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Film

Philharmonie im sozialen Brennpunkt

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Simon Daoud ist ein virtuoser Geiger, hat aber kein Engagement. Mit Jobs in der klassischen Musik sieht es selbst in Paris nicht allzu rosig aus, das schlägt ihm auf die Mimik. In "La Mélodie" von Rachid Hami spielt der Schauspieler Kad Merad ihn mit durchdringender Stoik, der Unzugänglichkeit eines beinahe schon zu zynisch gewordenen, frustrierten Begabten. Daoud nimmt einen Job an, den ihm sein Freund Farid (Samir Guesmi), Lehrer an einer Pariser "Brennpunktschule", anbietet: Im Zuge des Projekts Démos, ein Förderprogramm der Pariser Philharmonie, das sozial benachteiligten Kindern Zugang zur Musik ermöglichen soll, betreut er eine Klasse hochpubertierender Teenager. Innerhalb einiger Monate soll er ihnen Geige beibringen und sie als Orchester zu einem Konzert auftritt in der Philharmonie führen.

Nun gibt es nicht gerade wenige Filme darüber, wie eine scheinbar deplazierte Person einer disparaten Problemklasse diverse Wunderleistungen abringt, von sozialer Eintracht bis fachlicher Kompetenz - und dennoch gelingt Regisseur Rachid Hami hier zu großen Teilen etwas Eigenständiges.

Vor allem liegt dies an seiner hervorragenden Führung der sorgfältig gecasteten Kinderdarsteller und an der Fokussierung auf ihre Gruppendynamik. Wie humorvoll und stellenweise fast semi-dokumentarisch Hami hier Konflikte inszeniert und auflöst, beschert dem Film immens viel unverfälschte Emotionalität.

eine Freundschaft entsteht

Als besonders talentierter Bub fällt Daoud der schüchterne Arnold (Alfred Renely) auf und zwischen den beiden entsteht eine sachte Freundschaft. Etwas schablonenhaft erzählt Regisseur Hami hier über die Vaterfiguren als entweder abwesend oder prügelnd, schafft andererseits aber bemerkenswerte Sequenzen. Zum Proben treffen sich die Schüler mitunter auf dem Dach von Arnolds Wohnblock. Sie müssen Rimski-Korsakows "Schehezerade" einstudieren und natürlich wird der romantische Eskapismus der orientalischen Melodie unter ihren Fingern zur totalen Kakophonie, gleichsam einem Realitätscheck unterzogen.

An anderer Stelle hat Daoud ein Gespräch mit Farid. Er dürfe sich nicht auf das Individuum konzentieren, sondern müsse das Kollektiv im Auge haben, weist Farid ihn an. Nein, entgegnet Daoud: Nur die Besten dürfe man mitnehmen. Schwierig, diesen Dialog ohne politischen Nachhall zu hören, besonders in Zeiten eines scheinbar oft dysfunktionalen Demokratieverständnisses. Hami gelingt, darüber etwas Wichtiges zu sagen: Das Individuum darf seine Eigenverantwortung niemals abgeben, sondern muss sie wahrnehmen, damit eine Gemeinschaft überhaupt die Chance hat, zu funktionieren.

La Mélodie -Klang für Paris F 2017. Regie: Rachid Hami. Mit Kad Merad. Thimfilm. 102 Min. Ab 21.12.

Simon Daoud ist ein virtuoser Geiger, hat aber kein Engagement. Mit Jobs in der klassischen Musik sieht es selbst in Paris nicht allzu rosig aus, das schlägt ihm auf die Mimik. In "La Mélodie" von Rachid Hami spielt der Schauspieler Kad Merad ihn mit durchdringender Stoik, der Unzugänglichkeit eines beinahe schon zu zynisch gewordenen, frustrierten Begabten. Daoud nimmt einen Job an, den ihm sein Freund Farid (Samir Guesmi), Lehrer an einer Pariser "Brennpunktschule", anbietet: Im Zuge des Projekts Démos, ein Förderprogramm der Pariser Philharmonie, das sozial benachteiligten Kindern Zugang zur Musik ermöglichen soll, betreut er eine Klasse hochpubertierender Teenager. Innerhalb einiger Monate soll er ihnen Geige beibringen und sie als Orchester zu einem Konzert auftritt in der Philharmonie führen.

Nun gibt es nicht gerade wenige Filme darüber, wie eine scheinbar deplazierte Person einer disparaten Problemklasse diverse Wunderleistungen abringt, von sozialer Eintracht bis fachlicher Kompetenz - und dennoch gelingt Regisseur Rachid Hami hier zu großen Teilen etwas Eigenständiges.

Vor allem liegt dies an seiner hervorragenden Führung der sorgfältig gecasteten Kinderdarsteller und an der Fokussierung auf ihre Gruppendynamik. Wie humorvoll und stellenweise fast semi-dokumentarisch Hami hier Konflikte inszeniert und auflöst, beschert dem Film immens viel unverfälschte Emotionalität.

eine Freundschaft entsteht

Als besonders talentierter Bub fällt Daoud der schüchterne Arnold (Alfred Renely) auf und zwischen den beiden entsteht eine sachte Freundschaft. Etwas schablonenhaft erzählt Regisseur Hami hier über die Vaterfiguren als entweder abwesend oder prügelnd, schafft andererseits aber bemerkenswerte Sequenzen. Zum Proben treffen sich die Schüler mitunter auf dem Dach von Arnolds Wohnblock. Sie müssen Rimski-Korsakows "Schehezerade" einstudieren und natürlich wird der romantische Eskapismus der orientalischen Melodie unter ihren Fingern zur totalen Kakophonie, gleichsam einem Realitätscheck unterzogen.

An anderer Stelle hat Daoud ein Gespräch mit Farid. Er dürfe sich nicht auf das Individuum konzentieren, sondern müsse das Kollektiv im Auge haben, weist Farid ihn an. Nein, entgegnet Daoud: Nur die Besten dürfe man mitnehmen. Schwierig, diesen Dialog ohne politischen Nachhall zu hören, besonders in Zeiten eines scheinbar oft dysfunktionalen Demokratieverständnisses. Hami gelingt, darüber etwas Wichtiges zu sagen: Das Individuum darf seine Eigenverantwortung niemals abgeben, sondern muss sie wahrnehmen, damit eine Gemeinschaft überhaupt die Chance hat, zu funktionieren.

La Mélodie -Klang für Paris F 2017. Regie: Rachid Hami. Mit Kad Merad. Thimfilm. 102 Min. Ab 21.12.