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Literatur

48 Stunden Haft

1945 1960 1980 2000 2020

FRÉDÉRIC BEIGBEDER ERGIBT SICH DEM SELBSTMITLEID.

1945 1960 1980 2000 2020

FRÉDÉRIC BEIGBEDER ERGIBT SICH DEM SELBSTMITLEID.

Der exzessive Kokainkonsum im Roman "Neununddreißigneunzig" (2001), dem fünften Buch des Werbefachmanns Frédéric Beigbeder, das hierzulande als sein erstes wahrgenommen wurde, hat nun gewissermaßen erzählerische Folgen. Koksen in der Öffentlichkeit hinterlässt im Leben des Ich-Erzählers die Kränkung einer 48-stündigen Untersuchungshaft.

Das erfahren wir nun, sechs Bücher später, in "Ein französischer Roman", der als Gattungsbezeichnung ein weiteres "Roman" angehängt bekommt, was ihn als doppelt fiktionalisiert markiert, während der Klappentext die Geschichte als autobiografisch ausgibt. Jedenfalls fördert das Erlebnis verschüttet geglaubte Kindheitserinnerungen des Erzählers oder Autors zutage; die angekündigte Darstellung der gesellschaftlichen Veränderungen wird daraus allerdings nicht. In der öffentlichen Wahrnehmung fällt das kaum auf, denn auch im französischen Literaturbetrieb gibt es gut eingespielte Marketing-Paarläufe, Michel Houellebecq und Beigbeder versichern einander mit schöner Regelmäßigkeit ihre Bedeutsamkeit.

Hohle Attitüde

"Ich bin jetzt alt genug, um eine ganze Lebensart verschwinden gesehen zu haben", meint der Erzähler, wie der Autor Jahrgang 1965. Es scheitert auch nicht am Alter, sondern an der Verwechslung der eigenen Person und ihren äußerst speziellen Wahrnehmungen mit der Gesellschaft. Das Kind aus dem Nobelviertel nimmt die Geschicke seiner Familie und sein Streunen am Rande der Prominentenszene zwischen Cocktailempfängen und Nobeldiscos als Zustandsbild der Gesamtgesellschaft.

"Der französische Staat behauptet, sein Möglichstes für den sozialen Aufstieg seiner Bürger zu tun, aber eine Hilfe beim Abstieg ist nicht vorgesehen", meint der Erzähler, und das zielt nicht auf die in Armut geratenen Modernisierungsverlierer, sondern auf die Wechselfälle im Leben seiner immer noch gut situierten, wiewohl geschiedenen Eltern. Die Trennung der Eltern ist ein traumatisches Erlebnis, aber seinen prinzipiellen "Dissens" mit der Gesellschaft damit zu erklären, dass sie "meint, sie müsse Menschen vor sich selbst schützen und sie daran hindern, sich zu schaden - als könnte der Mensch anders leben, als angenehme Laster und giftige Substanzen zu sammeln", ergibt doch ein d ü r f t i g e s Fundament für ein Gesellschaftspanorama und geht über eine hohle Attitüde kaum hinaus.

Authentisch wirkt nur die Empörung über die Zustände in der U-Haft, was Beigbeder allerdings keineswegs dazu anregt, sich für Schicksale aus jenen sozialen Schichten zu interessieren, die in der Regel das Gros der Zelleninsassen stellen. Stattdessen ergibt er sich mit einiger Melodramatik dem Selbstmitleid: "mein kleiner Liebling Ich darf nicht zu sehr an dich denken Das tut zu sehr weh", sagt er über seine eigene Scheidungswaise und kämpft mit "übermenschlicher Anstrengung" um Haltung. Vielleicht ist manches nur schlecht übersetzt, in jedem Fall tut es beim Lesen doch weh, frau kann mit dem Autor nur seufzen: "Mann, ich wusste doch nicht, dass er es nicht wusste."

Ein französischer Roman Von Frédéric Beigbeder Übers. von Brigitte Große Piper 2010.252 S., geb.,€ 20,60