"Erde" - Carrara - © Geyrhalterfilm
Film

„Was tun wir? Warum? Und wie?“

1945 1960 1980 2000 2020

Das Anthropozän und seine Auswirkungen sind selten so markant sichtbar wie in den riesigen Erd- und Gesteinsbewegungen rund um den Globus.<br /> Nikolaus Geyrhalter über seinen Film „Erde“.

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Das Anthropozän und seine Auswirkungen sind selten so markant sichtbar wie in den riesigen Erd- und Gesteinsbewegungen rund um den Globus.<br /> Nikolaus Geyrhalter über seinen Film „Erde“.

Bei der diesjährigen Berlinale errang Nikolaus Geyrhalter für seinen Dokumentarfilm „Erde“ den Preis der Ökumenischen Jury.

Bei der diesjährigen Berlinale errang Nikolaus Geyrhalter für seinen Dokumentarfilm „Erde“ den Preis der Ökumenischen Jury.

Unfassbare Mengen von Erde und Gestein werden tagaus, tagein bewegt – im Dienste von noch mehr „Zivilisation“ …

Die Furche: Warum haben Sie sich in Ihrem Film der „bewegten Erde“ angenommen?
Nikolaus Geyrhalter: Es gibt Themen, die in der Luft liegen. Es ist ja auch das Anthropozän inzwischen im Bewusstsein angekommen. Geologisch heißt das, dass die Einschnitte durch den Menschen größer sind als jene der Natur. Das ist die Grundthese. Das
ist eine Veränderung, die es bisher nie gab.

Die Furche: Welche Philosophie steckt hinter der Auswahl der Locations im Film?
Geyrhalter: Zunächst ging es darum, Orte zu finden, wo große Erdbewegungen auch sichtbar sind. Dann wollten wir bestimmte Themen drinnen haben. Aber der Film ist jetzt keine Enzyklopädie dafür, was im Westen oder im Osten oder im Norden
oder im Süden passiert.

Die Furche: Aber alle Orte liegen im sogenannten Westen. Sie hätten auch den Drei-Schluchten-Damm in China oder das Megakraftwerk am Rio Xingu in Brasilien nehmen können.
Geyrhalter: Schon. Doch der Drei-Schluchten-Staudamm ist ja fertig, das haben wir, wenn man so will, versäumt. Es ging uns aber nicht um die Orte, sondern darum, ein gewisses Maß an Mensch und Technologie zu zeigen. Und es ist schon der weiße westliche Mensch, der das hauptsächlich macht, der diese Maschinen baut und bedient.

Die Furche: China übernimmt gerade die Führungsrolle in der Weltwirtschaft …
Geyrhalter: ... doch in China ist es mit Drehgenehmigungen schwierig. Außerdem funk­tioniert China anders: Bis in China etwas auftaucht, ist es schon gebaut. Es gab dort Projekte, die uns interessiert hätten, aber als das spruchreif war, waren zumindest die Erdarbeiten so gut wie fertig. Das sind große Baustellen, die mit Erdarbeiten beginnen, und dann werden dort Städte hingebaut. Für uns war das in Kalifornien planbarer. Vom Ergebnis her ist es ja dasselbe.

Die Furche: Was Sie zeigen, handelt von Zer­-störung – und gleichzeitig von Schönheit.
Geyrhalter: Ja, da steckt viel Ästhetik drinnen. Da gibt es eine große Ambivalenz. Die spiele ich auch dem Publikum zu: Diese Orte sind auch beeindruckend, überwältigend – eben schön, in all ihrer Zerstörung. Es hat zum Teil etwas sehr Kunstvolles – selbst in den Bergbaugebieten: Da wird ja nicht drauflosgebaggert, das hat ja ein System. Es entstehen künstliche Landschaften, die auch ihre Berechtigung haben.

Die Furche: Sie verwenden auch eine Ästhetik des Bildhaften: Jedes Kapitel be­ginnt mit einer Aufnahme hoch aus der Luft. Man ist zwischen Weltall und Erde und schaut auf dieses Bild, das erst einmal nicht bedrohlich aussieht.
Geyrhalter: Auf den zweiten Blick aber schon. Man kennt ja Google Earth, die Welt von oben, die so harmlos aussieht. Doch man ist nicht gewöhnt, dass sich in diesem Bild dann doch etwas bewegt. Dann wird einem durch den Schritt nach unten bewusst, welche Dimension man da gesehen hat. Von oben kann man nicht wirklich wahrnehmen, dass das wirklich groß ist.

Die Furche: Zunächst einmal ist es ein anonymer Ort; aber wenn man dann auf der Erde steht, wird er greifbar …
Geyrhalter: … und dann wird es noch greifbarer mit den Menschen.

Wir sind nicht imstande, über einen kurzen Zeithorizont hinauszudenken. Als Zivilisation haben wir uns nicht unter Kontrolle.

Nikolaus Geyrthalter

Die Furche: Und die haben welche Funktion?
Geyrhalter: Die Menschen tun ihre Arbeit. In diesem Film fand ich es wichtig, mit den Personen vor Ort Interviews zu machen, weil sonst das Publikum geneigt wäre, einen möglicherweise empfundenen Unmut über die Maschinen etc. diesen Leuten in die Schuhe zu schieben. Aber das wäre zu simpel. Wo immer gebaut wird, wird es gemacht, weil es die Gesellschaft auch fordert. Wenn jemand Baggerfahrer ist, dann um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und weil es einen Grund gibt, dort zu baggern. Wenn man mit diesen Menschen redet, bekommt man auch ein Gefühl dafür, was wirklich passiert. Und dass es Leute sind, die nachdenken.

Die Furche: Die Leute machen nicht bloß eine „schmutzige“ Arbeit, die sind schon auch mit Feuer und Flamme dabei ...
Geyrhalter: … und einen Bagger zu bedienen, ist ja nicht so einfach. Das ist ein solides, professionelles Handwerk.

Die Furche: Es ist auch berührend, wenn – wie im Kapitel über den Abbau von Carrara-Marmor – der Arbeiter erzählt, dass er weggegangen und wieder zurückgekehrt ist, weil er dort seine Lebensaufgabe entdeckt hat.
Geyrhalter: Wir haben durchwegs Menschen getroffen, die ihre Arbeit gern machen. Ich verstehe das: Es ist Arbeit in der Natur, auch wenn die Natur sehr archaisch auf Stein und Gebirge reduziert wird.

Die Furche: Im Kapitel zu den Minen von Rio Tinto zeigen Sie auch Archäologie ...
Geyrhalter: … weil man dort sieht: Schon vor Tausenden von Jahren gab es Bergbau. Heute wächst das exponentiell: Die Maschinen werden größer, der Bedarf wird mehr und es geht sehr viel schneller und verur­sacht größere Wunden in der Erdoberfläche. Aber neu ist es nicht.

Die Furche: Dokumentiert „Erde“ den Verlust oder doch auch einen Aufbau?
Geyrhalter: Es ist das Festhalten eines Momentanzustands am Beginn des 21. Jahrhunderts. Was tun wir? Warum tun wir das? Wie tun wir das? Die Wertung kommt erst hinterher – und vor allem vom Publikum.

Die Furche: Aber es ist schon eine im weitesten Sinn politische Idee dahinter?
Geyrhalter: Im Grunde ist jeder Dokumentarfilm politisch. Klar ist aber: Es gibt viele Menschen, die sich einen hohen Lebensstandard wünschen, und sie haben auch ein Recht darauf. Und dann passiert eben, was passiert.

Die Furche: Sie haben vor fast 15 Jahren in „Unser täglich Brot“ Nahrungsmittelproduktion und -verschwendung und Hunger thematisiert. Da scheinen diese Problematiken unmittelbarer zu sein als in „Erde“.
Geyrhalter: Wo man genauer hinschaut, findet man diese Problematiken. Bei „Erde“ zeigt sich: Aus geologischer Sicht gibt es kein Problem. Wir zerstören wohl unsere Lebensgrundlage. Aber die Welt wird sich weiterdrehen – mit oder ohne ein paar Narren. Wir denken zwar: Arg, was wir hier tun. Doch es ist nur arg, weil wir vom Idealbild einer „unberührten“ Natur ausgehen. Die verändern wir. Aber da sind Meteoriten eingeschlagen, da sind Krater geblieben. Jetzt gibt es halt einen Berg, der abgeschnitten wurde und nicht „natürlich“ erodiert ist. Man kann es auch entspannt sehen.

Die Furche: Aber einiges im Film geht unter die Haut, wenn etwa in einem ehemaligen Salzbergwerk radioaktiver Müll „zwi­schengelagert“ wird: Da treffen zwei Sphären aufeinander – der Mensch, der in 100-Jahr-Dimensionen denkt, und die geologische Komponente, in der nach Jahrmillionen gezählt wird. Jetzt muss der Mensch mit seiner Kürzestperspektive ein Endlager suchen, das eine Million Jahre sicher ist.
Geyrhalter: Das sind die spannenden Geschichten: Wir sind nicht imstande, über einen kurzen Zeithorizont hinauszudenken. Doch wir arbeiten mit Technologien, die das
eigentlich erfordern würden. Als Zivilisation haben wir uns nicht unter Kontrolle.

Rezension zu "erde"

Sieben statuierte Exempel des Raubbaus an der Erdkruste

Im kalifornischen San Fernando Valley werden Berge geschliffen – für neue Städte. Durch den Brenner wird der längste Eisenbahntunnel der Welt gebohrt. Im ungarischen Gyöngyös verändert der Braunkohletagbau die Landschaft. In Carrara, Toskana, wird heute 100 Mal mehr Marmor abgetragen als noch vor 30 Jahren. Im andalusischen Rio Tinto gab es schon in der Bronzezeit Bergbau. Im Salzstock bei Wolfenbüttel lagert radioaktiver Müll. Und im kanadischen Alberta werden auf indigenem Land Ölsande ausgebeutet. – An sieben exemplarische Orte reist Nikolaus Geyrhalter in seinem neuen Film „Erde“, um das titanische Ausmaß aufzuzeigen, mit dem global Erde und Gestein verschoben werden –zur höheren Ehre der Zivilisation. – Großartige Bilder, langsam entwickelte Geschichten des Raubbaus, erzählt auch von den Arbeiter(inne)n und Ingenieuren, die an den Megabaustellen dieser Welt tätig sind. Eine bis in jedes Detail eindrückliche Bestandsaufnahme, perfekt designt (auch beim Sound, dafür wurde Florian Kindlinger auf der Diagonale ausgezeichnet). Und ganz und gar nicht kulturpessimistisch, denn auch das Faszino­sum des Arbeitens an diesen Orten kommt gebührend zur Geltung. (Otto Friedrich)

Erde Film - © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion
© Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion
Film

Erde

A 2019. Regie: Nikolaus Geyrhalter. Stadtkino. 115 Min.