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Am Kreuzweg Europas

IM OSTENDE-EXPRESS entfaltet mein Gegenüber, das bis nahe an Verviers geschlafen hat, den bekannten Prospekt, den das Generalkommissariat für Fremdenverkehr in Brüssel zur Weltausstellung herausgegeben hat. Auf dem Titelblatt steht neben dem fünfzackigen, ungleich weit ausstrahlenden Stern, dem Symbol der Weltausstellung: „Belgien — Kreuzweg Europas“. Nun, wenn je einem Verfasser von Werbeschriften etwas Sinnvolles eingefallen ist — dann hier, in diesem zweideutigen, symbolträchtigen Titel. Ein Kreuzweg: das ist Mittlerstellung von Nord nach Süd, von Ost nach West, in Belgien zudem von der See zum Land; ein Kreuzweg aber ist auch ein Leidensweg mit vielen Stationen, eine Pilgerschaft. Beides trifft auf Belgien zu. Flächenmäßig fast nur ein Drittel so groß wie Oesterreich, beherbergt es um eine Million mehr Einwohner. Das Land besitzt daher die größte Bevölkerungsdichte Europas mit 283 Einwohnern auf dem Quadratkilometer. Ein kleines Land. Aber schon König Leopold II. hat gesagt: „Un pays qui touche ä la mer n'est jamais petit.“ (Ein Land, das ans Meer grenzt, ist niemals klein.) Dieses Land, wohin immer man kommt, ist Weltgeschichte: von Aachen bis Waterloo, von Antwerpen bis Ypern, von Brügge bis Kortrijk, von der Scheide bis zu den Ardennen. Ein Schachbrett der Weltpolitik, auf dem sich die Nachbarn matt zu setzen versuchten. Ein Land, das sich neutral erklärte und dennoch mit Krieg überzogen wurde. Das unterging und auferstand.

WER EIN SNOB IST, der redet prinzipiell Anno 58 in Brüssel von der „Expo“, womit gemeint ist: „Exposition universelle et internationale de Bruxelles 1958.“ Menschen dieser Art verbringen drei Tage oder vier von einer Woche im Gelände der Weltausstellung, sind mit dem Sessellift, mit dem Austellungszug (eine Art Prater-Tiliputbahn auf Gummirädern) und nat8?ftcli!ääcri mit' den Roller taxis gefahren, die wie motorisierte Rikschas aussehen. Solch ein Snob ist, ungeachtet der oft mehrstündigen Wartezeit und der Benützungsgebühr, x-mal im Atomium auf und ab gefahren, hat sein Plansoll an Ansichtskarten bei Tag und Nachtbeleuchtung geschrieben, natürlich den Vergnügungspark durchgemacht, gewohnheitsgemäß über das Essen geraunzt und über die Preise geschimpft, er sumpfte in Bierlokalen alle (vortrefflichen) Marken durch und bemerkte auf der Rundfahrt „Brüssel bei Nacht“, daß es in Paris doch anders sei. Aber die Weltausstellung ist nicht Brüssel und Brüssel ist nicht Belgien.

BRÜSSEL redet nicht davon, eine Weltstadt zu sein, wie man das hierzulande besorgt, sondern ist es. Das beginnt bereits bei den Verkehrsmitteln. Zwar zahlt man für eine Straßenbahnfahrt mit Umsteigeberechtigung, vom Zentrum bis zur Peripherie sieben belgische Franken (3.50 S) — was unsere Stadtväter uns einmal bei der nächsten Tariferhöhung womöglich vorhalten werden. Ehe sie dies aber tun, müssen sie aus ihren Autos steigen und in dieser Straßenbahn fahren. Kein Rattern und Heulen, kein Wimmern in den Kurven, kein Dahin-schleichen; ledergepolsterte Sitze, ein Tischchen beim Fenster, ein schnelles Dahingleiten wie auf Samt, immer freundliche Schaffner, die auch frühmorgens einen Tausendfrankenschein wechseln, ohne kategorisch zum Aussteigen einzuladen. Der Fahrgast, als Ausländer erkannt, bekommt sogleich einen Uebersichtsplan der Straßenbahnlinien in die Hand gedrückt, versteht sich, kostenlos. Wer nicht Straßenbahn fährt und seinen Wagen mit hat, der erlebt trotz des immensen Verkehrs seine blauen Wunder. Es gibt kein endloses Halten an den Kreuzungen, von denen übrigens nur die allerwichtigsten mit Wachebeamten besetzt sind (die Schaltung der Verkehrsampeln erfolgt automatisch), die Disziplin der Fahrer und der Fußgänger ist hervorragend — niemand betritt oder befährt, auch spätnachts bei schwächerem Verkehr, die gesperrte Richtung. Viele Kreuzungen sind Unterfahrungen. Und sonst: man kann um halb vier Uhr nachmittags ein warmes Essen bekommen, der Tisch wird für den Gast eigens neu gedeckt,

Blumen werden herbeigebracht, die wichtigsten Speisen neu gekocht beziehungsweise zubereitet. Was durch die Presse an Klagen über Preishöhen ging, beruht nur auf der Gedankenlosigkeit der Blitzbesucher. Sie machen sich nicht die Mühe, das Lokal anzusehen noch die Speisekarten zu lesen. Bei einer solchen Methode würden die Snobs auch in Wien berappen müssen, was das Haus wert ist. Und nicht zuletzt: die Stadt mit ihren 900.000 Einwohnern schlaft nicht um Mitternacht ein. Um diese Zeit sind die Lokale voll, die Gehsteige bis an den Rand mit Fußgängern belebt, und alle Geschäfte geöffnet. Wer will, kann nach Mitternacht Spitzen, Schuhe, Ledertaschen, Nahrungsmittel, Zigaretten kaufen und wird in den großen Büros der Luftverkehrsgesellschaften über die nächste Verbindung nach Wien, Stockholm, Rom, nach Indien und in den Kongo beraten. Wenn sich Brüssel daher um die Funktion einer Hauptstadt Europas bewirbt, dann zweifellos mit großem Recht.

DER GROSSEN HEERSTRASSEN für die Fremden sind drei: vom Norden, aus Holland, über Antwerpen, vom Westen und von England über Ostende, vom Süden über mehrere Stellen aus Paris, vom Osten über Aachen. Innerhalb des Landes sieht man eigentlich nur eine Ueber-landpromenade, mit Rundfahrtbüssen garniert — die Straße von Brüssel nach Aalst, Gent und Brügge nach Ostende (zurück die Autobahn, welche direkt vom Meer in wenig mehr als einer Stunde die hundertzehn Kilometer nach Brüssel zu fahren gestattet). Gent gilt als „Florenz des Nordens“, das ungleich Brügge die Vergangenheit völlig in sich aufgenommen hat. Es hat. gemessen an seiner Größe, mit 217.000 Einwohnern mehr zu bieten an Kunstschätzen als manche europäische Metropole; Gent, auf hundert Inseln erbaut, ist die Heimatstadt Maeterlincks, die Stadt der Blumen erlebt Prozessionen Kunstfreudiger . zum Bilderbuch des - Genter Altars. Vor dem Werk der Brüder Varl EvckMn der Seitenkapelle der St.-Bävons-Kathedrale stehen drei und mehr Reihen Andächtiger, wann immer man hinkommt.

DIE VERGLEICHE MIT ITALIEN setzen alle Reisehandbücher blumig in Brügge fort, Man nennt es „Bruges la morte“, seitdem sich das. Meer zurückzog, und ein „Venedig im Norden“. Aber alle Vergleiche hinken, so auch diese. Es ist weder die „tote Stadt“ noch das Hochzeitsreiseziel an der Adria. Seine Farben sind anders — gelb und rot und weiß. Gelbrot die Ziegel, etwas dunkler der Mörtel, weiß die Ornamente, Fensterrahmen und Türen. Die Bedeutung dieser Stadt — der einzigen, in der ich in Belgien wohnen möchte — läßt sich ungefähr daraus ersehen, daß Dante in seiner Divina Commedia einen Damm Brügges erwähnt. 1540 schreibt ein Chronist: „Die Stadt erscheint mir dazu geschaffen, uns die Seele zu laben und die Augen zu öffnen.“ Man braucht nur einige Schritte von den großen Plätzen und Durchfahrtstraßen wegzugehen, und die Zeit Marias von Burgund, Karls des Kühnen, Jan van Eycks, Hans Memlings, Adrian Isenbrandts und Gerhard Davids steht greifbar vor uns. Die Schwäne auf den Kanälen aber erinnern an Maximilian von OesterreichMmi erzählt •dem Besucher,' da:ß t$; noch '.ünmfet auf den Feldfluren ; Grenzsteine mit dem Kaiseradler gibt. Ich sprach versuchsweise, des flämischen Gebiets wegen, deutsch — und wurde sogleich gefragt, ob ich aus Oesterreich, etwa gar aus Wien, käme.

ZWISCHEN EEKLOO UND OSTENDE, wo sich die Straße bis auf fünf Kilometer der holländischen Grenze nähert, sieht man noch die dauerhaften LIeberbleibsel des letzten Krieges: massige Betonbunker. Ebenso in Ostende selbst, das wieder ganz aufgebaut ist und mit seiner kilometerlangen, von riesigen Hotelpalästen gesäumten Strandpromenade einen imponierenden Eindruck macht. Der Mann am Fernrohr sagte, jetzt wäre die englische Küste nicht zu sehen, weil die Sonne die Klippen nicht beschiene. Nun, wir werfen den Franken in den Zahlschlitz und sehen dafür einen schnittigen Zerstörer, wie deren etliche der belgischen Marine im Hafen von Ostende liegen, eine graue Wacht.

VON WATERLOO NACH YPERN und Langenmarck. Erregende Wanderschaft, trotz des Geschäftsbetriebes in Waterloo. Auf dem sechzig Meter hohen Löwenhügel stehen die Besucher und lassen sich zeigen, wo Napoleon auf seinem Schimmel ritt, wo Marschall Ney seine Kürassiere heranführte, wo Wellington auf Blücher wartete. Man muß es Abend werden lassen, bis alle Stimmen verhallt und jedermann unten beim Kaffee sitzt. Dann duftet es von den Feldern und Wiesen. Irgendwo in einer Hecke zwitschern Vögel. Ein lauer Ostwind treibt weiße, schlanke Wolken hinüber nach England. Belgien ist das Land auch der toten Soldaten. In La Panne, wo sich der König im ersten Weltkrieg bis zum Schluß hielt, liegen 3000; im Ossarium auf dem Kemmel 5000; in Paschendaele 14.000; in Meenen-Wald 47.000, in Lommel 39.000. Flandern, wo der Tod ritt, wo jeder Quadratmeter zwischen Houthulsterwald, Bixschoote, Lange-marck, Witschaete, Becelaere und Poelkapelle vom Trommelfeuer umgeackert wurde, ist aber — und so wollen wir bei aller unsagbaren Bedrückung, die uns überkommt, scheiden — auch Schauplatz der Versöhnung über den Gräbern geworden. 1956 haben die Insassen eines lugendlagers, katholische und evangelische Burschen, die ihren Urlaub opferten, 300 aus der Bundesrepublik, Spanien, Algerien, Panama, China und Oesterreich, Gräber hergerichtet und sich mit Belgiern getroffen. Möchte ihrem Gelöbnis zu Frieden und Verständigung mehr Wirksamkeit beschieden sein als jenem vor dem letzten Kriege zwischen Franzosen und Deutschen auf dem Douaumont.

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