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Film

"Madame Claude": Aus einem Bordell namens Frankreich

1945 1960 1980 2000 2020

In "Madame Claude" porträtiert die Regisseurin Sylvie Verheyde die damalige Puffmutter der Nation – ein Zeit- und Sittengemälde Frankreichs in den 1960er und 70er Jahren.

1945 1960 1980 2000 2020

In "Madame Claude" porträtiert die Regisseurin Sylvie Verheyde die damalige Puffmutter der Nation – ein Zeit- und Sittengemälde Frankreichs in den 1960er und 70er Jahren.

Und wieder ein Film, der er es vorerst nicht in die Kinos schaffen kann. Und wieder einer, der – dem Streaming sei Dank – via Netflix zu sehen ist. Und wieder einer, dem man wünscht, dass er tatsächlich auch auf die große Leinwand kommt: Sylvie Verheydes Biopic „Madame Claude“ ist großes französisches Kino über eine vielleicht nicht welthistorisch bedeutende Frauengestalt. Das Zeit- und Sittengemälde, das da rund um Fernande Grudet (1923–2015) ausgebreitet wird, gibt aber für sich sprechende Einblicke in Frankreichs herrschende Klasse der 1960er und 70er Jahre.

Als Madame Claude ist Grudet eine bekannte Bordellbesitzerin, die hunderte Frauen der französischen Hautevolee zuführt – und dadurch über viele kompromittierende Informationen verfügt, die sie für ihre eigenen Macht- und Überlebensspielchen einsetzt. Zwischen Politik, Geheimdiensten und organisierter Kriminalität changiert diese Welt, insbesondere auf die Affäre Marković, den ungeklärten Tod eines Leibwächters von Alain Delon, nimmt der Film Bezug.

Verheyde legt das Ganze als Charakterstudie der Madame Claude auf dem Höhepunkt ihres Einflusses an, in der Darstellung von Karole Rocher gelingt das Bild einer aus schwierigen Verhältnissen Emporgekommenen, die so viele Fäden in der Hand hält, damit sie nie wieder in die Armut zurückkehren muss.

Madame Claude führt die Mädchen mit eiserner Hand und lässt sie, damit das System funktioniert, auch Unfassbares erleiden; aber der Film zeigt klar, dass die Bigotterie der Herren dieser Schöpfung das größere Übel darstellt als das Ausnutzen durch die damalige Puffmutter der Nation.

Besonders die Gestalt der Sidonie (Garance Marillier), die als Edelprostituierte für Madame Claude arbeitet und deren gegenseitige Gefühlsachterbahn ein Rückgrat des Plots darstellt, legt die Brutalität der Zeit offen: Sidonies Herr Papa, ein hohes Tier im Außenministerium, echauffiert sich über die Profession der Tochter, doch was er dieser im Alter von sieben Jahren angetan hat, bleibt moralisch und juridisch ungesühnt – es sei denn, Sidonie entschließt sich doch, den Missbrauch anzuzeigen …