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Ozon auf Kitsch-Trip

Der französische Regisseur François Ozon über seinen neuen Film "Angel", der demnächst in die Kinos kommt.

Die Furche: Monsieur Ozon, wieso haben Sie sich für Ihr englischsprachiges Filmdebüt den britischen Roman "Angel" von Elizabeth Taylor ausgesucht?

François Ozon: Ich habe diesen Roman vor fünf oder sechs Jahren in einem Schwung durchgelesen und sofort gespürt, dass es ein großartiger Stoff für einen melodramatischen Film im Stil der 30er oder 40er Jahre sein könnte, in dem es um den Aufstieg und Fall einer flamboyanten Persönlichkeit gehen würde. Es war von Anfang an klar, dass man diese Geschichte nicht nach Frankreich übertragen können würde. Es ist eine typisch englische Geschichte in der Tradition der englischen Frauenliteratur. Die Figur der Angel ist angelehnt an die historische Marie Corelli, eine Zeitgenossin von Oscar Wilde und die Lieblingsschriftstellerin von Queen Victoria. Corelli war eine der ersten Schriftstellerinnen, die Berühmtheit erlangten. Ich habe versucht, für das Drehbuch eine französische Fassung des Buches zu bekommen, was aber nicht geklappt hat. Ich wollte wissen, wie die Autorin die Sprache benutzt. Zum Glück hatte ich mit Romola Garai eine Hauptdarstellerin, die mir blendend vor und hinter der Kamera vermitteln konnte, wie diese Sprache einzusetzen ist.

Die Furche: Wieso haben Sie beschlossen, tatsächlich ein Drama mit Romantik und Kitsch zu verbinden?

Ozon: Wenn sie sich heute Filme aus den 30er oder 40er Jahren anschauen - all diese großen Kostümdramen mit viel Leidenschaft und Emotion, dann gab es darin immer den Kitsch-Faktor. Ich wollte das Experiment wagen, ob es heute noch möglich ist, einen solchen Film zu drehen und beim Publikum ähnliche Gefühle wie in den damaligen Filmen hervorzurufen. Mir geht es darum, ein Klischee zu transportieren, und auch zu ermöglichen, hinter dieses Klischee zu blicken.

Die Furche: An welche alten Filme denken Sie dabei?

Ozon: Es gibt viele solcher Filme, sogar misslungene, die mich inspirierten. Da ist die Handlung meist übererklärt, die Musik ist übergroß und ständig präsent. Ich mag es, solche Filme anzusehen. In Angel gab es auch ein paar Szenen, die wirklich übertrieben sind. Da geht es um die Imitierung von Leben, nicht um reales Leben.

Die Furche: Wie war es für Sie, am Set stets Englisch sprechen zu müssen?

Ozon: Ich bin in viele Fettnäpfchen getreten, vor allem in der Kommunikation mit den Schauspielern. Wenn ich in Frankreich drehe, mit Catherine Deneuve oder Emmanuelle Béart, dann kann ich mein Französisch einsetzen und alles erklären, und dabei hilft auch meine französische Diplomatie. Auf Englisch tue ich mich da schwerer. Deshalb wollte ich am Set immer gleich auf den Punkt kommen. Und Charlotte Rampling half mir bei der Kommunikation, weil ich herausfand, dass die britischen Schauspieler immer spielen wollen, anstatt in gewissen Szenen auch einmal gar nichts zu machen. Sie überzeichnen ständig, spielen zu große Gesten. Charlotte hat mir geholfen, die anderen Schauspieler dahin zu bringen, dass sie genau so wenig spielen, wie ich es will.

Die Furche: "Angel" ist ein riskantes Projekt, doch dank ihrer Position im französischen Kino muss es wohl ein Leichtes für Sie gewesen sein, den Film auf die Beine zu stellen, oder?

Ozon: Normalerweise gibt dir niemand Geld für ein Melodram. Ich wollte aber völlig frei entscheiden, auch über die Besetzung. Natürlich hätte sich Angel als Vehikel für einen großen amerikanischen Star angeboten, aber das wollte ich nicht. Das war riskant, denn Romola Garai ist noch nicht sehr bekannt. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es richtig war, sie zu besetzen und dem Publikum die Möglichkeit einer Entdeckung zu geben.

Die Furche: Der Stoff hätte auch gut nach Amerika gepasst. Warum haben Sie dort nicht gearbeitet?

Ozon: Man hat Interesse an mir, das habe ich schon gemerkt. Aber ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, wenn ich einen Film drehe. Für ein US-Projekt müsste ich mit einem amerikanischen Drehbuchautor arbeiten, man schreibt dir die Besetzung vor und so weiter. Das wäre nichts für mich.

Die Furche: Warum haben Sie so viele verschiedene Genres ausprobiert?

Ozon: Ich mag es nicht, mich auf eine Sache festzulegen, sondern will lieber meinem Instinkt folgen. Das war schon als Student so: Viele meiner Studienkollegen wollten immer wie Bresson, Godard oder Truffaut sein, ich hingegen wollte nicht nur wie eine dieser Personen sein, sondern wie viele. Ich wollte immer verschiedene Einflüsse zusammenmischen. Vielleicht nennt man das postmodern. Nehmen Sie aber Fassbinder: Der verstand es auch, Melodram mit Komödie zu vermischen. Das gefällt mir.

Das Gespräch führte Matthias Greuling.

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