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An den Grenzen des Projekts Europa

Am Anfang steht ein Mythos, der Mythos einer mehrfachen Grenzüberschreitung. Zeus zeichnet für sie verantwortlich. Die Gewalt eines Gottes steht im Raum, als hätte bereits die Antike künftige Religionskonflikte erahnt, aber auch die Erotik einer Verwandlungsgeschichte, in deren Mittelpunkt Europa steht: die Patin eines Kontinents, der nicht nur topografisch von offenen Übergängen bestimmt ist. Als einen narrativen Ausgangspunkt der europäischen Geschichte haben zuletzt Thomas Macho und Peter Sloterdijk die Pest des 14. Jahrhunderts ausgemacht. Der schwarze Tod kassierte alle räumlichen Grenzen und hielt zur Erfindung neuer sozialer an: vor allem mit der Quarantäne als lebensrettender Strategie. Diese traumatische Urerfahrung am Umschlagpunkt der europäischen Neuzeit hat psychohistorische Folgen. Im Abwehrmechanismus wurde Europa stark - und so werden erste Ideen einer europäischen Einigung nicht zufällig angesichts der "Türkengefahr" politisch greifbar.

Spannungen und Verwerfungen

Das territorial offene Europa stand immer wieder vor der Herausforderung, seine Grenzen zu bestimmen, Zugehörigkeiten zu regeln, nationale und globale Quarantänemaßnahmen an seinen (Flug-)Häfen zu treffen, während seine kulturellen Exkursionen die eigenen geografischen Enden sprengen. Spannungen sind es, die sich entlang historischer Verwerfungen auftun und Europa bestimmen. Als Lebensraum ist es nach außen global entgrenzt und nach innen auf die Koordination nationaler Identitäten angewiesen. Gemeinsame historische Wurzeln, die mit der griechischrömischen Antike verbunden bleiben, legen einen Raum mit weit entfalteten kulturellen und auch sprachlichen Anschlussmöglichkeiten an, die nationale Hartnäckigkeit erlauben. Dass aber Kolonialismus und Nationalismus in den europäischen Gesellschaften kritisch aufgearbeitet werden konnten, macht politisch wirksam, wie sehr die Reflexionskultur Europas einen entscheidenden Punkt seiner Selbstbestimmung ausmacht. Europa ist ein diskursiver Raum -und das normiert seine Identitätspolitiken.

Das gilt gerade angesichts der Verunsicherungspotenziale unserer globalisierten Lebenswelten. Identitätszuschreibungen werden komplizierter. Ökonomische Ohnmachtserfahrungen und politischer Machtverlust lassen sich in Fiktionen nationaler Größe und Gemeinschaft kompensieren -um den Preis historischer Wahrheit und aktueller politischer Gestaltungsmöglichkeiten. Der Rückzug in nationale Reservate, wie er in Europa zu beobachten ist, gibt einem berechtigten Interesse an kulturellem Eigensinn Ausdruck. Aber der Preis will kalkuliert sein: Nationaler Egoismus arbeitet auf der Basis von Ausschließungen, die sich gegen schwächere Kräfte und wehrlose Menschen richten. In der Anonymität von systemischen Mächten, die auf uns zugreifen (Internet, Finanzmärkte, Gesundheitsorganisation etc.), bieten nationale Partikulare eine neue Übersichtlichkeit an. Aber wer so auftritt, bleibt identitätsschwach, weil er sich nicht von anderen Lebensformen und Überzeugungen beeindrucken lassen kann, sondern sie unterdrücken muss. "Liebe deine Nächsten - für mich sind das die Österreicher": Im Handumdrehen wird aus der religiös inspirierten Einschließung aller Menschen in den Lebensraum Gottes eine Politik neuer Ausgrenzungen.

Partizipation statt Defensive

Labile Identitäten brauchen Abgrenzung. Ein starkes Europa erlaubt demgegenüber die Integration unterschiedlicher religiöser und kultureller Identitäten. Diese Integrationspolitik kommt an den Grenzen Europas nicht an ihr Ende. Im Gegenteil: Die Migrationsströme des 21. Jahrhunderts zeigen, dass Europa als Projekt nur gelingt, wenn es seine Politiken der ökonomischen Selbstverteidigung zugunsten umfassender Partizipation aufgibt. Überschreitung ist der philosophische und auch religiöse Modus, in dem Europa zur Selbstintegration findet. Politisch leitet sich daraus ein Bestimmungsrahmen ab, der es erlaubt, mit beitrittswilligen Ländern wie der Türkei über die rechtlichen Standards zu sprechen, ohne die es keinen Sinn macht, sich europäisch deklarieren zu wollen. Sie beruhen auf der Menschensrechtscharta und führen Europa auch in dieser Hinsicht an seine Grenzen.

Wer die europäische Integration von den Flüchtlingsströmen abkoppelt, die die Grenzen Europas im 21. Jahrhundert definieren, löst das europäische Projekt auf. Der Zustrom beruht auf einem Gerechtigkeitsproblem, an dem Europa nicht vorbeigehen kann, schon weil es an seiner Entstehung beteiligt bleibt. Armutsblindheit nach innen wie außen bedingt Desorientierung -hinsichtlich der eigenen Verantwortung wie der Zukunftsfähigkeit eines politisch-ökonomischen Systems, das am Selbstwiderspruch seiner humanitären Bestimmung laboriert. Eine Politik des entschlossenen Teilens verlangt wohl auch, vom Konzept der "Entwicklung" hin zu Modellen konsequenter "Partizipation" zu gelangen. Eine folgenreiche Entgrenzung steht seit langem im Raum: ein Schuldenerlass für die ärmsten Länder.

Religiöse Wachstumsmärkte

An diesem Punkt kann eine Besinnung auf jene religiösen Traditionen helfen, die sich in das Gedächtnis Europas eingeschrieben haben. Gerechtigkeitspathos für die Armen verbindet Judentum, Christentum und Islam. Das Christentum in Europa kann sich dabei nicht länger als europäisches Christentum verstehen - das macht das Pontifikat von Franziskus deutlich. Die globale Form der katholischen Kirche zeigt die Übergänge religionskultureller Identitäten an, die notwendige Offenheit für polyphone und ortskirchlich erhebliche Bestimmungen des Evangeliums in den Zeichen der Zeit. Religionsgemeinschaften wie die katholische Kirche müssen darüber hinaus ihre universalen Ansprüche in der Verbindung mit anderen religiösen Traditionen zur Geltung bringen. Auf dieser Basis leisten Religionen etwas Unverzichtbares: Sie bilden Räume der Konfrontation mit der radikalen Offenheit für die göttliche Würde jedes Menschen; für eine Anerkennung, die politische und gesellschaftliche Festlegungen transzendiert.

Die ambivalente religionskulturelle Gegenwart Europas zeigt sich in forcierten Säkularisierungseffekten, aber auch auf den religiösen Wachstumsmärkten, die mit neuen Religionsformaten, Zugehörigkeitsmodellen und religiösen Teilnehmerperspektiven einhergehen. Die Kirchen müssen sich darauf einstellen, indem sie ihre eigene Katholizität, nämlich die des Credos im Sinne einer weltweiten und universal offenen Bestimmung von Kirche, leben. In einem veränderten Wahrheitskontakt zu anderen religiösen oder auch atheistischen Überzeugungen können die Kirchen auf den Religionsmärkten der Gegenwart differenzsensibel von Gott sprechen lernen. Eine Erkenntnis ist dabei unabdingbar: dass der Islam zu Europa gehört. Das anzuerkennen, verlangt historisch-religionswissenschaftliche Expertise ebenso wie die lebensweltliche Gegenwart Europas. Der Mythos Europa steht politisch wie religiös an einem neuen Anfang.

Der Autor, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Salzburg, ist Obmann der Salzburger Hochschulwochen

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