Joker_Still - <strong>Der Clown und der Talkmaster</strong><br />
Joaquin Phoenix in der Titelrolle des Joker Arthur Fleck, Robert De Niro als Late-Night-Talker Murray Franklin (auf der Tapete). - © Warner
Film

That’s Life, oder?

1945 1960 1980 2000 2020

In Todd Phillips’ „Joker“ wächst Joaquin Phoenix über sich hinaus. Im Hollywoodfilm des Jahres erklärt sich der Bösewicht von Gotham City.

1945 1960 1980 2000 2020

In Todd Phillips’ „Joker“ wächst Joaquin Phoenix über sich hinaus. Im Hollywoodfilm des Jahres erklärt sich der Bösewicht von Gotham City.

„I’ve been a puppet, a pauper, a pirate, a poet / A pawn and a king“: Diese Zeilen, einst von Frankie-Boy in die Welt geträllert, haben als universeller Ohrwurm längst nicht ausgedient. Die Mär von „That’s Life“, also der Gleichzeitigkeit von Marionette, armer Underdog, Dichter sowie den Schachfiguren Bauer und König, kann in der Verfilmung von „Joker“, dem Hollywood-Highlight der aktuellen Saison, ebenso wie ein anderer Sinatra-Song, „Send in the Clowns“ aus dem Sondheim-Musical „A Little Night Music“, als zeitlose Folie für eine fulminante Vergegenwärtigung des Kinos herhalten. Und damit auch der andere Altvordere unvergessen bleibt, darf die Hautevolee von Gotham City auch einer Aufführung von Charlie Chaplins „Modern Times“ beiwohnen – man kann sicher sein, dass die Herrschaften eher nicht kapiert haben,
dass es ihresgleichen an den Kragen geht.

„Kill the Rich“ lautet der Slogan einer Wutbewegung, die dieses im Jahr 1981 angesiedelte Babylon heimsucht. Und der Auslöser ist ein geschasster Clown, in den das Elend der Entrechteten aller Zeiten hin­einprojiziert zu sein scheint: Elf Jahre nach dem Joker, den der früh verstorbene Heath Ledger in „The Dark Night“ verkörperte, kommt nun ein Wiedergänger in Gestalt von Joaquin Phoenix auf die Leinwand.

Im Zenit von Joaquin Phoenix’ Kunst

Phoenix scheint tatsächlich im Zenit seiner Schauspielkunst angekommen, abgründiger, hässlicher und trauriger ist der auf nicht gerade hoffnungsfroh oder spaßige Rollen Fixierte noch nicht zu sehen gewesen. Und nachdem das unter der Regie von Todd Phillips gedrehte Opus in Venedig soeben den Goldenen Löwen einheimste, dürfte auch allerlei Oscar-Ehren nichts im Wege stehen – eben speziell Joaquin Phoenix hätte die Trophäe noch nie so verdient wie für „Joker“.

„I’ve been a puppet, a pauper, a pirate, a poet / A pawn and a king“: Diese Zeilen, einst von Frankie-Boy in die Welt geträllert, haben als universeller Ohrwurm längst nicht ausgedient. Die Mär von „That’s Life“, also der Gleichzeitigkeit von Marionette, armer Underdog, Dichter sowie den Schachfiguren Bauer und König, kann in der Verfilmung von „Joker“, dem Hollywood-Highlight der aktuellen Saison, ebenso wie ein anderer Sinatra-Song, „Send in the Clowns“ aus dem Sondheim-Musical „A Little Night Music“, als zeitlose Folie für eine fulminante Vergegenwärtigung des Kinos herhalten. Und damit auch der andere Altvordere unvergessen bleibt, darf die Hautevolee von Gotham City auch einer Aufführung von Charlie Chaplins „Modern Times“ beiwohnen – man kann sicher sein, dass die Herrschaften eher nicht kapiert haben,
dass es ihresgleichen an den Kragen geht.

„Kill the Rich“ lautet der Slogan einer Wutbewegung, die dieses im Jahr 1981 angesiedelte Babylon heimsucht. Und der Auslöser ist ein geschasster Clown, in den das Elend der Entrechteten aller Zeiten hin­einprojiziert zu sein scheint: Elf Jahre nach dem Joker, den der früh verstorbene Heath Ledger in „The Dark Night“ verkörperte, kommt nun ein Wiedergänger in Gestalt von Joaquin Phoenix auf die Leinwand.

Im Zenit von Joaquin Phoenix’ Kunst

Phoenix scheint tatsächlich im Zenit seiner Schauspielkunst angekommen, abgründiger, hässlicher und trauriger ist der auf nicht gerade hoffnungsfroh oder spaßige Rollen Fixierte noch nicht zu sehen gewesen. Und nachdem das unter der Regie von Todd Phillips gedrehte Opus in Venedig soeben den Goldenen Löwen einheimste, dürfte auch allerlei Oscar-Ehren nichts im Wege stehen – eben speziell Joaquin Phoenix hätte die Trophäe noch nie so verdient wie für „Joker“.

Abgründiger, hässlicher, trauriger ist der auf nicht gerade spaßige Rollen Fixierte noch nicht zu sehen gewesen.

Dass der triviale Comic-Mythos von Batman im Film-Business so lange reüssieren kann, ist schon das Erste, was bemerkenswert scheint. Das hat wesentlich mit einer Gegenspielerfigur zum Gesellschaftsretter im Fledermauskostüm zu tun: Der edle Ritter der gezeichneten Trivialliteratur ist einfach wesentlich uninteressanter als der Böse, der sein Wirken hinter der Maske des Clowns nur vordergründig zu verbergen sucht. Aber die Abgründe waren immer schon das, woraus sich wahres Drama – auch im Film – emporhebt.

Und so hat sich die Gestalt des Joker weiter und weiter entwickelt, bis sie dort angekommen ist, wo sie Todd Phillips und die aktuelle Joker-Personifizierung Joaquin Phoenix haben wollen: In der Gosse der Gesellschaft, die hier dargestellt erscheint, und die – wiewohl im aktuellen „Joker“ in die 1980er projiziert – so heutig zeitlos daherkommt wie nie zuvor.
So ist Batman, die eigentliche Referenzfigur, schon längst aus dem Plot verschwunden, nur mehr die Fratze des Gegenspielers durchdringt das Handlunsgsgebäude und eine Gesellschaft, die einem ganz und gar bekannt vorkommt, dominiert den Kino­saal – als ob man diesen längst verlassen hätte und draußen in der dystopischen Stadt umherirrte.

Dieses Babylon wie New York

Gotham City hat in „Joker“ viel mehr als sonst mit einem Babylon namens New York gemeinsam. Der Joker heißt im bürgerlichen Leben Arthur Fleck, der vaterlos aufgewachsen ist und nun noch immer bei der als fragile Gestalt dargestellten Mutter (Frances Conroy) lebt. Sein Dasein fristet er als Miet-Clown, aber böse Buben auf der Straße verprügeln ihn einmal oder lassen ihn jedenfalls spüren, dass er wirklich einer ist, mit dem sich die reichen Söhne der Stadt oder gar der Bürgermeister keine Sekunde lang beschäftigen.

Keine Frage, dass dieser buchstäblich in die Gosse Geworfene sich aufbäumt, und wehe, ein wohlmeinender Arbeits-Kumpane überlässt ihm ein Schießeisen – bekanntlich ist in den USA solches nicht nur im Film fatal. Aber einer muss sich wider den schönen Schein auch der Medienwelt entrüsten, zum Harlekin in der Late-Night-Show (kongenial grandios: Robert De Niro als Talkmaster) mag dieser Joker nicht taugen. Aber für die Entrechteten gibt es Gerechtigkeit, erzählt dieser Film. Allerdings um den Preis ganz ordentlicher Gewalt: Hollywood in dieser Façon ist nichts für zarte Gemüter.

Aber wer sich davon nicht beirren lässt, kann der genialen Entäußerung des Protagonisten in der Gestalt von Joaquin Phoenix beiwohnen. Ein Kinoerlebnis ersten Ran­ges. Gut, dass es dieses Hollywood gibt.

Joker_Plakat.jpg - © Warner
© Warner
Film

Joker

USA 2019.

Regie: Todd Phillips.

Mit Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy.

Warner. 122 Min.