Ernaux - © Foto: Imago / Agencia EFE

Annie Ernaux: „Unverrückbare Steine“

1945 1960 1980 2000 2020

Spät wurde die französische Schriftstellerin Annie Ernaux im deutschen Sprachraum entdeckt und neu übersetzt. Auch ihr Buch „Die Scham“ zeigt, wie persönliche Erinnerung zur Quelle für kollektive Geschichte werden kann.

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Spät wurde die französische Schriftstellerin Annie Ernaux im deutschen Sprachraum entdeckt und neu übersetzt. Auch ihr Buch „Die Scham“ zeigt, wie persönliche Erinnerung zur Quelle für kollektive Geschichte werden kann.

Mit dem ersten Satz hält sie einen ungeheuren Wendepunkt in ihrem Leben fest. Am 15. Juni 1952 ist Annie Ernaux zwölf Jahre alt. Als sie 1997 „La Honte“, „Die Scham“, veröffentlicht, wird sie 57 und hat bereits einige Bücher publiziert. Doch jene Szene, mit der sie dieses Buch beginnt, schreibt sie zum ersten Mal auf. Nicht einmal als Notiz im Tagebuch war ihr dieser ungeheuerliche Satz bis dahin möglich: „An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“

Diese Erfahrung lag danach „wie ein Filter zwischen mir und allem, was ich erlebte“. Aus der unbekümmerten Schülerin, „der immer alles leichtgefallen war“, wird ein Mädchen mit geschärftem Bewusstsein. „Die Scham“: das ist der erzählende, forschende Versuch, „die seit Jahren eingefrorene Szene in Bewegung [zu] versetzen, damit sie nicht länger etwas Heiliges in mir ist, eine Ikone (ein Beweis dafür ist zum Beispiel der Glaube, dass sie es ist, die mich zum Schreiben bringt, dass all meine Bücher auf ihr beruhen).“

Was ist damals geschehen, und wie findet man hin, in diese fernen Jahre der Kindheit, in diese Welt? Annie Ernaux wählt den Weg der Sprache. Sie schreibt aber keine Erzählungen, die Erinnerung erfinden. Ernaux behandelt ihre Erinnerungsbilder als Quellen, „die etwas aussagen, wenn man sie mit unterschiedlichen Herangehensweisen betrachtet“. Als „Ethnologin meiner selbst“ betreibt sie eine Art soziologische Geschichtsschreibung.

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