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Von Beziehungen zwischen den Zeilen – „Die Frau, die rannte“

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Frau, die rannte“ bearbeitet der koreanische Regisseur Hong Sang-soo sein wiederkehrendes großes Thema: intime Vergangenheitsbewältigungen.

1945 1960 1980 2000 2020

In „Die Frau, die rannte“ bearbeitet der koreanische Regisseur Hong Sang-soo sein wiederkehrendes großes Thema: intime Vergangenheitsbewältigungen.

„Die Frau, die rannte“ des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo heißt Gamhee (Kim Min-hee, die für diese Rolle den Silbernen Bären gewann). Zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit vor einigen Jahren ist Gamhee für ein paar Tage von ihrem Mann getrennt. Ein Konzept, das er eigentlich nicht zu kennen scheint: „Liebende sollten immer zusammen sein“, so seine Devise, berichtet Gamhee jeder der drei Freundinnen, die sie im Laufe dieses Films trifft.

Für Hong Sang-soo sind diese Aufeinandertreffen ideale Gelegenheiten, jeweils zwei verschiedene Frauen über Dreh- und Angelpunkte in ihren Leben und damit immer auch etwas über die Gesellschaft erzählen zu lassen. Sei es die geschiedene, ältere Youngsoon, die nun mit einer anderen Frau zusammenlebt; Suyoung, die nach Veränderung sucht, aber von einem aufdringlichen Dichter verfolgt wird; oder die Kinobetreiberin Woojin, die von ihrem berühmten Mann genervt ist, mit dem Gamhee früher einmal zusammen war.

Charakteristisch unaufgeregt, in minimalistischen Settings, über lakonischen Humor und in nur scheinbar banalen Dialogen gelingt es Hong Sang-soo auch in seinem 24. Film, zwischenmenschliche Beziehungen zu beleuchten und sein wiederkehrendes großes Thema intimer Vergangenheitsbewältigungen zu bearbeiten. Während die Frauen in alltäglichen Situationen zusammenkommen und aus ihren Leben berichten und dabei ganz alltägliche Dinge tun – kochen, mit den Nachbarn diskutieren, trinken, arbeiten –, wird allmählich immer deutlicher, wie sehr man das eigene Leben, die eigene Vergangenheit, eventuelle Probleme und mögliche Lösungen erst dann richtig versteht, wenn man darüber zum Beispiel in Gesprächen mit jemand anderem reflektieren kann.

Die Männer, um die es in den Erzählungen der Frauen natürlich auch geht, bekommen die Beachtung, die sie offenbar verdienen. Sie bleiben sprichwörtliche (Bild-)Randerscheinungen, blass und bieten insgesamt wenig Grund, sie zu feiern.

Die Autorin ist Filmkritikerin.

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