6691345-1962_39_12.jpg
Digital In Arbeit

Aus unveroffentlichten Briefen

Am Anfang der Woche versuchte ich auch, Shakespeares „Othello“ wieder einmal zu lesen. Ich kam nur bis in den III. Akt hinein, und dann fing die Geschichte an, mich zu langweilen. Entweder liegt hier abermals ein Mangel meiner geistigen Organisation vor, oder ich habe recht wider alles Urteil der gesamten öffentlichen Meinung seit nahezu zwei Jahrhunderten, das in Shakespeare den größten Dramatiker der neueren Zeit, ja den größten Tragiker sieht. Ich kann aber nicht anders als Shakespeare ablehnen. Ich weiß nur einen einzigen, nachdem Tolstoi ““S begreiflichen Gründen hier nicht in Betracht kommt, dessen Wertung des englischen Theaterdichters (mag sich nun hinter dem Schauspielernamen Shakespeare welche Persönlichkeit immer verstecken) auf dasselbe hinausläuft: Otto Weininger. Ich bin mir sicher, in diesem Punkt keineswegs von Weininger einfach beeinflußt zu sein. Obwohl ich zugebe, daß er mir hier wie in einigen anderen Fällen erst Mut gemacht hat zu meinen eigenen Gedanken und Wertungen. Shakespeare — der große Kinodramatiker der Seele. Das ist's. Was ist dieser ganze „Othello“? Ein Intrigantenstück und sonst nichts, ein Intrigantenstück mit üblem Ausgang. Von Tragik, von tragischer Schuld, wie sie sehr wohl im Phänomen der Eifersucht gelegen sein könnte, keine Spur. Mit unglaublicher Virtuosität der Theatermache aufgebaut. Wie wenig tief das ganze Stück ist, möge ein Umstand beweisen. Der genügt aber vollständig: nicht eine einzige Person errät innerlich den Bösewicht Jago. Man denke nur einmal an das Gretchen im „Faust“, der in der Gesellschaft des Mephisto nicht wohl ist. Es ist nicht meine Sache, die Revision des allgemeinen Urteils über Shakespeare zu vollziehen, also lasse ich das auf sich beruhen (wie es mir auch um keine Stellungnahme zu Richard Wagner zu tun ist, beispielsweise) und werde wohl wieder hübsch lange nichts von Shakespeare lesen. Aber wenn irgendein „Berufener“ sich einmal an diese Arbeit macht, zehntausend Professorenstimmen hat er im vorhinein gegen sich, dann werde ich ihr wohl mit Interesse folgen. Am Tag darauf habe ich mich an einem kleinen Dialog Piatons wieder erholt. (6. April 1913) ... ,

> lAvi? hm; er nwiinw3iW xb .tsblßW flMöim. ft ,?Dflß

•jkrfssniW M H .csrewxloH* -tt!üi$ bin wdan .fisgnuii*

Staune über mich: In diesen trübseligen Tagen bin ich, der ich doch seit Jahren schon allen Dichtern wahrhaftig entfremdet bin, wieder einem Dichter innerlich nahegetreten, so nahe, daß ich mich jetzt schon jeden Tag freue, ihn vor dem Einschlafen zu lesen. Was ist mir jetzt nicht alles Hölderlin? ... Es sind jetzt merkwürdigerweise gerade sieben Jahre her, daß ich mich mit seinen Oden zum erstenmal abgab. Das war im Herbst 1906. Aber damals ist er mir eigentlich nicht so innerlich nahegegangen wie jetzt. In ihm ist vor allem jene spezifische Eigenart des „Dichters“, die vielleicht Goethe abging, die aber Schiller besaß: die Freude am Pathos des Wortes, am Rhetorischen des sprachlichen Ausdrucks. Das ist eigentlich etwas, das die Tendenz zum Formlosen in sich trägt, aber gerade in Hölderlin künstlerische Form gewann. Daß diese künstlerische Form ohne die Tiefe des Lebens- und Daseinsgefühles, die in seinen Oden liegt, mir gar nichts wäre, versteht sich wohl von selbst... Während Schiller, zu dem er sich in sehr bezeichnender Weise in früheren Jahren sehr hingezogen fühlte, eigentlich nie so recht als Dichter das Rhetorische überwand, ist Hölderlin gerade an diesem Zuge seines Wesens und seiner geistigen Natur zum Künstler geworden. Nicht zum plastisch-bildenden, dazu ist er zuviel innerlich musikalisch. Gestalter war er überhaupt nicht und ganz gewiß kein Genie, in jenem strikten Begriffe, über den ich schwerlich mehr umlernen dürfte in meinem Leben — aber alles geistige Leben in ihm war gleichsam erfüllt von Tendenz zur Genialität. Über einen, der sagen durfte: Seid fromm, wie der Grieche warf Liebt die Götter, und denkt freundlich der Sterbenden! Haßt den Rausch wie den Frost!, ist der Wahnsinn wahrhaftig wie ein tragisches Geschick hereingebrochen. (24. November 1913)

Ich lese Kierkegaards „Krankheit zum Tode“ zum zweitenmal. Es ist ganz gewiß das tiefste Buch der ganzen philosophischen und sonstigen Literatur — ich geniere mich gar nicht, mich bewußt zu wiederholen. Denn ich glaube, ich hab' Dir das schon gesagt. Und ich werde es noch ein drittes und viertes Mal lesen und immer wieder und mich aber auch hüten, nur einen einzigen Bleistiftstrich oder auch nur die kleinste Glosse dazuzumachen. So etwas „erledigt“ man nicht, sein ganzes Leben nicht, kaum daß man sagen darf, man setze sich mit ihm auseinander. Man liest es, man nimmt es auf in sich und läßt es wirken auf sich. Und dann — ja dann, ich halte es nicht für das übelste Anzeichen an mir, daß ich es nicht wage auszusprechen, was dann ist. (19. Juni 1916)

Seif ein paar Tagen lese ich auch wieder in Kierkegaards „Krankheit zum Tode“. Wahrhaftig, das Buch ist unerschöpflich in seiner Tiefe. Verstehen, wirklich verstehen, kann es wohl nur derjenige, der die Geistigkeit des menschlichen Lebens im strengsten Sinne des Wortes ernst nimmt. Der also nicht bloß dichterisch oder metaphysisch von ihr träumt oder sie philosophisch erspekuliert. Mir ist noch vieles darin verschlossen. Und dazu ist vielleicht auch mein Intelleh den Anforderungen dieser

Schrift nicht gewachsen. Freilich darf man sie nicht nur den kend, man muß sie „existierend“, geistig lebend, durchstudieren. Dann erst versteht man sie. (20. Jänner 1918)

In diesen Tagen hatte ich Lust, den „Brand“ von Ibsen zu lesen. Vielleicht zum erstenmal mit einigem Verständnis... Natürlich bedeutet der Brand, obgleich so sehr vom Geiste Kierkegaards erfüllt, schließlich doch ein Mißverständnis an Kierkegaard. Denn das Problem des Lebens, wie es dieser angepackt hat, läßt sich gar nicht mehr in die Sphäre des Ästhetischen rücken (hier sehe ich meine „letzte“ Erkenntnis in ihre Rechte treten: daß aller „Idealismus“, alles Ästhetische und Metaphysische, nur ein Traum vom Geiste sei, der abseits von den Realitäten des geistigen Lebens geträumt wird, wahrhaftig in einem „Müßiggang des inneren Lebens“ — sind wir nicht die meisten und sind wir nicht meistens „Müßiggänger des inneren Lebens“?). (21. Jänner 1917).

Wieso nur kommt es, daß ich mich jetzt, wo sich mein Denken seit mehr als einem Jahre damit beschäftigt, in welchem Sinne man das Wort vom Geist verstehen müsse, wenn man es wirklich ernst nehmen will, daß ich mich jetzt mit gar keinem Menschen mehr „objektiv“ zu verständigen vermöchte? Es ist ja nicht so bei mir, daß alles dasjenige, worin ich zwischen meinem 20. und 30. Lebensjahre geistige Werte gesehen habe, aufgehört hätte, als geistiger Wert für mich zu existieren. Keineswegs — und ich brauche nur ein Gedicht von Baudelaire, beispielsweise, oder ein Chorlied aus dem Sophokles oder was sonst noch herzunehmen, um mir fühlbar zu machen, wie alles das keineswegs aufgehört hat, von mir in seinem geistigen Wert anerkannt zu werden. Aber dieses ganz klare und deutliche Bewußtsein vom Gegebensein dieser geistigen Werte ist jetzt von einem zweiten Bewujltsein begleitet, von jenem, in welchem zwischen der „Traumhaftigkeit“, aller ideellen geistigen Werte und den ei£ent-lidten'realen gMi'0>WhM W'UMerscUied gemacht wini. Und hinter diesem Unterschied'''steckt' sozusagen eine neue Philosophie,' um' deren gedankliche Entwicklung ich freilich wenig bemüht bin. (21. Februar 1917)

Als ich heuer wieder anfing, mich für Strindberg zu interessieren, versuchte ich es, vom Standpunkt meiner in den letzten Jahren gewonnenen Einsichten in das geistige Leben, die geistige Persönlichkeit Strindbergs in einer Formel zu fassen. Und ich sah und sehe diese Persönlichkeit vor allem darin charakterisiert, daß sie das, was ich die „Icheinsamkeit“ der menschlichen Existenz nenne (das also, was das geistige Sterben im Menschen ist; denn das Ich existiert ja nur in seinem Verhältnis zum Du und geht in seiner Verschließung vor dem Du zugrunde), daß sie also diese Icheinsamkeit zum Prinzip des geistigen Existierens macht. Die Formel bewährt sich (und beweist damit die Richtigkeit meiner Auffassung vom Wesen des Ichs, vom Wesen des Geistigen im Menschen): Geh nur einmal die Reihe der verschiedenen Strindberg-Gestalten in den Dramen und Romanen durch. Das sind lauter icheinsame Menschen, die ihre geistige Existenzbestimmtheit in der Kraft ihrer Abschlieflung vor dem Du suchen. Lauter der Liebe abgestorbene Menschen. Die Konsequenz der Ichverschlossenheit ist Wahnsinn. Man muß nur darauf achten, wie der Wahnsinnige ein Mensch ist, in dem alle Liebe abgestorben ist (darum kann man ja auch mit ihm kein

Die zitierten Briefstellen sind dem bisher unveröffentlichten Briefwechsel Ferdinand Ebners mit Luise Karpischek, “ einer mit ihm befreundeten und geistesverwandten Lehrerin aus Wiener Neustadt, entnommen. Ihr Abdruck erfolgt mit der freundlichen Genehmigung Herrn Ing. Walter Ebners und des Kösel-Verlages in München, in dessen im Erscheinen begriffener, von Prof. Dr. Franz. 5leyr besorgter Ebner-Ausgabe ein eigener Briefband vorgesehen ist. Die zitierten Briefe, die der derzeitige Besitzer, Herr Dr. Gustav Karpischek, liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hat, wurden in Gablitz bei Purkersdorf geschrieben, wo Ferdinand Ebner von 1912 bis zu seinem im Jahre 1931 erfolgten Tod lebte.Mitleid haben; denn Mitleid kann man nur mit einem Wesen haben, das der Liebe fähig ist). Der Wahnsinnige ist nicht mehr imstande, irgend etwas, am allerwenigsten aber einen Menschen, wirklich zu lieben . . . Der „icheinsame“ Mensch — das ist so recht der Mensch des 19. Jahrhunderts. Hat nicht auch Gerhart Hauptmann an das Problem des icheinsamen Menschen einmal gerührt? Ich glaube, Du hast ja auch sein Drama „Einsame Menschen“ gelesen. Ging nicht auch Nietzsche an der prinzipiell auf die Spitze getriebenen Icheinsamkeit seines Geistes im Wahnsinn zugrunde? Lies doch seine Briefe mit Aufmerksamkei — überall wirst Du es spüren, wie sein „Wort“ immer weniger und weniger den Weg zum Du hinfindet, wie es immer mehr und mehr am Du vorbeispricht — in die unendliche Nacht und Einsamkeit des Wahnsinns hinein. Erinnerst Du Dich, daß ich einmal zu Dir sagte — vielleicht auch, daß ich es Dir in einem Brief schrieb —, wir alle hätten irgendwie etwas vom Wesen Nietzsches in uns? (2. August 1918)

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau