Auf der Suche nach Identität

Miral al-Tahawis Roman "Gazellenspuren" erzählt von der untergehenden Welt der Beduinen.

Nicht nur Gazellen hinterlassen Spuren im Wüstensand, auch Familiengeschichten bleiben noch sichtbar, wenn sie schon längst der Vergangenheit angehören. Die Spuren, denen die Erzählerin Muhra in "Gazellenspuren", dem dritten Roman der ägyptischen Schriftstellerin Miral al-Tahawi, folgt, sind Bilder, Fotos sowie Erinnerungen und Träume. Für die Nachkommin einer sesshaft gewordenen Beduinenfamilie gilt es zunächst das Rätsel um die Geschichte dreier Schwestern zu lüften, die auf einer Fotografie im Haus ihrer Großmutter zu sehen sind: Eine dieser Frauen ist Muhras Mutter, doch Muhra weiß nicht welche. Denn Muhras Vater, dem nach beduinischer Tradition die Töchter der verschwägerten Familie als Ehefrauen zustehen, heiratet zunächst die schöne Hind, nur um sie dann zu verschmähen. Als sie eines Nachts nackt und mit verdächtig gewölbtem Bauch vor dem Haus ihrer Eltern steht, wird sie nach der Geburt ihres Kindes in ein fensterloses Haus gesperrt. Die zweite Schwester Sahla tritt an ihre Stelle.

Ende der Beduinen

Ergiebiger als das Rätsel um die Mutter, das sich relativ schnell aufklärt, ist die Schilderung des Untergangs der Welt der Beduinen und der Schwierigkeit der Betroffenen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Die noch übrig gebliebenen Verwandten Muhras leben alle in der Vergangenheit, sie sind mumifiziert und versuchen vergebens Stärkung in der ruhmreichen Geschichte ihrer Vorfahren zu finden. Besondere Aufmerksamkeit wird der Figur des Vaters zuteil, dessen anfängliches Bild eines machistischen Familienoberhaupts durch das Porträt eines gebrochenen und seiner Tochter durchaus zärtlich zugewandten Mannes differenziert wird. Durch eine Landreform sowohl um den Besitz, das Erbe als auch das Ansehen seiner Familie gekommen, versucht er mit verschiedenen aussichts-und erfolglosen Unternehmungen wie der Pferdezucht und dem Abrichten von Raubvögeln an das Renommee seiner Stammesvorfahren anzuknüpfen.

Bruchstück an Bruchstück

Der Spurensuche der Erzählerin, die Bruchstück an Bruchstück reiht, ohne dabei zu wissen, ob und wie die Teile zusammenpassen, entspricht eine lockere Aneinanderreihung von, verschiedene Familienmitglieder betreffende Episoden, in der der Leser gelegentlich die Spur zu verlieren droht. Auch verschwindet die Erzählerin Muhra über weite Strecken, indem sie die distanzierte Erzählform der dritten Person bevorzugt.

Ob al-Tahawi damit das Scheitern der Identitätssuche ausdrücken will, die ja insofern erfolglos bleibt, als dass sie weder zu einem einheitlichen und akzeptierten Konstrukt noch zu einem besseren Verständnis der Gegenwart zu führen scheint, bleibt eine wohlwollende Vermutung. Der größte Stolperstein dieses kleinen und immer wieder sehr poetischen Bandes liegt allerdings in seiner Übersetzung, die bisweilen holprig erscheint und der es nicht so recht gelingen will, den passenden Ton und Rhythmus zu finden.

Gazellenspuren

Roman von Miral al-Tahawi

Aus d. Arab. v. Doris Kilias

Unionsverlag, Zürich 2006

144 Seiten, geb., e 17,40

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