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Auf dem Veitsberg

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2. Fortsetzung.

Hernach arbeitete ich nichts. Nachdem ich Jm Abend die Tiere versorgt hatte, schrieb ich wieder einen Brief.

..Lieber Freund, Du wirst Dich wundern, daß ich nicht zu Dir gekommen bin. aber ich hielt es nicht mehr aus daheim. Die Stimmung war so geladen, meine nervösen Zustände verschlechterten sich so, daß ich buchstäblich davonlief. Zuerst bin ich im Gebirge herumgelaufen, was,mir sehr gut getan hat, ich vergaß und beruhigte mich. Jetzt wohne ich an einem idyllischen Platz an der Donau bei einer Alten, welcher ich den Hausknecht mache. Seit einigen Tagen rumort es wieder in mir, ich habe an Maria einen Brief geschrieben, daß sie weiß, wo ich bin. Du hast selbst einmal gesagt, ich gehöre für eine Zeit in ein Sanatorium. Aber den Druck und den Zweifel kann mir niemand von der Seele nehmen. Es zieht mich zur Idylle, aber zugleich brennt das Chaos in mir. Gibt es für midi keine Lösung, keine Erlösung? Von Maria will ich weiter nichts sagen. Es ist auch nidits Neues geschehen seit dem letztenmal. Ich will sie nicht verurteilen, aber es ist mir nach allem ünmöglidi, neben ihr weiter zu leben. Ich habe die Freude verloren, ich glaube, auch die Liebe. Wir quälen uns nur, 'das ist alles, was von unsrer Ehe geblieben ist. Mehr weiß ich nicht zu schreiben. Lebe wohl.“

Ich lese in dem alten Lesebuch der Pich-lerin. Die Steiningerin war wieder da. Idi hatte noch ein Stück Strudel liegen. Idi setzte ihr davon mit einer Schale Milch vor. Sie aß und war zufrieden. Die Tiere seien gesund. Aber sie hat mich in Unruhe versetzt. Die Wallfahrt aus Wiesenberg werde nächste Woche kommen. Das wisse ich nicht? Da hat die Pichlerin drauf vergessen. Ich habe nachgcdadit. Wahrscheinlich werden sie hier einen Gottesdienst halten. Das wichtigste ist wohl, daß ich die Kirche sauber bekomme. Wegen dem andern werde ich herumfragen.

Nun habe ich nicht erst auf schlechtes Wetter gewartet, sondern gleich begonnen. Ich hätte es aber allein nidit fertig gebracht, so nahm ich mir aus dem Dorfe zwei Weiber und dann fingen wir an. Wir kehrten die Wände, idi selber entstaubte vorsichtig die Altäre. Es war Staub von Jahrhunderten, den ich aufstöberte. Hierauf wuschen wir die Bänke und den Boden. Ich hatte meine Freude dran, wie es firmier sdiöner wurde. Die Altartücher waren verschmutzt. Ich gab sie den Weibern zum Waschen mit. Durch Herumfragen habe ich so ziemlich alles erfahren, was bei der Wallfahrt zu beachten ist. Außerdem ist ein Bote von Wiesenberg da gewesen, mit dem ich mich besprochen habe. Meine Unruhe hat sich gelegt. Endlich brach der Wallfahrtstag an. Beim Morgengrauen war ich aufgestanden und hatte meine Tfiere fertig gemacht. Dann stellte ich Blumen auf die Altäre, stieg auf den Turm und sah nach Süden, dem Feldweg entlang, auf dem sie kommen sollten. Da flatterten auf einmal die Fahnen im Wind und der Gesang der Pilger schlug an mein Ohr. Ich begann zu läuten, bis sie in der Kirdie waren. Sie zogen um den Altar herum und warfen ihr Opfer in den großen verschlossenen Opter-stock neben dem Altar. Der Vorbeter und der Priester stellten sich vor den Altar, sie sangen vor und das Volk, das in die Barke gegangen war, sang nach. Die Melodie war einfach und wiegend. Ich wartete in dem Raum neben dem Altar, bis der Priester hereinkam. Er war jung und beweglich. Man spradi ihn mit Herr Kaplan oder Hochwürden an, ich tat es auch so. Der Priesterstand ist vielleicht noch der einzige geblieben von den uralten Ständen, die Könige sind verschwunden, die Krieger haben keine Traditionen, die Bauern haben sich mit den andern vermisdit, Sklaven gibt es keine mehr, aber Priester leben noch streng in ihrer Kaste, sie haben ihre alten Bräuche und Gesetze, und vor allem sind sie abgegrenzt, niemand kann heraus, niemand hinein. Aus der Pfarrkirdie war ein Koffer mit den Kultgeräten und Kleidern gekommen. Der Priester jog sidi an, während der Vorsänger draußen noch immer sang. Dann ging der Priester zur Messe. Ich folgte dem ganzen mit Interesse. Nadidem alle Gebete und Gesänge beendet waren, gingen die Leute aus der Kirche, lagerten sich auf die Wiese und verzehrten die mit-gebraditen Speisen. Ich führte den Priester in die Stube und setzte ihm Milch und Brot vor. Er fragte mich nach der Pichlerin, die er von einer früheren Wallfahrt kannte und dann nadi mir selber. Ich sei nur zufällig hier hängen geblieben, antwortete ich. Ich sei aus der Stadt. Er merkte, daß ich mich nicht gerne ausfragen ließ und sprach von andern Dingen. Ich sagte ihm, daß ich gewißermaßen einen verlängerten Urlaub habe, von Beruf sei ich — ja, das könne man augenblicklich nicht sagen, weil ich nicht weiß, was ich anfangen werde, studiert hätte idi Deutsch und Geschichte, sei aber nie im Lehrfach tätig gewesen. Darauf begann er mich mit Herr Professor zu titulieren. Voller Angst bat ich ihn, damit aufzuhören, wenn er mich nicht unglücklich machen wollte. Er lobte den Kirchen-sdimuck und gab mir Geld für die Pichlerin. Ich glaube, er war noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt. wenigstens sah er sehr jung aus. Ich korrigierte meine naive Meinung, daß jede sakrale Person das Numinose ständig ausstrahlen müsse. In der Kirche hatte er alles sehr genau gemadit, aber ohne Ekstase. Wir gingen hinaus, er sprach mit den Wallfahrern, bald gab der Vorbeter das .Zeichen, die Leute erhoben sich und traten in die Kirche. Es war nochmals Andacht. An einer bestimmten Stelle des Liedes begann der Auszug, der Knabe mit dem Kreuz ging voran. Ich zog am Stridt und läutete so lange, als ich meinte, daß sie mich hören würden. (Fortsetzung folgt) ah ein separiertes Corpus sich ansah, jede anderer Facta zu criticieren suchte und durch unnöthigenZank und Schreibereien die Zeip nur allzuoft vergebens verloren, und anstatt die Resolutionen zu erleichtern, dieselbe mir eher beschwerlich andurch gemacht haben. Die Disharmonie zum Schaden meines Dienstes war so groß zwischen den sämtlichen Stellen, daß ich wie meine Vorfahren bemüs-siget war, meine mehreste Zeit zur Schlichtung dieser dienstschädlichen Disputen anzuwenden. So mußte ich die unentbehrliche Notwendigkeit erkennen, auf deren Abstellung mit Ernst zu gedenken, wann anders dem gänzlichen Verfall der Monarchie in Zeiten noch vorgt-bogen Werden konnte.“

So ging Maria Theresia daran, ihr Erbe aus einem „Bündel von Personalunionen“ zu einem wirklichen Staat umzubauen. In fünf großen Hof- und Zentralstellen sonderte sie die wichtigen Teile der Staatstätigkeit: Gerichtsbarkeit, Justizgesetzgebung, Finanz, Krieg und äußere Politik. Sie teilte die Provinzen in zehn Gubernien ein und verstaatlichte einen großen Teil der bisherigen Ständeverwaltung. Vor allem aber rief sie damals das österreidiische Kreisamt ins Leben.

Diese Verwaltungsreform konnte die Kaiserin erst nach harten Kämpfen mit den herrschenden Ständen durchführen. Das sogenannte ständische Privileg war praktisch ein Vorrecht weniger Familien, in denen sich mit den Ämtern und Besetzungen der politische Einfluß vererbte. Das Interesse dieser Familien war mit tausend Fäden an die bestehenden Verhältnisse gebunden, so daß sie sich durch die neue Reform in ihren Rechten aufs schwerste getroffen fühlen mußten. Auch hievon geben die Denkschriften der Kaiserin ein anschauliches Bild:

„Ein so großes, die Abänderung der bisherigen Verfassung nebst der Ausrottung so vieler seit undenklidien Jahren an dem Hof wie in den Ländern in Übung gewesten Mißbräuche und Unordnungen zum Endzweck habendes Werk konnte, wie leicht vorzusehen war, nichts anderes als Unlust und Widerwillen anfangs verursachen: in der That schrie auch alles darüber, sonderlich die Miliz, die Stände, der' Adel und die herrschaftlichen Beamten; da größte Geschrei war jedoch in dem Hof selbst und von Seiten jener, die theils aus meinen Gnaden leben, theils durch meiner Vorfahren Milde und Großmuth zu demjenigen Reichtum und Ansehen gekommen, In welchem sie und die ihrigen sich befinden, au der nemlich Ursach aber durch Abstellung der unerlaubten Mißbräuche und die einzuführen gesuchte Gleichheit und bessere Ordnung mehr als andere öfters betroffen worden.“

Es bedurfte eines starken Charakters, diesen Kampf zu führen; mit österreichischer Liebenswürdigkeit allein war er nicht zu gewinnen. Bezeichnenderweise hat ihn auch ein NichtÖsterreicher durchgekämpft: Graf Friedrich .Wilhelm von H a u g w i t z, Sohn eines sächsischen Generals, der in der Jugend zum Katholizismus übergetreten war und sich zunächst in der Verwaltung Schlesiens bewährt hatte. In ihren Denkschriften setzt Maria Theresia ihm ein leuchtendes Ehrendenkmal. Er sei durch die Providenz Gottes zum Heil ihrer Länder ihr bekannt geworden, die „just umb durchbrechen zu können einen soldien Mann haben mußte“, der ehrlidi, ohne Absicht, in Treue zu seinem Fürsten, ohne nach dem Haß der Gegner zu fragen oder ihn zu fürchten, mit ihr gegangen sei und ohne den sie niemals zum Ziele gekommen wäre. Einsam und leidenschaftlich stritt Haug-witz den Kampf durch, fast nur mit der Kaiserin an seiner Seite. Doch auch sie hat ihn mit gleicher Unerschütterlichkeit die Treue' gehalten, nachdem sie einmal die Richtigkeit seines Reformplanes erkannt hatte. So wurde nach einem Kampfe, der an'die Kräfte Maria Theresias kaum geringere Anforderungen stellte als die Kriege gegen König Friedrich und Europa, das Reformwerk vollendet.

Es ist für die Geschichte Österreichs charakteristisch, daß an seinen großen Staatsreformen oft NichtÖsterreicher hervorragend beteiligt waren, wie die Namen Haugwitz, Stadion, Metternich und andere beweisen. Dennoch ist der theresianische Staatsneubau eine typisch österreichische Reform geworden, was nicht zuletzt auf den maßgebenden Einfluß zurückzuführen ist, den die Kaiserin persönlich an dem Reformwerk genommen hat. Dies geht eindeutig jaus den Denkschriften der Kaiserin wie auch aus ihren zahlreichen Handschreiben und Entschließungen hervor.

Nie ist irgendwo so reformiert worden, nirgends waren energischer Reformwille und weise Schonung des Hergebrachten in solch harmonischer Ehe verbunden als beim staatlichen Neubau der großen Kaiserin. Ihr mütterlidier Instinkt gebot ihr Ehrfurcht vor allem Lebendigen; wenn auch ihre Regierungs-weise dem Geiste der Zeit unterworfen war, so geschah alles doch mit weitmöglichster Schonung der traditionellen Kräfte. Ihre einzigartige historische Größe liegt eben darin, daß sie die großen Ideen von Natur und Ordnung in gleichem Maße in sich zu vereinigen wußte. Gerade durch dieses Zusammenwirken ausgleidiender Kräfte ist ihr Werk auch der starr rationalen, lehrhaften Wirksamkeit ihres Sohnes

Josef II. überlegen, dessen große,- aber letzten Endes unglückliche Herrschaft daran scheiterte, daß er seine Sendung ausschließlich als Aufgabe des Intellekts auffaßte.

Maria Theresia aber blieb in allem ihrem Tun stets die Mutter, nicht nur in ihren Gefühlen zu ihren 16 leiblichen Kindern, sondern auch in ihrer Einstellung zu ihren „Landeskindern“. Darum sind auch die Briefe der Regentin und der Mutter der Haltung nach kaum voneinander verschieden; in beiden schwingt der gleiche Ton unermüdlicher Sorge und mütterlicher Liebe.

Die theresianische Staatserneuerung war für den Neuaufbau Österreichs von so grundlegender Bedeutung, daß dessen Fortbestand bis heute undenkbar wäre ohne diese Reform, welcher es auch vornehmlich zu danken ist, daß der österreichische Staat den Stürmen der Französischen Revolution Widerstand leisten konnte. Darum ist auch für uns Heutige das reformatorische Wirken Maria Theresias noch nicht tote Geschichte, sondern ein Teil unseres eigenen staatlichen Lebens von heute, an dessen Erneuerung wir gerade gegenwärtig wieder herangehen. Möge uns hiebei der Genius der großen Kaiserin zur Seite stehen, die in unübertroffener Meister-sdiaft zielsicheres Reformstreben mit der Wahrung wertvollen Erbgutes zu vereinen wußte.

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