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„Ajatollah Khomeini ist lebendiger denn je"

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Verbindung von Hakenkreuz und Halbmond gegen die „Westmächte" feiert fröhliche Urständ: eine europäischiranische Mesalliance gegen den Großen Satan.

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Eine Verbindung von Hakenkreuz und Halbmond gegen die „Westmächte" feiert fröhliche Urständ: eine europäischiranische Mesalliance gegen den Großen Satan.

Dort, wo sich Montrose Road und Seven Locks kreuzen, treffen die Washingtoner Vororte Rethesda und Rockville aufeinander. Die Stelle ist mit jüdischen Schulen und Gemeindezentren nur .so gespickt. Mitten in diesem mehrheitlich jüdischen Wohnort, hinter der Rrücke über die Autobahn, hat eine ganz andere Gemeinde ihr US-Hauptquartier: regimetreue Iraner. Die Straßenecke wird von einem Hügel dominiert, auf dem die Polizei von Rockville ein Gebäude mit Radioturm unterhält.

Mit den Slums von Südteheran oder den Flüchtlingslagern Südbeiruts hat diese Villengegend wenig gemein. Das Hauptquartier der Khomeini-Jünger liegt halb im Wald und ist von der Straße nicht einsehbar. An manchen Tagen ist hier keine Menschenseele zu erblicken. Die Gemeinde ist über den Großraum Washington verstreut und kaum ein Mitglied wohnt in der Nachbarschaft des Zentrums. Die meisten der eine Million Iraner in den USA sind Gegner des Teheraner Regimes. Für sie ist das weiße Gebäude in Rockville ein rotes Tuch.

Dennoch kommen an Feiertagen mehr als tausend Menschen hier zusammen. Jn den Nächten des Mu-harram, des heiligen Monats der Schiiten, reicht der riesige Parkplatz kaum für die Hälfte der Resucher. Das Zentrum nennt sich Islamic Educational Center (IEC). Unter dem Deckmantel des Religionsunterrichts wird Stimmung gemacht - gegen alle Feinde der Islamischen Republik Iran.

An diesem Samstagabend haben sich in Rockville Khomeinis Getreue versammelt, um den fünften Todestag des Ajatollah Khomeini zu begehen. In der Haupthalle sind Khomeini-Bil-der aufgestellt, jeweils von einem Kranz eingerahmt, in den Rlumen gesteckt sind. Die „Mullahkratie" in Teheran will die Rotschaft verkünden, daß Khomeinis Geist unter uns weilt, daß er lebendiger ist denn je, daß sein Werk wächst und gedeiht.

Heute ist ein Rruder aus. der Schweiz zu Gast, Ahmad Huber. Seit 15 Jahren schon ist er als Sprecher des Khomeinismus in Bern tätig und reist um die Welt, um den Getreuen Mut zu machen. In der Schweizer Presse hat der kürzlich in den Ruhestand getretene Journalist manche Kontroverse ausgelöst. Seine Landsleute tun ihn als Wirrkopf ab, aber welcher Prophet gilt schon etwas in seiner Vaterstadt? Hier am IEC in Washington ist Ahmad Huber ein Star. Von der Erscheinung her Helmut Kohl nicht unähnlich, spricht er mit Lebenskraft und großem Selbstvertrauen.

Unter dem überwiegend iranischen Publikum sind auch einige Afghanen, Pakistani und schiitische Inaer. Ferner sitzen da auf dem Teppichboden zwei Dutzend Schwarzamerikaner mit vielen Kindern -und den Frauen auf der anderen Seite des Saals. Diese amerikanischen Neubekehrten sind die aufmerksamsten Zuhörer.

Ahmad Huber ergeht sich in Wutausbrüchen gegen die verdammte Freiheitsstatue in New York, beleidigt alle US-Präsidenten von George Washington bis Bill Clinton, zertrampelt die Menschenrechtserklärung und geifert gegen alles, was den Amerikanern heilig ist. Und immer wieder Angriffe auf Weltjudentum und Freimaurer.

Hat er vor lauter Zorn Schaum vor dem Mund oder scheint es nur so, weil er wieder von Juden und Amerikanern als Abschaum der Menschheit spricht? Am heftigsten ereifert er sich über das „schändliche Machwerk" Schindlers Liste. „Hitler hat sechs Millionen Arbeitslose von der Straße geholt. Um diese großartige Leistung zu schmälern, hat man die Geschichte mit den sechs Millionen jüdischen Opfern des Faschismus erfunden."

In ritualistischer Manier verneigt sich der Gastredner alle sechs Minuten vor dem Bild „jenes großen Mannes". Er selbst sei ja Sunnit, hätte sich jedoch der Anziehungskraft des Großaja-tollah nicht entziehen können, der heute lebendiger sei denn je. „Khomeini lebt fort in Berlusconi, dem rechtsgerichteten neuen Ministerpräsidenten Italiens. Wie lebendig die Botschaft des Imam ist, zeigt sich am Vormarsch des Neo-Faschismus in Italien und anderswo. Der Neo-Faschismus richtet sich nicht gegen Moslems, er richtet sich gegen Amerika. Endlich stellen sich die Europäer den Amerikanern entgegen und folgen der Linie des Imam Khomeini." Das ist das zentrale Thema der Huber-Botschaft an die schiitischen Brüder. Als Volksredner versäumt er es nicht, den Beitrag des Großajatollah zur Befreiung der Frau zu würdigen. Diesmal ist es eine der zahlreich erschienenen Tschador-Frauen, die begeistert „takbir" ruft, worauf die Menge in ein dreimaliges „Allahu Akbar" ausbricht.

Huber begeistert sich für Remer; die beiden Ältnazis verbringen viel Zeit miteinander. Inzwischen mußte der 81jährige Generalmajor a. D. Otto Ernst Remer in Spanien untertauchen, weil er im Februar dieses Jahres eine Gefängnisstrafe wegen Volksverhetzung hätte antreten sollen. Als junger Offizier schlug Remer den Putschversuch vom 20. Juli 1944 nieder. Anfang der fünfziger Jahre trat der forsche Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub vor die Nachkriegsöffentlichkeit und läutete die Geburt des Neo-Nazismus ein. Bei Berlinbesuchen traf sich der Kreis der Unbelehrbahren im Gemeindehaus der Wilmersdorfer Moschee in der Brienner Straße 7-8, im

Schatten der beiden zerschossenen Minarette, von denen aus die SS mit MGs die Reichshauptstadt verteidigt hatte.

Das Gebäude in der Brienner Straße ist Privatbesitz einer Sekte, doch früher war es die einzige Moschee von Berlin. Imam war damals der 21jährige Herbert Hobohm, mit moslemischem Namen Muhammad Aman. Zusammen mit einem Dutzend Hitler-Jungen hatte er sich seinerzeit für die anderen Semiten begeistert, für die Araber, und war zum Islam übergetreten. Samstagabends war offenes Haus mit Diskussionsrunde über den Islam. 1952 nahm das zuweilen die Gestalt von Lagebesprechungen mit Generalmajor Remer an. Ein Hamburger aus jener Gruppe, Amyn Neuhaus, hielt sich bis in die späten achtziger Jahre als Chef einer Deutschen Moslem-Liga. Sie war ein reiner Papiertiger, sozusagen ein Nostalgie-Club der , Zahnlosen unter den Führer-Getreuen.

Im Gegensatz zu Schwärmern wie Neuhaus und Agitatoren wie Huber fand Hobohm Erfüllung in verdienstvollem Wirken für das Vaterland. Die Remer-Zeit liegt weit zurück, aus dem Jung-Neo-Nazi-Imam ist ein pensionierter Diplomat mit Enkelkindern geworden, die alles andere als „rassenrein" sind. Die verstorbene Frau des weltgewandten Lübeckers war Pakistanerin.

Auch Frau Huber ist nicht „rassenrein", sondern Ägypterin. In diesem Punkt haben die Konvertiten aus der Hitler-Jugend die Lehren des Führers dem Trend der Zeit angepaßt. An die Stelle der Gelben Gefahr und des Feindbildes Slawe ist bei ihnen der Große Satan im Weißen Haus getreten. Würde Huber im christlichen Rem so reden wie im jüdischen Rockville, dann würde er wohl ebenso wie Remer wegen Aufstachelung zum Rassenhaß verurteilt werden.

Davon kann ein anderer Haßprediger ein Lied singen, und zwar Ian Dallas, mit moslemischem Namen Schaikh Abdul-Qadir Al-Muräbit. Er verehrt Richard Wagner und rekrutiert seine Anhänger mit Vorliebe in deutschen Landen, doch an die Stelle der Nibelungen will er die Tuareg setzen. Sie sollen Miami mit Atomwaffen auslöschen; denn dort gäbe es die stärkste Ansammlung reicher Juden. Als Autor von einem Dutzend Rüchern ist der Schotten-Schaikh in der islamischen Welt kein Unbekannter, doch seine Anhänger setzen sich aus europäischen und amerikanischen Konvertiten zusammen. In Süddeutschland wurde wegen seines Antisemitismus gegen ihn demonstriert. Lange vor Remer schon ist Dallas in Spanien ansässig geworden.

Ahmad Huber hat es da besser getroffen, hinter ihm stehen Staaten: die Islamische Republik und - darf man seinen Worten Glauben schenken - die Italienische Republik. Mögen die Schweizer noch so über den „durchgedrehten Huber" spötteln, er besitzt eine Schlüsselfunktion als Stimmungsmacher für Teherans internationale „Gottespartei" - vom Libanon her als Hizbollah bekannt.

Noch hat die Maryland State Police, Rockville, keinen blassen Schimmer davon, was bei den Nachbarn im weißen Flachbau gepredigt wird, und die Juden ringsum sind zu beschäftigt mit dem Rau neuer Schulen und Synagogen. Doch seit der Explosion im New Yorker World Trade Center setzt sich beim FBI die Erkenntnis durch, daß es sich bei den Islamisten nicht um religiöse, sondern'um politische Extremisten handelt - und die nimmt man ernst. Eine im Herbst erscheinende Fernsehreportage über die Islamisten-Aktivitäten wird die Amerikaner auch mit dem Schweizer Bruder Ahmad bekanntmachen.

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