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Am Ende: Knochen im Grab

Philip Roth hat einen neuen "Jedermann" geschrieben.

So schwarz wie das Original-Cover kommt die deutsche Version nicht daher. Sie dämpft mit einem Hauch von Grün. Der Text aber dämpft nicht, er führt vors Grab und in den Tod.

Auch Philip Roths "Jedermann" - der als solcher nie bezeichnet wird, er bleibt namenlos - begegnet der Tod von Jugend an: in Gestalt eines toten Seemanns, den das Meer an die Küste gespült hat, in Gestalt eines Jungen, der im selben Krankenhauszimmer liegt. Jahre später klopft er wieder an, der Protagonist hat Probleme mit dem Herzen - ja, mit dem Herzen! -, Bypässe werden ihm eingesetzt, später ein Defibrillator, bald gibt es fast jedes Jahr einen Grund, das Krankenhaus aufzusuchen. Dennoch und wie jedermann verschiebt er stets den Gedanken an den Tod, es reicht doch, sich über die Vergänglichkeit Sorgen zu machen, wenn man fünfundsiebzig ist.

Die Furcht vor einem weiteren Terroranschlag - vor dem Tod! - treibt ihn nach dem 11. September 2001 aus New York in ein Seniorendorf an der Küste, wo alle wohlhabend und gesund scheinen und gerne seine Malkurse besuchen. Die Sehnsucht, doch wieder in einer Familie zu leben, kann er sich nicht mehr erfüllen. Am Ende kommt der Tod überraschend und unbemerkt. Roths Jedermann stirbt unbegleitet von Menschen, die er geliebt - und die er verletzt und verlassen hat.

Ein ganz normales Leben

Es ist eine ganz normale Geschichte: ein Mann Anfang Siebzig hadert mit seinem Alter und der Gebrechlichkeit seines Körpers und nach und nach auch mit seinem Leben. Alltäglich ist auch der Beginn, ein ganz nomales Begräbnis, sein Begräbnis. "Aber es ist ja gerade das Alltägliche daran, was am meisten schmerzt, die wieder einmal erneuerte Erkenntnis der Unabweislichkeit des Todes, die alles überwältigt." Streng diesseitig geht es zu. Roths "Prolog" kann daher nicht im Himmel stattfinden. Die Hinterbliebenen sind es, die ein Urteil über den Verstorbenen abgeben: "Nichts Besonderes war gesagt worden." Abgang.

Dann kommen der Verstorbene und sein Leben in den Blick. Ein erfolgreicher Werbefachmann, dreimal verheiratet, zwei Söhne, eine Tochter, finanziell keine Sorgen, im Alter wurde er, was er eigentlich immer sein wollte - Maler. Er wirkt wie ein Durchschnittsmensch und als solcher empfand er sich auch. Auch seine Scheidung war doch nichts Außergewöhnliches - also warum kommen seine inzwischen erwachsenen Söhne aus erster Ehe damit nicht zurecht? Hatte er als Durchschnittsmensch nicht auch ein Recht darauf, "letztendlich Verzeihung zu erlangen für jegliche Entbehrungen, die er seinen unschuldigen Kindern zugemutet haben mochte, um nicht die Hälfte seiner Zeit schier verrückt zu werden"?

Die Söhne sind Quelle seiner tiefsten Schuldgefühle, dabei war er doch "einer von Millionen amerikanischen Männern, deren Familie durch eine Scheidung auseinandergebrochen war. Aber hatte er ihre Mutter geschlagen? Hatte er seine Söhne geschlagen? Hatte er es ihrer Mutter oder ihnen an Unterstützung fehlen lassen? ... Niemand konnte behaupten, es sei nicht genug Traurigkeit oder nicht genug Bedauern vorhanden, um die Fuge von Fragen hervorzurufen, mit der er die Geschichte seines Lebens zu verteidigen versuchte."

Jedermann verteidigt sich

Ein Jedermann muss sich - so kennt man es von den literarischen Vorbildern - verteidigen. Kein Gottesgericht aber verlangt hier Rechenschaft über das Leben, selbst die Söhne nicht. Die Abwesenden schweigen, und doch sind sie seine Ankläger, die alles an ihm verkleinern, was doch eigentlich an ihm "in Ordnung war und was, wie er glaubte, fast alle anderen genauso sahen." Was ihn schließlich aufbegehren lässt: "Ihr miesen Schweine! Ihr ewig beleidigten Arschlöcher! Ihr arroganten kleinen Scheißer! ... Ich bin einundsiebzig. Das ist der Mann, den ich aus mir gemacht habe. Das habe ich getan, um hierherzugelangen, und mehr ist dazu nicht zu sagen!"

Doch Familien auflösen war seine Spezialität, vor allem aber wirkt da dieser ganz große Fehler nach: seine große Liebe - seine zweite Frau Phoebe - wegen dem kleinen Loch einer anderen zu verlassen. "Er hatte die hilfsbereiteste Frau, die man sich vorstellen konnte, gegen eine Frau eingetauscht, die unter leisestem Druck zusammenbrach." Ist das nun ein Schuldeingeständnis? Oder ganz und gar egoistisch?

Das ist Roth, wie man ihn mag. Eindeutig ist da nichts. Das - im Unterschied zu seinem letzten Romanepos vergleichsweise schmale - Werk kommt schlicht daher und ist doch kunstvoll komponiert. Zahlreiche Motive durchziehen den Text, etwa der Diamant, als Symbol für Unvergängliches. Vor allem aber das Grab: "Around the grave", "Um das Grab" - mit diesen Worten beginnt der Roman. Ein Grab wirft für die, die davor stehen, die Frage aller Fragen auf: Ist das nun alles gewesen? Ein Totengräber erklärt dem Namenlosen kurz vor dessen Tod, wie ein Grab zu schaufeln ist. Ist das alles, was an Wissen über das Ende des Lebens bleibt? Wie man ein perfektes Grab schaufelt, das am Grund so flach ist, dass man ein Bett darin aufschlagen kann? Der bald selbst darin liegen wird, er weiß es nur noch nicht, bezahlt den Totengräber für seine ausführliche Auskunft.

Mensch als Körper

Was macht die Lektüre dieses Jedermann-Version so beklemmend? Die Reduktion des Menschen auf den menschlichen Körper, die die Erfahrung seiner Gebrechlichkeit im Alter umso schlimmer macht? Der Neid des Herzkranken richtet sich auf den immer gesunden, agilen und erfolgreichen älteren Bruder Howie, der Krankenhäuser nur als Besucher von innen sieht, nie als Patient. Vor lauter Neid verliert er den, der immer für ihn da war, aus den Augen.

Es war einmal

Was vom Menschen bleibt, sind Knochen. Und diese Knochen sind der einzige Trost für einen, der nicht an Gott glaubt und nicht an ein Leben nach dem Tod. Würde er eine Autobiografie schreiben, so würde er sie "Das Leben und Sterben eines männlichen Körpers" nennen. Was bleibt einem solchen Jedermann, als im Alter und bei nachlassender Manneskraft zu sagen: "Es war einmal, da war ich ein ganzer Mensch." Ein ganzer Mensch: das hieß damals auch: schneller Sex mit der Sekretärin im Büro.

"Nicht einmal auf dem Anmeldeformular des Krankenhauses hatte er unter Religion etwas eingetragen, damit das Wort ,jüdisch' nicht etwa dazu führte, daß plötzlich ein Rabbiner bei ihm im Zimmer stand und zu ihm sprach, wie Rabbiner eben sprachen. Religion war eine Lüge, die er schon früh im Leben durchschaut hatte, er nahm Anstoß an allen Religionen, ihr abergläubisches Getue schien ihm sinnlos und kindisch; was er nicht ausstehen konnte, war ihre komplette Unerwachsenheit - die Babysprache, die Rechtschaffenheit und die Schafe, die eifrigen Gläubigen. Mit Hokuspokus über Tod und Gott und obsoleten Himmelsphantasien hatte er nichts zu schaffen. Es gab nur unsere Körper, geboren, um zu leben und zu sterben nach Bedingungen, geschaffen von Körpern, die vor uns gelebt hatten und gestorben waren."

So spricht Jedermann, der Zeitgenosse, und wer Rothsche Interviews gelesen hat, hört da wohl auch die Stimme des Autors heraus. Und doch: "An dem Tag jedoch, da sein Vater neben seiner Mutter auf dem heruntergekommen Friedhof am Jersey Turnpike begraben wurde, zählte das, was er glaubte oder nicht glaubte, gar nichts mehr." Der Vater hat ein traditionelles jüdisches Ritual bestellt, die Trauergäste schaufeln das Grab selbst zu. "Er hatte zugesehen wie sein Vater Zentimeter für Zentimeter aus der Welt verschwunden war. Er war gezwungen gewesen sich das bis zum Ende anzusehen." Das Grab zwingt den Tod zur Kenntnis zu nehmen.

Sehnsucht nach Liebe

Menschliches Leben am Ende: Knochen, die in einem Grab liegen wie in einem Bett. Das war's. Oder geht es doch um mehr? Zum Beispiel um die Abwesenheit von und die große Sehnsucht nach Liebe? Auch das Bedürfnis nach Trost, so erkennt dieser Jedermann, "ist nichts Geringes, besonders wenn der Trost von dem einzigen Menschen kommt, der einen wunderbarerweise immer noch liebt." Denn: "Das Schlimmste am Unerträglichallein-Sein war, dass man es ertragen musste - entweder das, oder man war erledigt. Es war harte Arbeit, den Geist davon abzuhalten, durch gierige Rückblicke in eine überreiche Vergangenheit sich selbst zu sabotieren."

Wer vermag schon den Wunsch zu unterdrücken, dass alle geliebten Menschen wieder lebendig wären. Aber dieser Wunsch wird nicht gewährt. Es gibt aber auch keine Erlösung in diesem Jedermann, nur Auflösung. Und so führt eine Vollnarkose aus diesem Leben, die im Augenblick des Hinübergehens den alten Mann noch einmal zu dem gesunden Körper jenes Jungen verwandelt, der er einmal war und der sich von den Wellen des Atlantik zur Küste schießen lässt.

"Oh, diese Unbekümmertheit und der Geruch des Salzwassers und die sengende Sonne! Tageslicht, dachte er, Licht, das überall hindrang, ein Sommertag nach dem anderen voll von diesem Licht, das auf der lebendigen See gleißte, ein optischer Schatz, so unermesslich und kostbar, als betrachte er durch die mit den Initialen seines Vaters versehene Juwelierslupe diesen vollkommenen, unermesslich kostbaren Planeten selbst - bei sich zu Hause den billionen-, den trillionen-, den quadrillionenkarätigen Planeten Erde! Er sank hinunter, fühlte sich aber alles andere als besiegt, ganz und gar nicht dem Untergang geweiht, nur darauf aus, wieder Erfüllung zu erleben, und dennoch wachte er nicht mehr auf. Herzstillstand. Er war nicht mehr, befreit vom Sein, ging er ins Nichts, ohne es auch nur zu merken. Wie er es befürchtet hatte von Anbeginn."

Jedermann

Roman von Philip Roth

Aus dem Amerikan. v. Werner Schmitz

Hanser Verlag, München 2006

171 Seiten, geb., e 18,40

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