Lehner - © Foto: APA / Hans Punz
Literatur

Angela Lehner: Auf dem Plastikboden der Realität

1945 1960 1980 2000 2020

Der renommierte Rauriser Literaturpreis ging im Jubiläumsjahr 2020 an Angela Lehner, für ihren Debütroman „Vater unser“. Nun fand in digitaler Form die verspätete Überreichung statt. Über einen unkonventionellen Anti-Heimat-Roman.

1945 1960 1980 2000 2020

Der renommierte Rauriser Literaturpreis ging im Jubiläumsjahr 2020 an Angela Lehner, für ihren Debütroman „Vater unser“. Nun fand in digitaler Form die verspätete Überreichung statt. Über einen unkonventionellen Anti-Heimat-Roman.

Der Psychiatrieroman ist seit seiner Hochblüte im Gefolge der Antipsychiatriebewegung der 1960er und 1970er Jahre ein stark beackertes Themenfeld. Wie das aber die 1987 in Klagenfurt geborene Angela Lehner in ihrem Debüt roman „Vater unser“ angeht, wird etwas völlig Neues daraus.

„Man hat mir die Hände auf dem Rücken verbunden.“ So lautet der erste Satz des Buches, und das ist ein verstecktes poetologisches Programm. Die Stimme, die den Satz spricht, gehört Eva Gruber. Sie sitzt in einem vergitterten Polizeiauto, dazu passt das Bild der mit Handschellen fixierten Hände. Das kennt man aus den TV-Krimis, wahrscheinlich haben die beiden Beamten beim Einsteigen fürsorglich ihren Kopf vor einer schmerzhaften Begegnung mit dem Autodach geschützt, auch diese Geste gehört fast penetrant zum filmischen Setting. Der Satz aber lautet: „Man hat mir die Hände auf dem Rücken verbunden.“ Und das Wort „verbunden“ macht einen ganz anderen Notfallkontext auf, nämlich den Einsatz von Rettung oder Notarzt und ein Agieren, das auf Heilung vorhandener Verletzungen zielt.

Eva Gruber wird in die psychiatrische Anstalt am Wiener Steinhof verbracht, also durchaus eine kurative Einrichtung. Dass die Autorin gleich zu Beginn im Wort „verbunden“ einen Clash zweier differenter Notfallszenarien inszeniert, lässt sich leicht überlesen. Und so bleibt man noch lange im Unklaren über die Zuverlässigkeit der Erzählstimme. Wann lügt sie? Wann sagt und denkt sie die Wahrheit? Wann biegt sie sich die Realität willkürlich zurecht? Und tut sie das zum Spaß, oder hat der Aufbau einer eigenen Parallelrealität pathogene Ursachen?

Normalität und Devianz

Dahinter tauchen ganz prinzipielle Fragen auf. Wie funktioniert das mit den gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität und psychischer Devianz? Ist jemand verrückt, wenn er in einer schlaflosen Nacht einen Polster quer durch das Zimmer wirft? Ist eine Gesellschaft normal, die einen Picknicktisch für den Familienausflug just in unmittelbarer Nähe eines Mahnmals aufstellt, dessen 772 Lichtstelen an jene 772 Kinder erinnern, die in der NS-Euthanasieanstalt „Am Spiegelgrund“ ermordet wurden?

„Ich stelle mir vor, wie die Leute dort mit ihren Kindern Wurstbrote essen, und schüttle den Kopf“, denkt Eva, und das klingt doch mehr als vernünftig. Überhaupt ist sie ein wacher Geist mit einem feinen Sensorium für gesellschaftliche wie zwischenmenschliche Schräglagen. Dazu kommen eine scharfe Beobachtungsgabe und ein erbarmungsloser Blick für die Schwächen der Menschen, die sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren versteht. Ein „manipulativer Charakter“, war in den Besprechungen des Romans wiederholt zu lesen.

Was aber sind ihre Ziele? Und was genau hat sie in die aktuelle Lage, also in die Irrenanstalt, gebracht? Nicht schwer zu erraten, dass der Amoklauf im Kindergarten geflunkert ist. Was aber war dann der Auslöser? Eva macht es der Leserschaft und auch ihrem Therapeuten, Herrn Dr. Korb, nicht leicht. Als sie sein Büro das erste Mal betritt, überlegt sie sich, auf dem Diwan eine exaltierte Pose einzunehmen, eine Art Tableau vivant als klassische Hysterikerin auf Sigmund Freuds Couch: „Nur um das Bild eines Psychiater-Büros für ihn zu komplettieren.“ Nicht nur in Gedanken, auch in ihrem Verhalten versucht sie solcherart immer wieder die Rollenverteilung umzukehren. Als Korb einmal mit den Fingern schnippt, um sie aus ihrer gedanklichen Abwesenheit zu holen, nutzt sie das geschickt für eine Lektion in Sachen Benimmregeln – so lange, bis sich der Arzt tatsächlich entschuldigt. „Sie sind hier doch der Abnormale“, wirft sie ihm an den Kopf, und dass er immer die Tür abschließt, sei „ja fast schon eine Zwangshandlung“.