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Ausländer in Österreich

Das fünfte Musikfestival „Hörgänge" im Wiener Konzerthaus wird von seinem Publikum wieder viel Offenheit und Konzentration fordern. Die Komponisten unserer Zeit machen es einem oft gar nicht leicht, ein musikalischer Zeitgenosse zu werden.

In drei Wochen werden für 24 Konzerte und 21 Uraufführungen 3.000 Resucher erwartet, davon sind 500 Dauergäste. Eine Rechnung, wie hoch der einzelne Platz im Konzert subventioniert beziehungsweise vom Sponsor EA Generali gefördert ist, will Konzerthausdramaturg Christoph Becher nicht anstellen. Becher wünscht sich die „Hörgänge" 1997 nur zwei Wochen lang, weil das Publikum mit der Dauer des Festivals immeij selektiver werde.

Vielleicht gerade weil eine Auswahl aus ästhetischen Gründen in dieser rahmenlos-vielrahmigen musikalischen Zeit so schwierig geworden ist, wählen sich Festivals Themen. „Hörgänge" 1996 machte „Ausländer in Österreich" zum Motto und präsentiert zwanzig Komponisten, die zwar nicht hier geboren sind, aber ihre Inspirationskraft in und von Österreich empfangen.

Die Schweizer zum Beispiel: Mathias Rüegg, gefragter Filmkomponist, gründete das Vienna Art Orche-stra und ist einer der Leiter des Jazz-Clubs „Porgy und Bess"(28.3.); Michael Jarrell ist Professor für Komposition an der Wiener Musikhochschule und Beat Furrer Gründer des „Klangforum Wien", des einzigen Ensembles für neue Musik in Österreich, das seinen Mitspielern ununterbrochene Beschäftigung verschafft.

Aus Amerika ist Eugene Hartzell; nicht nur ein ansprechender Komponist, sondern auch als ehemaliger Sprecher von Badio Österreich International ein Begriff. Der Kubaner George Lopez lebt seit 1991 auf einer Kärntner Alm (18. 3.), Ivan Eröd, Schöpfer beliebt-brillanter, leichtfüßiger Kammermusik, kam 1956 aus Ungarn (28. 3.), genauso wie György Ligeti, dessen Musik einem größeren Publikum via Film bekannt wurde. Sie floß in „2001 - Odyssee im Weltraum" und „Shining" ein.

Unter den „österreichischen" Interpreten sind auch das australischamerikanische „Koehne-Quartett" (13. 3.) und das amerikanischwienerische Saxophon-Quartett. Das Ensemble „On Line" baut nicht nur auf viele eingewanderte Künstler, sondern auch auf seinen bulgarischen Dirigenten Simeon Pironkoff Junior (Abschluß am 26. 3. im Palais Eschenbach).

Sie sind seit Jahrhunderten hier beheimatet, aber einige wenige würden sie gern als Ausländer sehen - die Roma. Zigeuner-Sein in Österreich, verpackt in einer Fabel, sogar in einer humorvollen Farce, ist das Thema der „Windoper. Monolog mit einem Schatten". Der Librettist der bürgen-ländische Autor Peter Wagner und der Komponist Wolfgang Kubizek. Sie hoffen, den offenen Diskurs zu provozieren. Ein im KZ vergaster Zigeuner mutiert zu einer Ratte, erinnert sich aber an sein Leben als Mensch. Bei starkem Wind wird die Ratte zum Mörder. Eines Tages findet die Ratte den Leichnam Gottes. Menschliche und tierische Bedürfnisse sind im Widerstreit: der Mensch rechnet mit Gott ab, das Tier frißt ihn auf.

Die inhaltliche Aussage bestimmt die musikalischen Stilmittel. Zigeunerromantik und bürgerlicher Operngesang sind fehl am Platz: „Carmen kann nicht meine Absicht sein", meint Kubizek. (Uraufführung am 15. 3.)

Wie die Strukturen der Großen von den Kleinen nacherfunden werden, haben Schüler und Schülerinnen gemeinsam mit Lehrern, erfahrenen Musikern und Komponisten im Musikunterricht der letzten Wochen erprobt. „Klangnetze" sind das Ergebnis eines kosten- und energieintensiven Schulprojekts, wie man aus Schülern ein Publikum macht, das Erfahrung mit neuer Musik hat. „Klangnetze" sind der herzhaft-unermüdliche Versuch, den Musiklehrer in seinen nicht enden wollenden Anforderungen zu unterstützen. Die Schule bekommt Gast-Spezialisten, die Schüler werden zu Darstellern auf der Bühne des Konzerthauses; das kleine Können des einzelnen summiert sich unter der Anleitung der Komponisten zum großen Können der Gruppe. Die Klangnetze sind finanziell gefördert vom Österreichischen Kulturservice und den Musikkuratoren. (16. 3., 15. Uhr)

Peter Burwiks „Ensemble des 20. Jahrhunderts" feiert sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen. Fünfundzwanzig Jahre Ansuchen um Subventionen, fünfundzwanzig Jahre erst im letzten Moment - am Jahresanfang -planen können, fünfundzwanzig Jahre ehrenamtliche Organisationsarbeit, fünfundzwanzig Jahre Musiker von Ereignis zu Ereignis zusammentrommeln. Und dies alles, um die Komponisten Morton Feldman, Steve Reich, Arvo Pärt, Max Brand und Ad-riana Hölszky und vieles mehr an neuer Musik zu präsentieren. (20. März)

Friedrich Cerha, Monument österreichischer Musikgeschichte und gerade siebzig geworden, wird wieder gefeiert. (14., 16., 17., 23. und 24. März)

Zwei andere thematische Stränge weben das Festival, ohne es verzopft zu machen: Musik der fünfziger Jahre - Messiaen, Stockhausen und Britten werden präsentiert von Simon Rattie mit seinem City of Birmingham Symphony Orchestra. (22. und 23. 3.)

Parallel zu den Musikereignissen spannt ein gigantisches Symposium „Offene Regionen" von 22. bis 26. März einen Bogen von der Regional-zur Universalkultur, von afrikanischer zur Pop-Musik. Höhepunkt ist der Film „The Song of Harmonics" den der Musikethnologe Hugo Zemp zum Obertongesang gedreht hat. (25. 3., 16.15 Uhr, Palais Eschenbach)

Für Neuankömmlinge im Reich unbekannter Klänge neuer Musik sei das Doppel-Konzert am 16. März empfohlen; nach Werken mit dem Wiener Saxophon Quartett tritt Berti Mütter, der Autor-Sprecher-Improvi-sateur-Posaunist mit der spanischen Sängerin Fatima Miranda auf. Mütter wurde allein durch sein Instrument mangels passender Literatur zur Erfindung gezwungen.

Nicht nur für die Liebhaber der persischen Laute Oud ist der Nubier Hamza El Din (21.3., 21. Uhr) ein exquisiter Tip. Er ist ein weitgereister Weltmusiker, geübt im Crossover mit Ravi Shankar und hat auch für das Kronos Quartett komponiert.

„Wir können Klang nicht beschreiben, aber wir können ihn auch nicht vergessen", war Igor Strawins-kys Antwort auf seine Erfahrungen mit japanischen Instrumenten. Die für uns Europäer oft nicht wahrnehmbare Ordnung der Rhythmen in der japanischen Musik und die ober-tonreichen Klänge bieten eine neue Freiheit des Hörens. Zum Beispiel das Koto-Ensemble, japanische Wölbbrettzithern am 25. März um 21.30 Uhr. (Nähere Informationen Tel.: 0222/712 12 11, Fax 712 28 72.

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