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Film

Komik – Tragik

1945 1960 1980 2000 2020

Der koreanische Regisseur Bong Joon-ho im Gespräch über seinen Film „Parasite“, für den er heuer in Cannes die Goldene Palme gewann.

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Der koreanische Regisseur Bong Joon-ho im Gespräch über seinen Film „Parasite“, für den er heuer in Cannes die Goldene Palme gewann.

Mit „Parasite“ gelang dem Südkoreaner Bong Joon-ho heuer die Sensation in Cannes: Sein Film gewann die Goldene Palme und holte sie erstmals nach Südkorea. „Parasite“ wurde aber nicht nur künstlerisch erfolgreich, sondern auch an der Kinokasse: Die Südkoreaner stürmten die Kinos förmlich.

DIE FURCHE: Ihr Film ist eine wilde Mischung aus Komik und Tragik.
Bong Joon-ho: Meine Frau sagt, dass ich eine ziemlich verrückte Persönlichkeit habe, und deshalb diese Art von Filme mache (lacht). Für mich wäre eine zweistündige Komödie oder eine zweistündige Tragödie nur sehr schwer zu ertragen, weil so ist das Leben einfach nicht. Im Leben mischen sich Komik und Tragik fortwährend, es gibt sogar Humor in den schrecklichsten Situationen des Lebens. Und deshalb drücke ich dieses Nebeneinander von Komik und Tragik auch gerne in meinen Filmen aus. Zugleich ist es mir aber auch wichtig, dass jeder meiner Filme völlig anders als die anderen ist; ich will mich ungern wiederholen und deshalb verwende ich sehr viel ­Energie darauf, ein völlig anderes filmisches Konzept auf meinen nächsten Film anzuwenden als es bei „Parasite“ der Fall war. Es wird jedenfalls um meine Obsession mit Treppen und Kellern gehen.

Mit „Parasite“ gelang dem Südkoreaner Bong Joon-ho heuer die Sensation in Cannes: Sein Film gewann die Goldene Palme und holte sie erstmals nach Südkorea. „Parasite“ wurde aber nicht nur künstlerisch erfolgreich, sondern auch an der Kinokasse: Die Südkoreaner stürmten die Kinos förmlich.

DIE FURCHE: Ihr Film ist eine wilde Mischung aus Komik und Tragik.
Bong Joon-ho: Meine Frau sagt, dass ich eine ziemlich verrückte Persönlichkeit habe, und deshalb diese Art von Filme mache (lacht). Für mich wäre eine zweistündige Komödie oder eine zweistündige Tragödie nur sehr schwer zu ertragen, weil so ist das Leben einfach nicht. Im Leben mischen sich Komik und Tragik fortwährend, es gibt sogar Humor in den schrecklichsten Situationen des Lebens. Und deshalb drücke ich dieses Nebeneinander von Komik und Tragik auch gerne in meinen Filmen aus. Zugleich ist es mir aber auch wichtig, dass jeder meiner Filme völlig anders als die anderen ist; ich will mich ungern wiederholen und deshalb verwende ich sehr viel ­Energie darauf, ein völlig anderes filmisches Konzept auf meinen nächsten Film anzuwenden als es bei „Parasite“ der Fall war. Es wird jedenfalls um meine Obsession mit Treppen und Kellern gehen.

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Bong Joon-ho

Der koreanische Regisseur Bong Joon-ho im Gespräch über seinen Film „Parasite“, für den er heuer in Cannes die Goldene Palme gewann.

Der koreanische Regisseur Bong Joon-ho im Gespräch über seinen Film „Parasite“, für den er heuer in Cannes die Goldene Palme gewann.

DIE FURCHE: Diesen Gegensatz zwischen Arm und Reich, den sie so schön herausarbeiten, der wird in der realen Welt selten so klar. Wieso ist das so?
Bong: Wohl, weil es weniger Schnittflächen gibt. Im realen Leben begegnen sich Reiche und Arme nur sehr selten direkt. Sie besuchen unterschiedliche Restaurants und leben in verschiedenen Vierteln. Diese Art der Segregation ist einfach da, ohne dass man viel darüber redet. Niemand hat bewusst diese Mauer errichtet, dennoch gibt es sie. Mein Film behandelt Momente, in denen sich Reiche und Arme so nah kommen, dass sie sich riechen können. Unvermeidlich entstehen daraus Spannungen, Ängs­te, aber auch Komik. Vor allem die Reichen wollen nicht, dass die Armen in ihr Territorium eindringen. Was ich zeigen will, ist, dass diese Mauer, an die die Menschen glauben und an die sie sich anzulehnen versuchen, in Wirklichkeit sehr brüchig ist. Beginnt sie einzustürzen, kann es unerwartet zu großen Tragödien kommen.

DIE FURCHE: Es ist Ihnen auch wichtig, den Zustand der Welt zu kommentieren, richtig?
Bong: Ja. Das Leben, vor allem in den großen Städten, ist sehr ähnlich geworden, standardisiert vielleicht. Abgesehen von wenigen Ländern wie Nordkorea, die ganz isoliert sind, ist unser Leben gleichgeschaltet. Wir leben, ohne eine Wahl zu haben, im Zeitalter des Kapitalismus. Dieser hat Vorzüge, aber auch viele Schattenseiten. Mein Film schildert nüchtern und realistisch das Leben der Menschen in diesem System. Daher
fühlt sich jeder irgendwie angesprochen.

DIE FURCHE: Wie erfinden Sie die Charaktere Ihrer Filme? Alles wirkt sehr organisch.
Bong: Die Ausformung der Figuren beginnt­ eigentlich im Drehbuchstadium, aber ich habe festgestellt, dass sich die Figuren bis zum Schluss, wenn du im Schneideraum sitzt, verändern können. Vielleicht nur mehr in Nuancen, aber sie können sich von dem, was anfangs auf Papier stand, doch erheblich abwandeln.

Im Leben mischen sich Komik und Tragik fortwährend, es gibt sogar Humor in den schrecklichsten Situationen.

DIE FURCHE: Als zentrales Motiv dieses Films dient Ihnen die Treppe.
Bong: Wir haben zum Spaß gesagt, „Parasite“ wäre ein Treppen-Film. Selbst die Souterrain-Wohnung hat Treppen, denn die Toi­lette liegt höher als das Wohnzimmer. Es ist ein sehr seltsames Bild, aber tatsächlich gibt es solche Wohnungen wegen des Wasserdrucks. Die Mitglieder der armen Familie müssen auch einige Stufen hin­aufsteigen, um kostenlos an die WLAN-Verbindung zu kommen. Schon in dieser Szene ist die ganze Geschichte verdichtet zu sehen.

DIE FURCHE: Was bedeutete Ihnen die Goldene Palme?
Bong: Zufällig ist heuer der 100. Geburtstag des koreanischen Kinos, und just in diesem Jahr gewinnen wir mit unserem Film die erste Goldene Palme für Korea. Das ist natürlich ein Traum. Ich versuche aber, diesen Erfolg nicht allzu frenetisch zu feiern, sondern bleibe lieber bescheiden, um meine Art zu arbeiten nicht zu gefährden. Für das koreanische Kino und das Publikum ist die Goldene Palme natürlich toll.

DIE FURCHE: Wo sehen Sie sich selbst in diesem koreanischen Kino?
Bong: Es fällt mir sehr schwer, eine solche Einordnung zu tätigen. Denn ich bin ja in dieser Branche mittendrin, und um meine Position wirklich schlüssig zu bestimmen, bräuchte es jemand von außerhalb der Branche, der das tut. Dass „Parasite“ beim Publikum auch ein großer Hit geworden ist, liegt meiner Meinung nach an der Brillanz der Schauspieler, die in Korea zudem große Stars sind. Außerdem hat der Film auch eine sehr dunkle Seite, die den großen Spagat in der koreanischen Gesellschaft aufzeigt: Es geht um das Auseinanderdriften in eine sehr reiche und eine sehr arme Schicht der Bevölkerung, und das bewegt die Menschen. Solche Themen können die Zuschauer auch vom Kinobesuch abhalten, aber in unserem Fall hat es funktioniert, und ich bin für diesen Erfolg sehr dankbar.

Fakt

Gespinst wie eine Kaugummiblase

Kritik zu „Parasite“

Das (süd)koreanische Kino trumpft schon seit Längerem auf, Regisseure wie Kim Ki-duk, Hong Sang-soo oder Park Chan-wook sind längst Fixsterne am Arthaus-Himmel. Gewalt und soziale Spannungen bestimmen die Wahrnehmung des Filmschaffens aus dem ostasiatischen Land.

„Parasite“, der diesjährige Cannes-Sieger von Bong Joon-ho, beschönigt das soziale Gefälle in seiner Heimat Korea keineswegs. Aber er nähert sich ihm mit einer filmischen Groteske, die das schwere Thema grandios leicht einführt, ohne die Katastrophe auszulassen, in die das alles führt. Man tut sich leichter, wenn der Zugang auf dieser Ebene der Wahrnehmung bleibt. Die Goldene Palme für „Parasite“ ist die logische Würdi­gung des überaus gelungenen Zugangs.

„Parasite“ erzählt seine Geschichte über zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine, Familie Kim, haust im Souterrain. Vater, Mutter, Tochter und Sohn falten u. a. Kartons für einen Pizza-Service. Die andere, Park, residiert in einem von einem Star-Architekten design­ten Haus. Die Interaktion zwischen den Kims und den Parks beginnt, als es Sohn Ki-woo gelingt, aushilfsweise als Nachhilfelehrer bei ­Da-hye, der jungen Tochter der Parks, Fuß zu fassen. Nach und nach er­obert sich ein/e Kim nach dem/der anderen einen Dienstboten-Platz bei den Parks, und weil das alles nur über Lügengebäude möglich ist, ergibt sich eine absurde Wendung nach der anderen – inklusive der unübersehbaren Gefahr, dass das so aufgebaute Gespinst wie eine Kaugummiblase platzt.

Mit großem Schalk weidet sich Regisseur Bong an diesen Unwirtlichkeiten und lässt sein Publikum daran teilhaben. Das löst die soziale Tristesse auf beiden Seiten eben nicht. Aber das – auch sardonische – Lachen, das hier induziert wird, nimmt der Problematik keine Schärfe, macht sie jedoch vielleicht um jenen Deut erträglicher, der notwendig ist, um darüber auch nachhaltig reflektieren zu können. (Otto Friedrich)

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Film

Parasite (Gisaengchung)

ROK 2019.

Regie: Bong Joon-ho.

Mit Song Kang-ho, Jo Yeo-jeong Jo, Park So-dam Park, Choi Woo-sik, Lee Sun-kyun, Ji-so Jung.

Filmladen. 132 Min.