Burning - Man muss sich allerdings auf Lees langsamen und stetigen Aufbau einlassen können … - © Polyfilm
Film

Postmoderne Verfilmung

1945 1960 1980 2000 2020

„Burning“: Der koreanische Regisseur Lee Chang-dong nimmt sich einer Erzählung von Haruki Murakami an. Eine Offenbarung.

1945 1960 1980 2000 2020

„Burning“: Der koreanische Regisseur Lee Chang-dong nimmt sich einer Erzählung von Haruki Murakami an. Eine Offenbarung.

Postmoderne Kunst hat die Idee einer allgemein gültigen Wahrheit und eines autonomen Selbst ausrangiert. Sie gibt sich stattdessen mit Leidenschaft der doppelsinnigen Vielstimmigkeit hin, experimentiert mit spielerischen Formen, liebt es, Genres und Stile zu mischen.

Lee Chang-dongs neues Meisterwerk „Burning“ nährt sich vom Geist der postmodernen Philosophie. Sein Protagonist, der schüchtern-unbeholfene Jongsu (famos: Yoo Ah-in), liefert in Seoul Waren aus. Auf einer seiner Touren stößt er auf eine Freundin aus Kindertagen, die er aber infolge einer Schönheitsoperation nicht sofort erkennt. Haemi (bezaubernd interpretiert von Jeon Jong-seo) verdient ihr Geld als Werbeanimateurin. Doch ihr Glück sucht sie woanders, sie lernt Pantomime und will demnächst nach Nordafrika reisen. Dafür soll Jongsu ihre Katze hüten.

Aber diese Katze bekommt er nie zu Gesicht. Als er Haemi am Flughafen wieder abholt, überrascht sie ihn mit dem wohlhabenden Jetsetter Ben (mit glatter Kühle dargestellt von Steven Yeun). Zukünftig wird sie Jongsu nur noch als Paar antreffen. Aber so unvermittelt die junge Frau in sein Leben trat, so unvermittelt verschwindet sie daraus. Jongsu macht Ben dafür verantwortlich. Der hatte ihm gestanden, alle zwei Monate ein leerstehendes Gewächshaus niederzubrennen. Er sieht einen Zusammenhang und beschattet ihn.

Lee Chang­dong spinnt Haruki Murakamis Plot interpretierend weiter, ohne jedoch dessen ästhetischem Konzept untreu zu werden.

Der mehrfach ausgezeichnete Mystery-Thriller „Burning“ beruht auf der kurzen Erzählung „Scheunenabbrennen“ des Japaners Haruki Murakami. Mit dieser geistreichen Literaturverfilmung ist Lee Chang-dong ein rares Kunststück geglückt: Man sieht ihr an, dass ihr Regisseur nicht nur das Fach Literatur studierte, sondern auch als Schriftsteller reüssierte.

Lee spinnt Murakamis Plot interpretierend weiter, ohne jedoch dessen ästhetischem Konzept untreu zu werden. Mit den ausdrucksstarken Bildern des Kameramanns Hong Kyung-pyo fängt er die Einsamkeit seines Protagonisten ein, bebildert Jongsus Eifersucht und kalte Wut, folgt seinem illusions-verstrickten Denken.
Dabei verkörpert die junge Frau wie das Gewächshaus oder die Katze sinnbildlich eine Abwesenheit, die Jongsus Gegenspieler Ben gelassen hinnimmt. Dieses postmoderne Prinzip demonstriert anfangs Haemi mit einer Pantomime, in der sie vorgibt, Mandarinen zu essen: „Man muss vergessen, dass hier keine sind.“ „Klingt wie Zen“, kommentiert der Held in Murakamis Erzählung. Und Zen fällt mit postmodernem Denken insofern zusammen, als beide sich mit der Leere ausgesöhnt haben, während sich die Hauptfigur und der Zuschauer keineswegs mit ihr abfinden wollen. Lee erzeugt ihren Hunger nach Sinn und verunsichert ihn zugleich.

Er legt vielerlei Spuren aus, fügt eine psychologische Deutungsebene hinzu, nutzt Sehkonventionen und Genrewissen, um eine fast unerträgliche Spannung zu erzeugen, ohne dass jemals Sicherheit über Haemis Schicksal entstünde. Man muss sich allerdings auf deren langsamen und stetigen Aufbau einlassen können. Sie entsteht im Kopf des Zuschauers: Von dieser Imaginationsarbeit lebt großes Kino.

Film

Burning (Beo-ning/Beoning)

KOR 2018. Regie: Lee Chang-dong. Mit Yoo Ah-in, Steven Yeun, Jeon Jong-seo. Polyfilm. 148 Min.

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