Alarmsignalen übersät. Da verdichten sich die Lichter an einem Punkt -im Distrikt Fukushima, wo fünf Atomreaktoren stehen.

Erschütternd ist diese Szene in erster Linie, weil sie ohne Menschen auskommt -aber trotzdem zigtausend Tote zeigt. Diese Diskrepanz zwischen nüchterner Bild-Oberfläche und dramatischem Bedeutungsinhalt bestimmt Trimpops Film in jeder Einstellung. Sie verunsichert und sie bewegt, ohne zu sentimentalisieren. Das verheerende Tohoku-ErdbebenlösteeinenTsunamiausundführtezurKernschmelze in mehreren Atomreaktoren. Der nukleare Notstand wurde ausgerufen, aber die Maßnahmen für die Bevölkerung waren grotesk unaufgeregt: Die Stadt Minamisoma im Fukushima-Distrikt wurde nur zur Hälfte zum Sperrgebiet erklärt. Im anderen Teil der Stadt wurden die Menschen nicht evakuiert. Obwohl die radioaktive Strahlungsbelastung dort bis heute hoch ist, kehren manche nun sogar zurück.

Warum sie das tun -und ob Verdrängung einen Alltag ermöglicht, sind Trimpops zentrale Fragen, die ihn näher an jenen Begriff "Furusato" führen sollen, der im Japanischen die Landschaft der Kindheit beschreibt sowie die letzte Landschaft, die man sieht, bevor man stirbt.

Die letzte Landschaft, bevor man stirbt

Mehrmals reiste er nach Minamisoma und zeichnete seine Begegnungen auf. Ruhig und aufmerksam richtet er seinen Blick auf die Menschen, die sich mal mit, mal ohne Schutzanzüge bewegen. Gespenstisch entfremdet wirken sie dadurch. Sind sie Aliens? Heimatlose also? Sind sie überhaupt Menschen -für eine Regierung, die Kernenergie über ihr Leben stellt? Fast jede Szene ist begleitet vom Klicken eines Strahlenmessgeräts, wie es der Aktivist verwendet, der unablässig radioaktiven Staub vom Straßenrand aufsammelt, damit Kinder ihn auf ihrem Schulweg nicht einatmen. Ja, das sind Menschen. Und das ist ihre Heimat.

Furusato - Wunde Heimat (Furusato) D/J/USA 2016 Regie: Thorsten Trimpop. Mit Miwa Hosokawa, Tokuei Hosokawa, Kazuki Matsumoto. ImFilm. 94 Min.