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Als Hecht im Haifischteich

Anlässlich des Welttages des Buches am 23. April präsentiert dieses Dossier einige ausgewählte literarische Kostproben, vorwiegend aus heimischer Küche. Von Daniel Kehlmann, Evelyn Schlag, Radek Knapp, Sabine Gruber spannt sich der Bogen bis hin zu literarischen Erkundigungen in Graz, die auch nach dem Jahr 2003 von Bedeutung sein werden. Zitate aus dem neuen "Sachlexikon des Buches" lenken den Blick auf das alte, immer neue Medium, das interessante Stunden garantiert. Redaktionelle Gestaltung: Brigitte Schwens-Harrant

Wenn man für einen österreichischen Verlag arbeitet, kommt man früher oder später drauf, dass dieser Verlag einen ganz großen Vorteil hat: seinen Standort. Die österreichischen Buchhändler sind echte Patrioten. Ein österreichischer Verlag genießt zunächst einmal ihre Zuneigung und man muss sich schon einiges einfallen lassen, um sie zu vergrämen.

Relativ bald stellt man allerdings auch fest, dass der österreichische Verlag einen relativ gravierenden Nachteil hat: seinen Standort. Die deutschen und die Schweizer Buchhändler gehen prinzipiell einmal nicht unbedingt davon aus, dass sie jedes Buch aus unserem österreichischen Verlag dringend benötigen, und es ist nicht zu erwarten, dass ihre Kunden deshalb reihenweise Protestkundgebungen abhalten.

Das ist die Grundsituation und an der kommt niemand vorbei. Es gibt einen deutschsprachigen Markt, der sich auf drei Länder verteilt, in denen (mehr oder weniger) die gleiche Sprache gesprochen wird. Eines dieser drei Länder ist größer, und zwar um vieles, und das ist nicht Österreich.

Regional oder überregional

Als österreichischer Verleger kann man natürlich sagen: Ich konzentriere mich auf mein Umfeld, ich produziere für einen Markt, der zwar kleiner ist, den ich aber genau kenne und gut einschätzen und auch erreichen kann. Das ist zweifellos möglich; vor allem im Sachbuchbereich. Schwieriger wird es in der Literatur - "Belle" sagen unsere deutschen Kollegen; der Österreicher dreht sich um und schaut, wo der Schäferhund versteckt ist.

In der sogenannten Belletristik also ist der Markt weniger leicht einzugrenzen und damit auch einzuschätzen, denn während jeder einsieht, dass "Der Oberlauf des Wurzbachs und seine Fauna" bereits am Unterlauf des Wurzbachs wenig Fans findet, geht es in der Literatur um die ganz großen Themen, um das Leben, die Liebe und den Tod, und dabei handelt es sich ja bekanntlich um überregionale Phänomene.

Blut geleckt

Und damit fängt es an. Aus dem kleinen Verlag wird ein mittelgroßer und mittelgroße Verlage haben es nicht unbedingt leichter als kleine. Wer in Österreich der Hecht im Karpfenteich war, stellt schnell fest, dass der überregionale Markt einige deutlich größere Fische zu bieten hat, die von der Form her etwas beunruhigend Haiähnliches haben. Nun sehnen wir uns in Wahrheit schon wieder zurück an den Oberlauf des Wurzbaches, aber jetzt ist es zu spät. Wir haben investiert, in Presse, Vertrieb, und Frankfurter Buchmesse, und vor allem: auch die Autoren haben Blut geleckt. Ich mag Autoren. Wirklich. Aber es gibt keine andere Spezies, die so feine Nüstern hat, wenn sie den Vorteil eines Kollegen wittert, sich selbst im Nachteil wähnt. War einer bei den "Hamburger Lesetagen", wollen alle hin. Hat der erste an "Cottbus liest" teilgenommen, sieht keiner mehr ein, wieso Cottbus nicht auch seinen Gedichtband lesen sollte. Die Homepage des Verlages wird eifrig besucht. Nicht etwa von interessierten Lesern, oh nein. Hier kontrollieren die Autorinnen und Autoren des Verlags gegenseitig ihre Lesungstermine. Geografische Dichte, Häufigkeit, Besonderheiten. Die diesbezüglichen Vorwürfe lassen auf das Vorhandensein von Grundkenntnissen aus dem Bereich der Statistik und penibel geführte Strichlisten schließen. Und was ist die häufigste Drohung? "Dann geh ich eben zu einem deutschen Verlag."

Der Verleger schluckt die Antwort "der wird Dir schön was husten" hinunter und verspricht, das Marketingbudget noch einmal genauer zu überdenken. Der Autor hat mitten ins Herz getroffen; er weiß, wo es weh tut. Österreichische Autorinnen und Autoren, die es sozusagen geschafft haben, gehen, mit wenigen Ausnahmen, zu deutschen Verlagen. Das verleiht dem österreichischen Verlagswesen etwas sonderbar Sandkistenartiges, so in der Art von "Später, wenn Du einmal groß bist, wirst Du bei einem richtigen Verlag sein."

Autor A, mit dem ich früher zusammengearbeitet habe und der eigentlich normalerweise über eine gewisse Grundintelligenz verfügt und auch ein ganz liebes Kerlchen ist, hat einmal zu dem mit uns beiden befreundeten Autor B gesagt: "Weißt Du, in Österreich, zum Beispiel, die Lektoren, das sind sehr begabte Amateure. In Deutschland sitzen die Profis." Autor B, hocherfreut über solch unerwartete Munition, kam mit der Meldung netterweise gleich direkt zu mir. Meine wutschnaubende Frage, wodurch sich das Profitum des deutschen Lektors als solches erweise, konnte er sofort beantworten, weil er sie, schon aus Eigeninteresse, natürlich auch selbst an Autor A gerichtet hatte: "Die haben so Programme, zum Beispiel, die zählen Wortwiederholungen." Wollen wir uns kurz vorstellen, was das Programm aus Thomas Bernhard gemacht hätte? Ich mutmaße, dass sich die meisten Bibliotheken mit dieser Wunderwaffe um einige Laufmeter verringern lassen würden. Zum Vorteil des einzelnen Werkes?

Verlag oder Buch?

Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge. Mit Zsolnay, Haymon, Deuticke und Residenz haben zum gegenwärtigen Zeitpunkt vier der wichtigsten österreichischen Verlage deutsche Eigentümer. Das muss, wie das Beispiel Zsolnay zeigt, nicht schlecht sein. Daneben stehen eine Reihe von mutigen Kleinverlegern, die (zumeist) vor allem auf den österreichischen Markt setzen. Im Prinzip können alle nebeneinander existieren und niemand tut dem anderen weh. Kein Leser kauft ein Buch, weil es beim Verlag X erschienen ist. Die meisten kaufen ein Buch, weil sie den Autor bereits kennen und schätzen, oder weil sie von irgendjemandem gehört haben, dass das ein wunderbares Buch ist. Das funktioniert erfahrungsgemäß über alle Grenzen hinweg. Wunderbare Bücher entstehen in Österreich, in der Schweiz, in Deutschland und übrigens auch im Rest der Welt. Hoffen wir, dass es weiterhin Rahmenbedingungen gibt, für Autoren, für Verlage und ihre Mitarbeiter, für Buchhändler und für Journalisten, die garantieren, dass das Gespräch nicht abreißt: über das Leben, die Liebe, den Tod, und all die anderen Sachen, die ja, wie schon erwähnt, bekanntlich überregionale Phänomene sind ... Den Rest machen die Bücher schon ganz alleine.

Die Autorin ist Verlagsleiterin und Geschäftsführerin der Verlage Deuticke und Residenz.

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