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Aus Tagebuch und Briefen Prokesch-Ostens

Am 1. Jänner 1872 empfing der Sultan in seinem Palais zu Dolmabagdsche, ■ den österreichisch-ungarischen Botschafter Anton Graf Prokesch von Osten* in Ab-schiedsaudienz. Am 6. desselben Monats verließ er nach löjähriger Tätigkeit als Internuntius und Botschafter Konstantinopel und schon am 21. Jänner beginnt er eine Kunstwanderung durch den Dogenpalast und die „Belle Arti“ zu Venedig. Die schönen Künste hatten schon bisher das Leben dieses genialen Österreichers verklärt. Nun, da er Herr seiner Zeit war, wollte er die Kunststätten besuchen, die er noch nicht kannte, und in Museen, Galerien, Münzkabinetten nachholen, was er bisher hatte versäumen müssen. .

In seinem Tagebuch fragt er oft — wozu schreibe ich meine Aufzeichnungen, wer wird sie nach meinem Ableben lesen, haben sie irgendeinen historischen Wert? —■ Abgesehen von dem engen Kreis seiner Nachkommen, interessieren sich noch so viele Historiker des In-, und Auslandes für seine Arbeiten, daß es mir geboten erschien, seinen mir vererbten schriftlichen Nachlaß zwecks leichterer Einsichtnahme der Nationalbibliothek in Wien zu überweisen, bis auf die Tagebücher. Er hinterließ wertvolle Schriften, die Literaturhistoriker veranlassen, ihn unbedenklich zu den ersten der österreichischen Schriftsteller aar'.Jer=:Epoclie':des Vormärz zu rechnen* Aus den poetischen und geschichtlichen Werken leuchtet das Genie des Dichters und das Talent des zeitgenössischen Historikers, aus seiner politischen Tätigkeit die feine Klugheit und Energie des Diplomaten. Man kann ihn den Künstler der Feder nennen und dazu kommt noch seine Kunst der Beredsamkeit und die Tugend der unbestechlichen Wahrheit. Seine Thesen werden ihren Wert immer behalten, wenn sie auch im vorigen Jahrhundert geschrieben wurden. Seine Reisebeschreibungen aus dem Orient spiegeln unmittelbar seinen empfänglichen Geist und zeigen uns jene Gegenden von Athen und Konstantinopel, von Smyrna und Kairo, vom Heiligen Land und Ägypten in einer neuen Sonne. Das ist ja eben die Kunst des Schriftstellers Prokesch, Licht und Schatten so zu mildern oder zu vertiefen, daß er uns dann das echte Gemälde, das des Künstlers zeigt. Ich benütze im nachstehenden sein Tagebuch und einige Briefe.

Prokeschs langes, reiches Leben war von den unverwelklichen Blüten der Kunst umkränzt. Als sechsjähriger Knabe wurde er zuerst von den schönen Titelkupfern eines Buches von Eckhartshausen magisch angezogen. Als 19jähriger Fähnrich fand er 1814, nach dem Einzug der verbündeten Armeen in Paris, ein überreichliches „Tischlein-deck-dich“ der Kunst. Dort waren nicht nur französische, sondern auch all die zahllosen Meisterwerke der Bildhauerei und des Pinsels versammelt, die die letzte Weltherrschaft der Franzosen aus den eroberten Ländern in Europa, Afrika und Asien zur Glorie Napoleons ausgestellt hatte.

Tiefste Anregungen, die seinen Kunstsinn noch mehr entwickelten, empfing Prokesch dann durch das Studium der Kunst-sdiätze der Kaiserstadt Wien und im persönlichen Verkehr mit Künstlern. Er lernte hier auch den Bildhauer Thorwaldsen kennen. Sie debattieren über Kunst. Was ist antik, was modern? Prokesch antwortet:

„Was aus sich heraus wird, ist antik. Was dieser inneren Notwendigkeit der Äußerung entbehrt, als ein Erlerntes wirkt, ist modern.“

„Venedig“ — fährt er fort —, „diese Königin der Meere, obwohl schon lange überwunden, unterjocht, beraubt und entehrt, liegt im Tode noch bewunderungswürdig, unvergleichbar da. Morgenländische und gotische Baukunst, maurischer Reichtum und italienische Pracht, die schwelgende Phantasie lombardischer Meister und die mächtige Klarheit eines Paladio von Longhena haben hier durch Jahrhunderte Meisterwerke und nur Meisterwerke geschaffen und eine Feenwelt verwirklicht, in der die Romantik zur Wahrheit wird.“

Von 1824 bis 1829 dauerte sein Aufenthalt in der Levante. Nach der Fahrt durch die Nilkatarakte schrieb er an Schneller:

„Ich habe Euch in meinen Briefen durch 18 und, wenn ich diejenigen von Philä hinzurechne, durch 21 Tempel und manche Ruine geführt, Werke der drei größten Völker des Altertums, in einem Lande, das jetzt eine Wüste ist ... Wie viele Jahrtausende gehören nicht dazu, bis ein Volk zur Idee so großer Weke reif ist, wie viele, bis es den ersten Koloß aufzurichten versteht. Welche Vereinigung von Kräften, welche Entwicklung der Gesellschaft muß nicht vorausgegangen sein, welch langer Bestand in geregelten Regierungsverhältnissen, bis Schrift, Schmuck, Geschmack in solchem Triumph sich zeigen? Sie beweisen weiter den uralten Zusammenhang zwischen Ägypten und Äthiopien. Sie beweisen, daß Griechen und Römer der ägyptischen Baukunst, wie ägyptischer Sitte und Religion huldigten und ausgebreitete Macht in jenen Wüsten hatten, die damals nicht Wüsten waren. Sie beweisen, daß nicht lies, was nach ägyptischem Stil gebaut ist, deshalb auch ägyptisch sei. Sie zeigen endlich, welche Ausdehnung die christliche Religion hatte, da sie so viele und so große Tempel zu bevölkern imstande war.“

Nach seiner Dienstreise durch Italien (1830/31) schreibt er unter anderem in sein Tagebuch über Rom:

„Die Geister großer Erinnerungen wandeln noch sichtbar dem inneren Auge auf der erhabenen Bühne, die man Rom nennt und um welche die Jahrhunderte und die unbeschreibliche Menge von Menschen aller Farben und Abstammung als staunende Zuschauer stehen. Die Gedanken der Künstler nehmen Form und Leben und wandeln über denselben Boden. Schicht dringt durch Schicht und die Gerüste, von den Hütten des Ro-mulus bis in die Paläste der Auguste und bis auf die Bauten der Leone, stehen in- und nebeneinander ohne Störung. Uber eine solche Stadt hat die Zeit ihre Herrschaft verloren. Rom ist gewesen — Rom ist, sind gleichbedeutende Ausdrücke. Denn was Rom war, bleibt es. Seine Geschichte ist eine fortdauernde Gegenwart. Urbi et Orbi — der Stadt und dem Erdkreis — ruft der Papst hoch von der Tribüne der Peterskirche, wenn er am Ostersonntag die Völker segnet. Rom, Stadt der Erinnerungen, der philosophischen Trauer und des Trostes — Segen der Kunst —, deine reiche Natur voll Klarheit und Maß, das sind deine Zauber! Rom erschüttert wie das Grab eines großen Menschen —, es gibt keine würdigere Schilderung deiner Ruinen!“

Den Beginn des griechischen Freiheitskampfes verfolgt Prokesch mit heißem Atem. Er las, wie damals alle Welt, Lord Byrons zündende SAriften für Wahrheit und Freiheit, und fühlte sich eins mit dem großen Dichter Englands. Er liebte Griechenland und idealisierte es. Von ernster Musik ergriffen, weinte er Tränen für Hellas. Da ging sein Wunsch in Erfüllung. Er kann selbst Griechen, land aufsuchen. Der Kriegsmarine zugeteilt, segelt er in die Levante,' erreiht Hellas. Er sucht nah den Kunstshätzen des alten Griechenlands. Er sucht sie auf allen Inseln der Kykladen, auf Syros, in Smyrna, Kreta, Paros, Naxos. Er forscht und findet Ruinen, Tempelreste, Schutt, Trümmer. Wie häßlich dieser berühmte Piräus! Durch „Dreck und Schmutz“ reitet er nah Athen. Reitet, das erste Fuhrwerk brachte ja erst später die Herzogin von Plaisance nah Attika!

„Öde Landschaft, Schafherden, selten ein Baum, verkrüppelt Weiden, einig* OUücnuu einsame Palmen und Zypressen, Kamele schleppen die Lasten zur Stadt, unter einem Baum eine Hütte mit Ziehbrunnen — ein biblisdies Bild. Dann endlich in der Öde und Wildnis ein Fels, wie eine gewaltige Burg mit senkrecht aufsteigenden, unzugänglichen Wänden. Rostbraune Ruinen am Fuße der Felsenfeste, rostbraune Ruinen m Gipfel, der eine Terrasse bildet, voller Trümmer, mit Schutt bedeckt — die Akropolis (im Jahre 1834!).“

Bei der Überreichung seines Beglaubigungsschreibens richtete Prokesch unter anderem folgende Worte an König Otto:

„Ich sehe Euer Majestät mitten unter Ruinen wohnen, unter herrlichen von einst und unter erbärmlichen von gestern. Das Bild ist das junge Griechenland selbst. Euer Majestät aber sind berufen, den trefflichen Stoff, der im griechischen Volk vorhanden ist, zu einem neuen Bau zu nutzen und die traurigen Spuren barbarischer Zeiten hinwegzuräumen.“

Er selbst hatte das Glück, eine der Haupttypen der archaischen Kunst zu finden und zu erwerben, die Skulptur, die in der Kunstgeschichte als der „Apoll von Tenea“ bekannt ist. Prokesh widmete diesen wertvollen Fund dem König Ludwig von Bayern; er schmückt seit damals die Glyptothek. •

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der unermüdliche Forsher vornehmlich auf Kunstreisen. Neues sieht er in der Normandie, viel in Spanien, wo er trotz der schlechten Verkehrsmöglichkeiten in seinem letzten Lebensjahre zur Winterszeit Barcelona, Taragona, Valencia, Cordoba, Sevilla, Granada, Malaga und Gibraltar besucht. An der Nordküste Afrikas streift er von Tanger über Oran, Blidda, Algier, Tunis nah Karthago und kehrt über Cagliani nah Italien zurück.

Er war ein scharfer Beobachter nicht nur für Sonne und Schatten des Alltags und der Kunst, sondern auch für historische Evolutionen der Vergangenheit und Gegenwart. Und so sah er als Philosoph, Staatsmann und prüfender Denker auch klar in die Zukunft und mit seinen Künstleraugen manches voraus, was dann später Wirklichkeit wurde. Freilih bestimmte sein politisches Urteil, wenn er von der von Österreich zu verfolgenden Baftanpolitik sprach, seine Sympathie für die alte Türkei, deren Aufrechterhaltung er den Interessen Österreichs entsprechend fand. Die türkische Regierung sei eine ehrliche und besonnene, ihre Mittel seien groß und er könne sich an ihrer Stelle keinen Nahbarn denken, der für Österreich bequemer und hilfreicher sein könnte. Er verweise „alles unter die Klasse selbstmörderischer Träume, was bei uns von Loslösung Rumäniens und Serbiens, von Eroberung Bosniens usw. gedacht werde *“.

Es folgen in diesem bisher noch nicht veröffentlichten Briefe: „Die Auflösung der Türkei halte ich für den unmittelbaren Vorläufer der Auflösung Österreich-Ungarns, und weil ich ein Österreicher bin, halte ich an der Integrität der Türkei.“

Am 17. Oktober 1876 besuchte Prokesh in Wien das orientalisdie Museum, am 19. wohnt er der Eröffnung des Herrenhauses bei und am 26. schloß er seine Augen für immer. Seine letzten Gänge galten der Kunst und der Pflicht. Was ihm die Kunst war und gab, soll er uns mit seinen eigenen Worten sagen:

„Ich gestehe, daß nichts in der Welt mich inniger anspricht und dauernder festhält als die Kunst. Sie ist das glückliche Kind des Himmels, das ohne Schmerzen geboren wird. Ihr ist unverwelkliche Jugend zuteil. Sie allein ist ganz und in jedem Teile sie selbst. Wissenschaff ist irdischer Abkunft,die Kunst aber ein Funken von oben. In allen Künsten ist die Kunst eine und dieselbe. Nicht alle aber haben gleiche Mittel, um sie den Sinnen erfaßbar darzustellen, und jede bewahrt im Ausdruck irgendeinen Vorteil über die andere. Meinem Wesen haben Poesie, Musik, Malerei und Skulptur fast bis zu gleicher Höhe zugesagt, Poesie und Musik aber einen wenig glücklichen Einfluß auf mich geübt, weshalb ich sie fürchte, ohne deshalb aufgehört zu haben, sie zu lieben. Skulptur und Malerei haben mich nicht wie Geliebte, aber wie Freunde umfangen. Ihrem Umgange gebe ich mich mit ganzem Vertrauen hin. Wenn es keine Kunst gäbe, so fiele die Blüte vom Lebensstamme ab. Man hat auch sie, die ewige Vertreterin des ewigen und notwendigen Frühlings heruntergezogen in den Schmutz des Marktplatzes, aber wie eine Daphne entwischt sie da den lüsternen Händen und wird — nein, nicht zum Lorbeerbaum, sondern zur nährenden Palme.“

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