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"Auch Sie, Eatherly, sind ein Hiroshima-Opfer"

Herrn Claude R. Eatherly formerly Major af Veterans Administration Waco Texas Hospital

Lieber Herr Eatherly,

den Schreiber dieser Zeilen kennen Sie nicht. Sie dagegen sind uns, meinen Freunden und mir, bekannt. Wie Sie mit Ihrem Unglück fertig werden oder nicht fertig werden, das verfolgen wir, gleich, ob wir in New York sitzen, in Wien oder Tokio, klopfenden Herzens. Nicht, weil wir neugierig wären; oder weil Ihr "Fall" uns medizinisch oder psychologisch interessierte. [...] Sondern deshalb, weil wir damit beschäftigt sind, voll Angst und brennender Sorge damit beschäftigt sind, uns über diejenigen Moralprobleme klar zu werden, die uns allen heute den Weg verstellen. Die Technisiertheit des Daseins: die Tatsache, daß wir ahnungslos und indirekt, gewissermaßen als Maschinenschrauben, in Handlungen verwickelt werden können, deren Effekte wir nicht übersehen und die wir, wenn wir die Effekte übersähen, nicht bejahen könnten - die hat unser aller sittliche Situation von Grund auf verändert. Die Technik hat es mit sich gebracht, daß wir auf eine Weise "schuldlos schuldig" werden können, die es früher, in der technisch noch nicht so vorgeschrittenen Zeit unserer Väter, noch nicht gegeben hatte.

Sie verstehen, was Sie damit zu tun haben: Schließlich gehören Sie ja zu den ersten, die sich in diese neuartige Schuld, in die sich heute oder morgen jeder von uns verstricken könnte, wirklich verstrickt haben. Ihnen ist es so gegangen, wie es uns allen morgen gehen könnte. Aus diesem Grunde also spielen Sie für uns die große Rolle eines Kronbeispiels, ja die eines Vorläufers.

Vermutlich ist das Ihnen gar nicht recht. Sie wollen Ihre Ruhe haben, your life is your business. Wir versichern Ihnen, daß wir Indiskretion genau so wenig lieben, wie Sie es tun, und wir bitten Sie um Verzeihung. Aber in diesem Falle ist Indiskretion leider unvermeidlich, ja sogar geboten. Da der Zufall (oder wie immer wir die unbestreitbare Tatsache nennen) es gewollt hat, Sie, den Privatmann Claude Eatherly, in ein Symbol der Zukunft zu verwandeln, ist Ihr Leben auch unser Business geworden. Daß gerade Sie und nicht irgendein anderer unter den Milliarden von Zeitgenossen zu dieser Symbolfunktion verurteilt worden sind, das ist Ihre Schuld nicht, und es ist gewiß entsetzlich. Aber es ist nun einmal so.

Und dennoch: Glauben Sie nicht, daß Sie der einzige derart Verurteilte sind. Denn wir alle haben ja in dieser Epoche zu leben, in der wir in solche Schuld hineingeraten könnten; und so wenig wie Sie sich Ihre unselige Funktion, so wenig haben wir uns diese unselige Epoche selbst ausgesucht. In diesem Sinne sind wir also, wie Sie als Amerikaner sagen würden, "in the same boat", in einem und demselben Boot, ja wir sind Kinder einer einigen Familie. Und diese Gemeinsamkeit bestimmt unsere Beziehungen zu Ihnen: Wenn wir uns mit Ihrem Leiden beschäftigen, so tun wir das als Geschwister, also so, als wären Sie ein Bruder, dem das Unglück zugestoßen ist, dasjenige wirklich zu tun, was jeder von uns morgen zu tun gezwungen werden könnte; als Geschwister, die hoffen, dieses Unglück vermeiden zu können, so wie Sie heute, schrecklich vergeblich, hoffen, Sie hätten es damals vermeiden können. Aber damals war das eben nicht möglich gewesen: Die Befehlsmaschinerie hatte lückenlos funktioniert, und Sie waren damals noch jung und einsichtslos gewesen. Sie haben es also getan. Aber da Sie es getan haben, können wir durch Sie erfahren, und eben nur durch Sie, wie es uns ergehen würde, wenn wir an Ihrer Stelle gestanden hätten, wenn wir an Ihrer Stelle stehen würden. Sie sehen: Sie sind ungeheuer wichtig für uns, geradezu unentbehrlich. Gewissermaßen unser Lehrer. [...]

Für uns ist die Tatsache, daß Sie mit dem Geschehenen "nicht fertig werden", tröstlich. Das ist sie für uns deshalb, weil sie beweist, daß Sie den Versuch machen, dem (damals nicht vorgestellten) Effekt Ihrer Tat nun nachträglich doch noch nachzukommen; weil dieser Versuch, auch wenn er scheitert, ein Zeugnis dafür ist, daß Sie Ihr Gewissen haben wachhalten können, obwohl Sie einmal als Maschinenstück in einen technischen Apparat eingeschaltet gewesen und in diesem erfolgreich verwendet worden waren. Und da Sie dazu imstande waren, haben Sie damit bewiesen, daß man dazu imstande ist, daß unsereiner dazu gleichfalls imstande sein muß. Und das zu wissen - und dieses Wissen verdanken wir eben Ihnen -, das ist für uns eben tröstlich. [...]

Am kommenden 6. August feiert die Bevölkerung von Hiroshima, wie jedes Jahr, den Tag, an dem "es" geschehen ist. [...] Wenn Sie diesen Menschen als Mensch mitteilen würden: "Ich wußte damals nicht, was ich tat; nun aber weiß ich es. Und ich weiß, daß derartiges nicht wieder geschehen darf; und daß kein Mensch keinem anderen zumuten darf, derartiges zu tun." ... - Sie können überzeugt davon sein, daß Sie mit solcher Botschaft den Ueberlebenden von Hiroshima eine ungeheure Freude bereiten würden; und daß Sie von diesen Menschen als Freund betrachtet werden würden, als einer von ihnen; und das sogar mit Recht, weil auch Sie, Eatherly, ein Hiroshima-Opfer sind.

In dem Gefühl, das ich jedem dieser Opfer gegenüber empfinde, grüße ich Sie. Günther Anders

Mr. Günther Anders

Vienna

Dear Sir,

besten Dank für Ihren Brief, den ich am Freitag vergangener Woche erhalten habe.

Nachdem ich Ihren Brief mehrere Male gelesen hatte, beschloß ich, Ihnen zu schreiben, vielleicht sogar in einen Briefwechsel mit Ihnen zu treten, um diejenigen Dinge zu diskutieren, die wir beide, wie ich glaube, verstehen. Ich bekomme viele Briefe, aber die meisten kann ich einfach nicht beantworten. Bei Ihrem Brief dagegen fühlte ich mich genötigt, zu antworten und Sie wissen zu lassen, wie ich den Dingen der heutigen Welt gegenüberstehe.

Während meines ganzen erwachsenen Lebens bin ich immer aufs lebhafteste an dem Problem, wie man handeln und sich verhalten soll ("human conduct"), interessiert gewesen.

Obgleich ich, wie ich hoffe, in keiner Hinsicht, weder in religiöser noch in politischer, ein Fanatiker bin, bin ich doch seit einiger Zeit davon überzeugt, daß die Krise, in die wir alle verwickelt sind, eine gründliche Neuprüfung unseres ganzen Schemas der Werte und unserer Treueverpflichtungen ("loyalties") erfordert. In der Vergangenheit hat es zuweilen Zeitalter gegeben, in denen Menschen durchkommen konnten ("coast along"), ohne sich selbst zu viele Gewissensfragen über ihre Denkgewohnheiten und Handlungssitten zu stellen. Heute aber ist es nun deutlich genug, daß unser Zeitalter diesen Zeitaltern nicht zugehört. Im Gegenteil, ich glaube, daß wir uns rapide einer Situation nähern, in der wir gezwungen sein werden, neu zu prüfen, wie es mit unserer Bereitschaft steht, die Verantwortung für unsere Gedanken und unsere Taten sozialen Einrichtungen (wie politischen Parteien, Gewerkschaften, der Kirche oder dem Staat) auszuliefern ("to surrender"). Keine dieser Institutionen ist ausreichend in der Lage, unfehlbaren moralischen Rat zu geben, und deshalb ist es notwendig, deren Anspruch, solchen Rat zu erteilen, herauszufordern und anzufechten ("to challenge"). Die Erfahrung, die ich persönlich gemacht habe, muß, wenn ihre wahre Bedeutung, nicht nur für mich selbst sondern für jedermann, überall aufgefaßt werden soll, unter diesem Gesichtspunkt studiert werden. Wenn Sie das Gefühl haben, daß dieser Gedanke wichtig ist und mehr oder minder im Einklang mit Ihrem eigenen Denken steht, dann möchte ich gerne vorschlagen, daß wir zusammen versuchen, diesen Zusammenhang aufzuklären, und zwar durch einen Briefwechsel, der unter Umständen lange dauern müßte.

Ich habe das Gefühl, daß Sie mich so verstehen wie niemand sonst, außer vielleicht mein Arzt und Freund.

Meine antisozialen Handlungen waren katastrophal für mein privates Leben, aber ich glaube, wenn ich mich anstrenge, dann wird es mir gelingen, meine wahren Motive, Ueberzeugungen und meine Philosophie ans Licht zu bringen.

Günther, es macht mir Freude, Ihnen zu schreiben. Vielleicht können wir durch unseren Briefwechsel eine auf Vertrauen und Verständnis gründende Freundschaft schließen. Haben Sie keine Hemmungen, über die Situations- und Handlungsprobleme, mit denen wir konfrontiert sind, zu schreiben. Und ich werde dann meine Gesichtspunkte darlegen.

Mit nochmaligem Dank für Ihren Brief verbleibe ich

Ihr Claude R. Eatherly

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