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Vergebenes Leben – „Vitalina Varela“ von Pedro Costa

1945 1960 1980 2000 2020

„Vitalina Varela“, der Locarno-Sieger von 2019, kommt endlich in die Programmkinos. Ein Referenzwerk für Film im 21. Jahrhundert, dessen düstere Ästhetik auch politisch ist.

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„Vitalina Varela“, der Locarno-Sieger von 2019, kommt endlich in die Programmkinos. Ein Referenzwerk für Film im 21. Jahrhundert, dessen düstere Ästhetik auch politisch ist.

Es gibt Filme, denen das Attribut „Jahrhundertwerk“ wie selbstverständlich zuflattert. Das Filmfestival im Schweizer Locarno ist oft ein Garant dafür, derartige cineastische Kleinodien zu entdecken, auf die Leinwand zu bringen und mit Preisregen zu bedenken.

Im letzten Präsenzjahr, 2019 also, wurde dies dem portugiesischen Film „Vitalina Varela“ und seiner Protagonistin zuteil: Das Opus von Pedro Costa wird nie unter die Publikumsschlager kommen, aber in Bezug auf Filmsprache kann es schon jetzt als Referenzwerk gelten, der Goldene Leopard 2019 als Bester Film und für Vitalina Varela als Beste Hauptdarstellerin weisen den Weg dorthin.

Bei der letzten „Viennale“ konnte das Publikum der düster-berührenden Parabel bereits beiwohnen. Nun kommt das Meisterwerk auch in die Programmkinos. Ein Film, der auf die große Leinwand gehört. Unbedingt. Und nicht auf ein Abspiel gerät in Streamingland: beides probiert, kein Vergleich!

Eine Nähe an der Wirklichkeit

Das eine, was an Pedro Costas Film so besticht, ist die Nähe an der Wirklichkeit. Nein, „Vitalina Varela“ ist kein Dokumentarfilm, aber er erzählt von Menschen am Rand, die, etwa aus den Kapverden in die einstige Kolonialhauptstadt gekommen, ihr Leben fristen und ihre existenziell fordernden Geschichten leben (müssen). „Vitalina Varela“ ist die Geschichte der Titelheldin, die von der Protagonistin selbst gespielt wird, aber nochmals: Er dokumentiert das Leben der Kapverdierin nicht, aber er erzählt es.

Vitalina Varela ist 55 Jahre alt, als sie in Lissabon landet. Über 20 Jahre hat sie gebraucht, bis sie sich den Flug in die portugiesische Hauptstadt leisten konnte, in der ihr Mann, mit dem sie einst auf den Kapverden ein Haus gebaut hat, lebte. Vitalina kommt aber zu spät: Barfüßig steigt sie die Gangway des Flugzeugs herunter – und auf dem Rollfeld empfängt sie eine Putzbrigade, die Reinigungsutensilien wie königliche Insignien vor sich hertragend: „Vitalina … Mein Beileid. Du kommst zu spät. Das Begräbnis deines Mannes war vor drei Tagen. Hier in Portugal gibt es nichts für dich. Sein Haus gehört dir nicht. Geh zurück nach Hause.“ So wird die Protagonistin empfangen.

Aber Vitalina geht nicht zurück, sondern macht sich auf die Suche nach den Spuren von Joaquim, der zwar auf den Kapverden ihr Mann war, in Lissabon aber ein Tunichtgut, der sich als Koch, Elektriker etc. über Wasser gehalten hat, aber auch offenbar als Ganove, jedenfalls war er im Gefängnis. Er hat versprochen, Vitalina nachzuholen – kaum in Lissabon war aber keine Rede mehr davon. All dem sucht Vitalina, vom Leben gezeichnet, aber auf eine eigene Weise schön, auf die Schliche zu kommen.

Pedro Costas Filmsprache kann mit zwei Begriffen umschrieben werden: Langsamkeit und Dunkelheit. Es gibt – mit ganz wenigen Ausnahmen, die natürlich dramaturgisch begründet sind – kein Tageslicht bei dieser Reise in der Gegenwart durch die dunkle Vergangenheit von Joaquim.

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