Belle - © Polyfilm

„U“, die Parallelwelt in „Belle“

1945 1960 1980 2000 2020

Mit dem überbordenden Cyber-Märchen „Belle“ bestätigt der Japaner Mamoru Hosoda einmal mehr seinen Ruf als einer der eigenwilligsten Animationskünstler der Gegenwart.

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Mit dem überbordenden Cyber-Märchen „Belle“ bestätigt der Japaner Mamoru Hosoda einmal mehr seinen Ruf als einer der eigenwilligsten Animationskünstler der Gegenwart.

Als die graue Eminenz des japanischen Animationsfilms (kurz: Anime), Hayao Miyazaki, vor einigen Jahren ankündigte, sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen zu wollen, war der Aufschrei groß. Alles halb so wild, könnte man einwenden, denn mit seinem jüngsten Anime „Belle“ beweist ein anderer Japaner, nämlich Mamoru Hosoda, erneut, dass er das Zeug dazu hat, Miyazakis Erbe anzutreten. Die Handlung von „Belle“ wurde von der Kritik vermehrt als eine Kreuzung zwischen Spielbergs „Ready Player One“ und dem Disney-Klassiker „Die Schöne und das Biest“ charakterisiert.

In der Tat gibt es da Parallelen: Das Teenagermädchen Suzu lebt mit ihrem Vater in einer japanischen Kleinstadt und flüchtet sich in die virtuelle Welt „U“, wo ihr Avatar unter dem Namen „Belle“ bald zur gefeierten Popsängerin aufsteigt. Dabei stößt sie auf einen verbitterten Drachen, dessen Geheimnis Belle zu ergründen versucht und dabei nicht nur mit seinen, sondern auch mit ihren eigenen Traumata konfrontiert wird.

Wo sich „Belle“ gelegentlich an visuellen Details des Disney-Films bedient (Schloss, Ballsaal, Rose etc.), da führt der Vergleich mit Spielbergs Science-Fiction-Epos eher in die Irre. Ja, auch dort spielt die Flucht in virtuelle Welten eine Rolle, dennoch geht es Hosoda weder um plumpe Technikkritik noch um kulturpessimistische Zitierwut, wie sie Spielberg bis zum Erbrechen praktiziert.

Hosoda zielt hingegen direkt auf den emotionalen Kern von märchenhaften Erzählungen ab. Er nutzt die expressiven, teils übertriebenen Darstellungsweisen der Animes, um seine Geschichte zu entwickeln – und das auf eine Weise, dass auch Kinder davon eine wertvolle Lektion mitnehmen können. Die identitätsstiftende Macht des Internets ist für junge Heranwachsende bereits zu einem derartig integralen Bestandteil ihres Lebens geworden, dass sich „Belle“ einer kategorischen Kritik an der Ersatzrealität des virtuellen Metaverses bewusst verweigert. Schließlich gelingt es Suzu gerade mithilfe ihres Avatars (buchstäblich!), ihre Stimme wiederzugewinnen und dabei sowohl der Trauer über den Tod ihrer Mutter Ausdruck zu verleihen als auch den Kontakt zu ihren Mitmenschen in der realen Welt herzustellen.

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