Kilgore - Auch visuell ist der Film eine makellose Beschreibung der Welt als ein toxisches, expressionistisches Chaos. - © Foto: Constantin Film
Film

Visionäres Nervengift

1945 1960 1980 2000 2020

Zurück im Ausnahmezustand: Die Final-Cut-Version von "Apocalypse Now" ist die beste Fassung des großen Meisterwerks von Francis Ford Coppola.

1945 1960 1980 2000 2020

Zurück im Ausnahmezustand: Die Final-Cut-Version von "Apocalypse Now" ist die beste Fassung des großen Meisterwerks von Francis Ford Coppola.

Mit dem "Final Cut", den Francis Ford Coppola von seinem Film "Apocalypse Now" gemacht hat, steht fest: Dies ist, 40 Jahre nach seiner Uraufführung in Cannes 1979 (wo er die Goldene Palme gewann), immer noch einer der besten Filme, die je gedreht wurden. Es ist ein Meisterwerk und Korrektiv und eine Erinnerung daran, warum das Kino wichtig ist. Die Final-Cut-Version mit einer Länge von 183 Minuten ist die beste Fassung des Films und vermutlich jene, die Coppolas eigener Vision am besten entspricht. Eine Absage an die "kommerziellen Kompromisse", die er für Cannes hatte machen müssen und eine durchdachte Re-Integrierung einiger Elemente (20 Minuten), die er in der "Redux"-Edition (2001) bereits eingefügt hatte.

Während des Vietnamkriegs wird Captain Benjamin Willard (Martin Sheen) 1969 beauftragt, mit der kleinen Crew eines Patrouillenbootes von Saigon aus über feindliche Linien flussaufwärts zu fahren, um den abtrünnig gewordenen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) in Kambodscha aufzuspüren, der in einem Tempel als mörderischer Superguru herrscht.


Dunkelheit, vom Tod durchsetzt

Der Film gliedert sich in vier ungleiche Teile, die sich über drei Akte erstrecken. Am berühmtesten die Sequenz, in der Willard mit Lieutenant Colonel Kilgore zusammentrifft; ein Psychopath, der ein vietnamesisches Dorf zerbomben lässt ("Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen"), um dort surfen zu gehen. Sie verdichtet alle Willkür, das Triumphieren einer technologisch überlegenen Gesellschaft auf wenige Szenen, die zur Musik von Wagners "Walküre" geschnitten sind. Eine zutiefst verstörende Analogie auf Leni Riefenstahls "Triumph des Willens". Schon 1979 war klar, dass ab nun die amerikanische Filmkultur nicht mehr dieselbe sein konnte.

"Apocalypse Now" war (und ist, gemeinsam mit "Star Wars") wegweisend in der Verwendung von 5.1 Soundsystemen als technisches wie künstlerisches Mittel. Man ist durchdrungen vom nervenzerfetzenden Lärmen des Krieges, überwuchert von den Geräuschen des Dschungels. Auch visuell ist der Film eine makellose Beschreibung der Welt als ein toxisches, expressionistisches Chaos. Kameramann Vittorio Storaro gelingen brutale Wechsel von fast naturalistischen Settings hin zu schockierenden Schauplätzen praktisch monochromer Kriegszonen. Im finalen Akt ändert sich das Licht dramatisch, eklatant reduziert, als sparsamer Schlüssel in eine von Tod durchsetzte Dunkelheit.

Der Film ist ein Korrektiv für eine Kultur, die sich darüber in die Tasche lügt, was in Kriegen wirklich passiert, wo Menschen brutalisiert, gefoltert und getötet werden.

Das Originalmaterial wurde in einem Dye-Transfer-Prozess erstmals in einer 4K-Auflösung nachbearbeitet, was dem Film eine reichhaltige Technicolor-Textur gibt. 1979 war "Apokalypse Now" als große Zusammenfassung all dessen angelegt, was die USA seit Beginn des Vietnamkrieges heimgesucht hatte: imperialistische Schande, Rassismus, Jugendrevolten und der Verlust religiösen Glaubens, ersetzt durch mystifizierenden Spiritualismus. Der Willard-Kurtz Antagonismus dramatisiert die Dekonstruktion des US-Exzeptionalismus und die Unsicherheit einer Ära. Eine Atmosphäre, in der jederzeit alles kippen kann (und kippt). Der Film stellt sich gegen die Annahme, dass PostVietnam-Eskapismus legitimiert ist. Er stellt sich gegen die Infantilisierung des Kinos, die fortschreitende Aufwertung des Durchschnittlichen, gegen billige Empörung. Ein Korrektiv für militärische Macht und dekadente Gleichgültigkeit. Ein Korrektiv für eine Kultur, die sich darüber in die eigene Tasche lügt, was in Kriegen wirklich passiert, wo Menschen brutalisiert, gefoltert, versehrt und getötet werden.

Als Willard vor Kurtz's Tempel eintrifft, empfängt ihn einer seiner Lakaien, ein dauerzugedröhnter Fotograf, der sich rasch für die herumliegenden abgetrennten Köpfe entschuldigt: "Und dann ist er wieder total nett!" - Ein Korrektiv auch für den Irrglauben, die USA wollten sich je ihres eingeschriebenen Rassismus entledigen. Viel wurde geschrieben über all die Katastrophen, die die Crew während der extrem langen Dreharbeiten heimsuchten und ja, dies ist auch der Film eines Regisseurs, der die Kontrolle über seinen Film verlor.

Es gibt nur zwei Arten von Apokalypse. Jene, über die man nicht mehr sprechen wird können. Und die, deren Zeugin man bei Coppola werden darf. Ein Privileg durchaus. Man sollte es nutzen.

Poster Apocalypse Now - © Poster: Constantin Film
© Poster: Constantin Film
Film

Apocalypse Now - Final Cut

USA 1979/2019.

Regie: Francis Ford Coppola.

Mit Martin Sheen, Marlon Brando, Dennis Hopper.

Constantin Film. 183 Min.

Furche Zeitmaschine Vorschau