Diwan - © Foto: APA / AFP / Filippo Monteforte

Venedig hat Cannes abgelöst

1945 1960 1980 2000 2020

Die 78. Filmfestspiele von Venedig haben eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig diese Filmschau geworden ist.

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Die 78. Filmfestspiele von Venedig haben eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig diese Filmschau geworden ist.

Ein bisschen hat man das Gefühl, gerade einen Hattrick gesehen zu haben: Denn nach Chloé Zhao und ihren Oscars für „Nomadland“ und nach der Goldenen Palme für Julia Ducournau für ihren Film „Titane“ räumte nun die Französin Audrey Diwan den Goldenen Löwen für ihr Abtreibungsdrama „L’évènement“ ab. Drei der wichtigsten Auszeichnungen der Filmwelt, die innerhalb nur eines Festivaljahres allesamt an Frauen vergeben wurden – ein einzigartiges Ereignis und ein starkes Signal, dass sich in der bislang so männerdominierten Filmwelt langsam etwas verändert, und zwar nachhaltig.

„L’évènement“ erzählt noch dazu von einem gesellschaftspolitischen Thema, das vielen Frauen seit Jahrzehnten unter den Nägeln brennt. Diwan berichtet von einer Frau im Frankreich der 1960er Jahre, die ihr Kind abtreiben lassen will, zu einer Zeit, als dies dort noch illegal war. Die Verfilmung des autobiografischen Bestsellers „Das Ereignis“ von Annie Ernaux feierte ihre Premiere, kurz nachdem am 1. September in Texas die derzeit wohl schärfsten Abtreibungsgesetze der USA in Kraft getreten waren. Eine weltweite Debatte um das Recht auf Abtreibung ist entbrannt, weil in vielen Ländern die Gesetze wieder verschärft werden. Gerade deshalb ist „L’évènement“ ein ziemlich schmerzhafter Film, der dem Leiden einer Studentin zusehen muss, die wie eigentlich alle jungen Frauen im Frankreich der 60er wissen: Wer schwanger wird, für den gibt es keine anderen Lebensmodelle mehr außer Hausfrau und Mutter. Diwan fängt dies – auch dank ihrer großartigen Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei – in schockierend-beklemmenden Bildern ein, der Hauptpreis von Venedig geht für den Film absolut in Ordnung.

Jedoch hatte die unter der Führung des Koreaners Bong Joon-ho („Parasite“) stehende Jury in diesem Jahr eine reiche Vielfalt an preiswürdigen Arbeiten zur Auswahl. Festivalchef Alberto Barbera hatte ein Top-Programm zusammengestellt. Die mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Neapel-Liebeserklärung „ È stata la mano di Dio“ („Die Hand Gottes“) von Paolo Sorrentino, für die es auch den Nachwuchs-Darstellerpreis für Filippo Scotti gab, ist ebenso lyrisch wie episch. Der Regiepreis an Jane Campion für ihr Western-Brüderdrama „The Power of the Dog“ mit Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst und Jesse Plemons zeichnet sich vor allem durch die Ensembleleistung aus. Mit Maggie Gyllenhaal wurde eine US-Schauspielerin für das Beste Drehbuch geehrt, das sie zu ihrem Regiedebüt „The Lost Daughter“ mit Olivia Colman verfasste. All diese Filme hätten aber auch das Potenzial gehabt, den Goldenen Löwen zu gewinnen.

Nicht minder interessant: „Madres paralelas“ von Pedro Almodóvar, für den Penélope Cruz den Schauspielerinnen-Preis erhielt – sie spielt darin eine werdende Mutter, inszeniert im typischen Stil von Almodóvar. Den Spezialpreis der Jury erhielt mit Michelangelo Frammartinos „Il buco“ der wortkargste Film des Festivals: Er beobachtet das Treiben in einem abgelegenen italienischen Bergdorf, in dem ein großes Höhlensystem entdeckt wird.

Die 78. Filmfestspiele von Venedig haben eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig diese Filmschau geworden ist. Hier sieht man bereits die Oscar-Gewinner von morgen. Es darf gesagt werden: Venedig hat Cannes als Festival Nummer eins endgültig abgelöst.

Der Autor ist Filmjournalist.

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