Die Kunst des 20. Jahrhunderts und ihr Haus.

In Österreich lassen sie dich erst leben, wenn du tot bist." Ganze Künstlergenerationen unterschreiben hierzulande dieses Bonmot aus dem vorigen Jahrhundert. Ob es wirklich bloß eine österreichische Spezialität ist oder ob damit nicht das generelle Phänomen beschrieben wird, dass es eben eine Zeit lang dauert, bis Vorreiter eine allgemeinere Akzeptanz finden können, ändert nichts an den daraus resultierenden leidvollen Erfahrungen. Dass es aber in diesem Land auch bescheidene Gegenbewegungen gab, belegen die Sammlung der Kunst vom Ende des Ersten Weltkrieges bis in die unmittelbare Gegenwart in der Österreichischen Galerie Belvedere und die Bemühungen, das 20er Haus als dessen Präsentationsfläche bis zum Jahr 2008 neu erstrahlen zu lassen. Bereits jetzt gibt es einen Vorgeschmack darauf in Form hochkarätiger Malerei und Plastik sowie der Präsentation der geplanten Umbaumaßnahmen.

Neubau-Pläne für 2008

Es ist durchaus erstaunlich, dass das K.K. Ministerium für Cultus und Unterricht bereits im Jahr 1851 damit begann, eine Sammlung zeitgenössischer Kunst aufzubauen. Die 1897 gegründete Sezession drängte auf die Schaffung eines dementsprechenden Museums, 1903 wurde schließlich die Moderne Galerie in den Räumlichkeiten des Unteren Belvedere und den dazugehörigen Orangerien eingerichtet. Die nächsten hundert Jahre brachten ein Auf und Ab gelungener Sammlertätigkeit.

Die Ausstellung bietet anhand von 80 Werken fürs 20er Haus einen Einblick. Die frühen Meister wie Jean Egger, Albin Egger-Lienz, Franz Wiegele und Anton Kolig oder Oskar Kokoschka werden ergänzt durch internationale Größen wie Max Beckmann, Maurice de Vlaminck und Karl Hofer. Die aufstrebende Nachkriegskunst wurde erst spät "nachgekauft", so findet man jetzt neben Herbert Boeckl und Fritz Wotruba auch die Gruppe aus Otto Mauers Galerie nächst St. Stephan, Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky, Josef Mikl und Arnulf Rainer mit zum Teil sehr frühen Werken vertreten.

Wie durch ein Lob der Vielfalt wandeln die Betrachter, prallen auf letztere doch die phantastischen Realisten wie Rudolf Hausner oder Ernst Fuchs, um gleich nebenan vom Wiener Aktionismus in Form einer Fotoserie von Günter Brus auf ein noch "realistischeres" Niveau gehievt zu werden. Die Spannung bleibt bis in die Gegenwart erhalten, minimalistisch reduzierte Formen wie von Heimo Zobernig oder Esther Stocker gesellen sich zu Lois Renners üppiger Fotoinszenierung.

Geschichte des 20er Hauses

Die Geschichte des 20er Hauses begann in Belgien. Für die Weltausstellung in Brüssel 1958 entwarf Karl Schwanzer ein temporäres Ausstellungsgebäude, das Eleganz und Schlichtheit genial verbindet. Der schlechte Baugrund im Expogelände zwang zu einer Leichtbauweise, die architektonisch genutzt wurde. Schwanzer konzipierte eine Doppelhalle aus einem offenen Untergeschoß und einem geschlossenen Obergeschoß. Getragen wird alles von vier großen Beigeträgern, was zum Eindruck einer schwebenden Architektur führt. Die modulare Konstruktion und die offen zur Schau gestellte Bauweise trägt dem Pavillon den Grand Prix von 1958 ein. Und Schwanzers Bau lässt sich wieder zerlegen, um - nach einigen Debatten und einer komplizierten Ortssuche - in Wien als Museumsbau wieder aufgestellt und adaptiert zu werden. Die Eröffnung des nunmehrigen Museums des 20. Jahrhunderts findet am 21. September 1962 mit der Ausstellung "Kunst von 1900 bis heute" statt. Es folgt eine reichlich bewegte Geschichte.

Seit einiger Zeit allerdings herrschte Stillstand und Stillstand führt immer zum Tod, zumal im kulturellen Bereich. Daher entschloss man sich zu einer Sanierung, was sich angesichts des neuen Stadtteils, der im Zuge des neu entstehenden Wiener Zentralbahnhofs in den nächsten zehn Jahren entstehen wird, auch kulturpolitisch anbot. Den Wettbewerb dazu gewann Adolf Krischanitz, der zu seinem Konzept bemerkt: "Man betritt das Haus von Schwanzer, und dieses Betreten hat eine unglaubliche Eleganz. Hier geht es nicht um Material, hier geht es nicht um den manifesten Baukörper an sich, hier geht es vielmehr um den Raum, der durch die Hülle des 20er Hauses generiert wird. Diese Qualität gilt es zu erhalten, denn nur in einem Milieu der Leichtigkeit und Luftigkeit kann Kunst artgerecht atmen."

Das Modell: luftig und leicht

Krischanitz stellt neben den eher gedrungenen Bau von Schwanzer einen fünfgeschoßigen Turm, in dem die Verwaltung untergebracht sein wird. Er zitiert in der Ausführung einerseits den alten Bau, ergänzt ihn aber durch eine Komponente der Kommunikation, indem die Verstrebungsbänder mittels LED-Schrift bespielt werden können. Die Auslagerung bringt für den Museumsbetrieb eine größere Nutzfläche und eine offenere und flexiblere Funktionsaufteilung. Optimale Voraussetzungen für ein artgerechtes Atmen.

Kunst fürs 20er Haus

Aus der Sammlung des 20. Jahrhunderts der Österreichischen Galerie Belvedere

Projekt 20er Haus:

Sanierung und Umbau

Österreichischen Galerie Belvedere, Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien

Bis 21. Mai Di-So 10-18 Uhr

Katalog: Gerbert Frodl, Adolf Krischanitz (Hgg.), Kunst fürs 20er Haus

Wien 2006, 96 Seiten, e 15,-

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