Sargnagel Film - © Foto: Filmladen

„Sargnagel“-Regisseur Ertl: „So eine Figur kann man nicht erfinden“

1945 1960 1980 2000 2020

Das „Sargnagel“-Regie-Duo Sabine Hiebler und Gerhard Ertl über Kontroversen, Filmförderung und Feminismus.

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Das „Sargnagel“-Regie-Duo Sabine Hiebler und Gerhard Ertl über Kontroversen, Filmförderung und Feminismus.

„Irgendwas mit Feminismus“, „irgendwas mit #metoo“, soll die Dokumentation über Stefanie Sargnagel werden, also ein vorprogrammierter Hit, ist sich ein gewiefter Produzent (Thomas Gratzer) im Film über die zu entstehende Dokumentation sicher. Doch dem Regieduo Sabine Hiebler und Gerhard Ertl geht es in „Sargnagel – Der Film“ genau nicht um Diskurs-Anbiederung sondern um die Annäherung an seine Hauptfigur. Angelehnt an ihre Bücher „Fitness“ und „Statusmeldungen“ meandert der Handlungsstrang zwischen diversen Lebensbereichen seiner Titelheldin und der Reflexion über seine Herstellung: Den Regisseur im Film gibt Michael Ostrowski, für die Rolle der Sargnagel erhofft sich seine Frau (gespielt von Hilde Dalik) den österreichischen Filmpreis. Es kommt zum Streit. Dazwischen Steffi höchstselbst, gmiadlich und klug, phlegmatisch pointiert. Beim Zugfahren, beim Klo-Säubern, bei Diskussionen mit ihrem Verleger (David Scheid), im Schmauswaberl und auf einem FPÖ-Festl. Ein unwahrscheinlicher Film, wie Hiebler und Ertl im Interview mit der FURCHE erklären:

DIE FURCHE: Bevor Sie an einen Film über und mit Stefanie Sargnagel dachten – wie haben Sie die Künstlerin als Phänomen wahrgenommen?
Hiebler: Das ist schwer voneinander zu trennen, denn schon vor zehn Jahren hatten wir mit der Recherchearbeit für einen Film über das Prekariat begonnen. Menschen in McJobs, dachten dabei auch an eine Frauenfigur, die in einem Callcenter arbeitet. Da sind wir auf das Buch von der Steffi aufmerksam geworden. Ihre unwehleidige Art zu schreiben und mit allem umzugehen hat uns sehr beeindruckt. Der Humor, ihre Selbstreflexion, gleichzeitig aber auch die Ernsthaftigkeit, mit der sie das Leben betrachtet. So eine Figur kann man nicht erfinden, und wir wollten sie mit ihren Texten in den Film einbinden. Erstaunlicherweise waren die Filmrechte an „Fitness“ noch verfügbar, so haben wir das Projekt dann in diese Richtung weitergedacht.

DIE FURCHE: Wie hat sich die Form des Films kristallisiert?
Hiebler: Anfangs wollten wir „Fitness“ als Tagebuchroman verfilmen. Steffi liefert in dem Buch nicht die große, fette Story, aber durchaus einen Erzählbogen, eine Entwicklung. Dann ist das Projekt aber an der Finanzierung gescheitert. Inzwischen war Steffis nächstes Buch „Statusmeldungen“ erschienen. Dann hatte sich Steffis Bekanntheitsgrad schon so gesteigert, dass inzwischen praktisch jeder wusste, dass sie gar nicht mehr in einem Callcenter arbeitet. So ist es durch die langen Jahre der Nicht-Finanzierung dazu gekommen, dass wir uns etwas anderes überlegen mussten.

DIE FURCHE: Interessant, dass das an der Finanzierung gescheitert war.
Ertl:
Wohl auch, weil Steffi polarisiert. In der Filmförderung haben momentan eher Projekte eine Chance, die auf einen breiten Konsens stoßen.
Hiebler: Eigentlich ein gutes Zeichen, wenn Einreichungen kontrovers diskutiert werden, aber von der Kommission braucht es mittlerweile den einstimmigen Beschluss, sonst wird ein Projekt nicht finanziert.

DIE FURCHE: Also ein prekärer Film. Ertl: Eine Low-Budget Produktion.
Hiebler: In den Gesprächen mit unserem Dramaturgen (Claus Philipp, Anm.) haben wir von diesen Auf- und Abs erzählt, dass der Film scheinbar nicht zustande kommen sollte, dass die einen fanden, der Film müsse größer werden, die anderen meinten, er müsse dokumentarischer sein, und so weiter. Bis wir sagten: Das muss alles in den Film hinein, diese verschiedenen Ideen, was, wie – und ob er überhaupt werden soll. Also haben wir die Figuren im Film darüber streiten lassen.

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