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Das neue FURCHE-booklet

Booklet Nov 8-9
Literatur

Aus der Vogelperspektive

1945 1960 1980 2000 2020

Ingram Hartinger präsentiert berührende poetische Miniaturen.

1945 1960 1980 2000 2020

Ingram Hartinger präsentiert berührende poetische Miniaturen.

Der seit vielen Jahren in Klagenfurt lebende Schriftsteller Ingram Hartinger, der heuer siebzig Jahre alt wird, kann auf ein außergewöhnlich umfangreiches Werk zurückblicken. Es umfasst bislang siebenundzwanzig Prosa- und Lyrikbände (dazu kommen noch zahlreiche Beiträge in der von Alfred Kolleritsch herausgegebenen renommierten Literaturzeitschrift manuskripte). Jetzt ist ein neues Buch mit dem Titel „Storch und Amsel“ dazugekommen. Es nimmt den Faden von „Tang und Distel“ (2003) wieder auf. Nun sind es zahlreiche Vogelarten, die in den Klassifi kationssystemen von Linné und anderen oft seltsame Namen wie Phylloscopus collybita (oder Zilpzalp) tragen, die als Anlässe für hundertfünfzig Prosaminiaturen fungieren, die es in sich haben, denn ihr Inhaltsreichtum ist außergewöhnlich.

Als roter Faden durchzieht diese Miniaturen ein Perspektivenwechsel: Die Menschenwelt wird aus der Perspektive der Vögel gesehen und die Vögel werden wiederum als höhere Wesen zu Vorbildern für die Menschen. Diese erscheinen aus der Vogelperspektive als fluguntaugliche, nicht gut behauste Menschlein – und umgekehrt werden die Vögel zu Symbolen für Freiheitsdrang, Sehnsucht und den „Geist, der fliegt“.

Der seit vielen Jahren in Klagenfurt lebende Schriftsteller Ingram Hartinger, der heuer siebzig Jahre alt wird, kann auf ein außergewöhnlich umfangreiches Werk zurückblicken. Es umfasst bislang siebenundzwanzig Prosa- und Lyrikbände (dazu kommen noch zahlreiche Beiträge in der von Alfred Kolleritsch herausgegebenen renommierten Literaturzeitschrift manuskripte). Jetzt ist ein neues Buch mit dem Titel „Storch und Amsel“ dazugekommen. Es nimmt den Faden von „Tang und Distel“ (2003) wieder auf. Nun sind es zahlreiche Vogelarten, die in den Klassifi kationssystemen von Linné und anderen oft seltsame Namen wie Phylloscopus collybita (oder Zilpzalp) tragen, die als Anlässe für hundertfünfzig Prosaminiaturen fungieren, die es in sich haben, denn ihr Inhaltsreichtum ist außergewöhnlich.

Als roter Faden durchzieht diese Miniaturen ein Perspektivenwechsel: Die Menschenwelt wird aus der Perspektive der Vögel gesehen und die Vögel werden wiederum als höhere Wesen zu Vorbildern für die Menschen. Diese erscheinen aus der Vogelperspektive als fluguntaugliche, nicht gut behauste Menschlein – und umgekehrt werden die Vögel zu Symbolen für Freiheitsdrang, Sehnsucht und den „Geist, der fliegt“.

Würden die Scheuchen fliegen lernen wollen, schaute die Geschichte ganz anders aus.

Ingram Hartinger: „Storch und Amsel“

Diese Umkehrungen „zerfleddern das Denken aus Stein und Beton, nicht aber die Heiterkeit der Luft“. In diesem Rahmen entfaltet sich ein anderes, ein poetisches Denken in einem Imaginationsraum mit einer spontanen Assoziationsdynamik. Die Darstellungsmittel und Inhalte reichen – wie schon in Hartingers anderen Werken, nun aber mit gereifter Könnerschaft – von Beschreibungen der Vogelarten, erzählerischen Passagen, Einblicken in persönliche Befindlichkeiten, Gesellschaftskritik, religiösen und philosophischen Anspielungen (zum Beispiel Franz von Assisi und Martin Heidegger) bis zu kryptischen Formulierungen, die sich einem rationalen Verstehen entziehen.

Ein Beispiel für eine besonders berührende erzählerische Miniatur ist die Geschichte vom Kakadu Tiffany, der aus seinem Käfi g in der Bar Merano im Kurort Montegrotto flüchtet und zum in der Nähe wohnenden Dichter Petrarca (gestorben 1374) fliegt und sich von ihm streicheln lässt. In dieser Bar ertönen Melodien aus Carl Zellers „Der Vogelhändler“. Auch in dem wehmütigen Text „Etwas zu Findendes“ erscheint diese Operette wieder, wenn die greise Mutter des Autors auf dem Weg in ihr Schlafzimmer das sentimentale Lied vom „Ahnl“ mit „Sing mir, sing, Nachtigall“ anstimmt.

Ein Grundmotiv Hartingers durchzieht mehr oder weniger direkt auch sein jüngstes Buch: die Sprachkritik. Hier werden nun die Vogelstimmen zu Vorbildern für das Auffl iegen zu einer anderen Sprache, für Lieder, die jenseits der Menschen noch zu singen sind, wie es sinngemäß im Gedicht „Fadensonnen“ von Paul Celan heißt.

Wenn man das „beredte Reden“ des Wiesenknarrers nachmacht, indem man mit dem Daumen über einen Kamm streicht, entsteht ein sperriges „rerrprerrp“, das sich wie der Beginn eines dadaistischen Gedichts anhört, und das auf einer Waldlichtung von Lullula arborea, der Heidelerche, zugerufene „didloi“ bedeutet dem Meditierenden „Träumst du?“

„Storch und Amsel“ ist ein Höhepunkt des bisherigen Schaff ens Ingram Hartingers, ein Buch, das nicht schnell durchgelesen sein will, sondern immer wieder zum Innehalten und Nachdenken einlädt, vielleicht musikalisch ergänzt mit „Was mir der Kuckuck erzählt“, dem 3. Satz aus der 3. Symphonie von Gustav Mahler.

Storch und Amsel - © Wieser
© Wieser
Literatur

Storch und Amsel

Von Ingram Hartinger

Wieser 2019

160 S., geb., € 21,00