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Digital In Arbeit

Begegnung mit dem Leser

Ich bin schon immer gern mit der Eisenbahn gefahren. Als mich der Zug zum erstenmal aus dem Heimattal hinaus in die Fremde führte, war ich schon ein halbwüchsiger Bursche, und jetzt lebe ich ja wieder weitab von der Welt in meinem Dorf.

Das Jahr über macht es mir nichts aus, da bin ich gern daheim und zufrieden mit den andern. Nur zu gewissen Zeiten, im Frühjahr etwa, wenn der Föhn gewaltig aus den Wäldern strömt und das Blut auf mischt, oder auch im Herbst, wenn der Himmel so klar und weit wird, so verlockend weit bis zu den letzten Bergen ausgespannt, dann überkommt mich die Wanderlust, die Sehnsucht will ich sagen, der unstillbare Drang nach der Ferne.

Ich hole den großen Koffer vom Speicher und packe mein b,:stej Zeug hinein, lauter sündhaft schöne Sachen. Hierzulande könnte ich auch zu den höchsten Feiertagen nichts davon sehen lassen, es wäre albern, in Lack und Seide auf dem Dorfplatz zu stehen. Aber draußen ist das anders. Dort muß man im Koffer haben, was man gelten will.

Heimlich in der Morgenfrühe mache ich mich also auf den Weg und komme zur Bahn. Der Vorstand muß eine ganze Weile nachdenken und rechnen und schreiben, eine Fahrkarte, wie ich sie brauche, hat er gar nicht fertig in seinem Kasten. Wir wechseln ein paar Worte. — „Wieder auf Reisen?“ fragt er. ..Jawohl“, sage ich gleichmütig, „ein wenig“, aber ich habe keine Zeit zum Schwatzen, mein Zug fährt ein.

Ein erfahrener Mann steigt nicht in den ersten Wagen, sonst hat er das meiste auszuhalten, wenn irgendwo ein Weichensteller schläft. Auch den letzten Wagen nimmt er nicht, denn das Schlingern legt sich auf den Magen. Sondern er wählt, wie es der Weise immer tut, die Mitte.

Mein Abteil ist fast leer. Nur ein lesendes Mädchen sitzt mir gegenüber in der Ecke, ein .hübsches Mädchen, soviel ich sehen kann. Ich habe artig gegrüßt und es wurde mir kühl gedankt, gut, ich weiß Bescheid. Keine Rede davon, mein Fräulein, daß ich mich etwa auf einen Wettbewerb mit ihrem Buch einlassen werde. Zwei oder drei Mark kann es vielleicht kosten, für dieses Geld bin ich gar nicht zu haben.

Ich für mein Teil lehne mich in der Eck zurecht, ich schaue durch das Fenster und vergnüge mich auf meine Weise. Ein Mann, wenn er sich allein fühlt, gerät leicht in einen Zustand magischer Entrücktheit, er wird wieder, was er eigentlich immer blieb, seit die Knöpfe an seinen Hosen den Platz wechselten, ein Kind. Auch die Dinge verlieren ihre feindselige Scheu, sie kommen willig in den Zauberkreis und spielen mit, die Bürste in der Badewanne, oder eine Reihe .von Pflastersteinen auf den Morgenweg, oder die Drähte, die am Bahndamm entlanglaufen. Frauen können das nicht begreifen, sie spielen ja nie, sie tändeln nur. Es ist auch schwierig zu erklären, und wenn ich es hier beschreibe, sieh es nach gar nichts aus: ein paar Zeilen Draht, die zwischen Himmel und Erde auf- und niedersteigen. Ich sollte vielleicht Betrachtungen daran knüpfen und sagen, diese Drähte erinnerten mich an das Schicksal, an das Auf und Ab der Lebensfäden, scheinbar sinnlos ins Unendliche gesponnen und doch nicht sinnlos, wahrscheinlich' braucht sie Gott für seine Telegramme. Das könnte.mir einfallen, oder sonst etwas Bedeutsames, es gehört ja wohl zu meinem Handwerk, über Dinge nachzudenken, die für andere Leute selbstverständlich sind. Aber die Wahrheit zu sagen, ich denke mir gar nichts dabei, und eben das ist das Schöne daran.

Uebrigens beschäftigt mich längst etwas ganz anderes. Was für ein Buch mag es wohl sein, das da auf runden Mädchenknien liegt und mit so viel Hingabe gelesen wird? Ist es ein spannendes Buch, ein heiteres, ein rührendes? Ich stütze meinen Kopf mit der Hand und spähe heimlich zwischen den Fingern durch. Das Buch hat einen gelben Schnitt und zartgrüne Deckel. Das ist doch seltsam, denke ich und schaue noch einmal hin, und plötzlich überkommt mich ein freudiger Schreck. Wahrhaftig, ich täusche mich nicht, es ist mein eigenes Buch, mein letztes, ach, was gäbe ich jetzt, wenn es mein bestes wäre!

Ich habe ja schon allerlei mit meinen Büchern erlebt. Am Anfang, als das erste unterwegs war, lief ich sorgenvoll in alle Buchläden und fragte darnach — nein? Man kannte es nicht? Eine Neuerscheinung, von der doch alle Welt sprach? Herr, sagte ich, wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann behalten Sie dieses Talent im Auge!

Ja, ich tat, was ich tun konnte, um meine Bücher unter die Leute zu bringen, ich verschenkte sie zu Geburtstagen und auch in Herzensnöten, bis ich einsehen lernte, daß Lebkuchen doch in den meisten Fällen wirksamer ist. Ich gab sie den Freunden, die sie zwar nicht lasen, aber gerne lobten, womit beiden Teilen geholfen war. Aber noch nie ist mir ein Mensch begegnet, der ohne Nötigung, aus freien Stücken sozusagen, eines meiner Bücher las. Ich weiß nicht, es muß ja wohl solche Menschen geben, aber vielleicht schämen sie sich und tun es nur ganz im Verborgenen.

' Wie das auch sein mag, dieses Mädchen sitzt jedenfalls in seiner Unschuld da, es liest eine Seite und schiebt schon den Finger unter die nächste und das alles rührt mich unbeschreiblich. Meine Leserin könnte ja auch den Kopf schütteln oder einmal ein wenig gähnen, das würde mich gar nicht wundern. Ich weiß genau, wie dünn und leer die Stelle ist, die sie jetzt vor Augen hat. Als ich das niederschrieb, hatte ich einen schlechten Tag, ich lief in der Stube auf und ab und klopfte an die Wände vor Verzweiflung und bat Gott flehentlich um dieses einzige und erbärmliche Wörtchen, aber der liebe Gott war taub oder es fiel ihm auch nichts ein. Damals ließ ich es gut sein und nun bereue ich meinen Leichtsinn, ach, wenn dieses Mädchen doch nicht alles so geduldig hinnehmen und ein paar Seiten überblättern wollte! Warte nur, denke ich beschämt, lies noch ein wenig weiter, dort ist mir etwas Hübsches gelungen.

Und wirklich, genau an dieser Stelle stockt sie und lächelt und schnaubt dabei sogar ein bißchen durch die Nase. Das ist natürlich ganz, ungehörig für eine junge Dame. Sie blickt auf und schaut mich abweisend an, mit Recht, denn ich habe auch gelächelt, ich konnte es nicht verhindern.

Nun muß ich wohl etwas zu meiner Entschuldigung sagen. „Es ist merkwürdig“, sage ich, „dasselbe Buch habe ich auch in meinem Koffer.“

„Dieses?“ fragte das Mädchen,

„Ja, dieses. Aber was mich betrifft, ich finde nichts darin, worüber ich lächeln könnte “

Kein? Nun, dann müsse ich es wohl sehr flüchtig gelesen haben. Ein seltsames Buch. Man höre ihm gleichsam zu, wie einem vertrauten. Menschen, der etwas erzählt, von einer Wiese, die man auch einmal gelehen hat, von ein paar Bäumen, nichts Besonderes eigentlich, und dann stehe da plötzlich etwas unglaublich Pfiffiges, man möchte laut herauslachen, und dabei sei es doch gar kein lustiges Buch.

„Keineswegs“, sage ich. „Für mein Teil finde ich es sogar ziemlich langweilig, ich dankte dem Himmel, als ich damit fertig war. Doch, langweilig“, sage ich, „lauter Binsenweisheiten im Grunde, Allerweltsgedanken. Ich will Ihnen verraten, wie der Mann es macht; er sagt ganz einfach, was alle Leute denken. Empfindungen, Gedanken, die jedermann einmal durch den Kopf gehen und die man sich doch nicht klarmachen kann, weil man die richtigen Worte nicht findet oder weil einem die Zeit dazu fehlt oder was immer, dergleichen also spürt er auf und dreht es um und um, bis er es ins rechte Licht gebracht hat. Das ist sein ganzes Geheimnis, glauben Sie mir.“

„Mag sein“, sagt das Mädchen. „Aber darin liegt doch etwas Tröstliches, schwer zu sagen, warum. Es sind wirklich gar keine großartigen Erkenntnisse, keine erschütternden Weisheiten, das ist wahr. Aber so ein ruhig hingesagtes, ein handfestes Wort kann einen zuweilen doch unbeschreiblich erleichtern.“

„Nun ja, erleichtern“, werfe ich ein. „Aber bleibt das alles nicht eigentlich zu sehr im Allgemeinen, im Beschaulichen? Ich meine, ist es nicht zu weich, zu spielerisch? Sind wir in diese Zeit gerufen worden, um die Dinge nur behaglich zu betrachten, oder wollen wir sie erobern, für eine neue Welt, die dann unsere sein wird? Diese Welt ist ein ungeheurer Werkplatz, verstehen Sie, und da will einer abseits bleiben und in den Lärm hineinreden, von Dingen, die es beinahe schon gar nicht mehr gibt, von Gräsern und Käfern und einfältigen Leuten? Ist es nicht so?“ frage ich. „Müssen wir nicht von einem Dichter verlangen, daß er auch Lehrer sei, Seher, Wegbereiter?“

Ja, ich habe Lust, einmal gründlich mit mir selber abzurechnen, um dieses Vergnügen habe ich meine Kritiker immer beneidet.

Aber nun zeigt es sich leider, daß doch wieder einiges zu meinen Gunsten spricht. Das sei schon recht, behauptet das Mädchen, wenn wir Dichter hätten, die uns den Weg wiesen, durchdringende Geister, Seher, wie ich vorhin sagte. Die wirkten in der Zeit und der Zeit voraus und hätten ihren Ruhm davon. Aber nun schlage uns doch auch ein Herz im Leibe, und es sei möglich, daß sich unsere Lebenskraft immer wieder aus dieser geheimen Quelle nähre und erneuere, aus dem Gemüt. Und wir müßten alle von Zeit zu Zeit wieder aus dieser Quelle schöpfen, alle, auch der härteste Mensch. Ja, auch ein solcher könne einmal verzweifelt sein, ganz und gar verzagt, und dann sei es gut, wenn ihn jemand auf den Grund seines Wesens zurückwiese, in den Bereich der ruhenden Kräfte. Was er zu hören bekäme, hätte vielleicht gar nichts mit seinen Sorgen zu tun und dennoch wäre er getröstet.

Ob das denn nicht wahr sei, fragt das Mädchen, ob mir noch nie ein Buch über einen Kummer weggeholfen habe?

„Doch“, sage ich verstockt. „Aber dieses nicht.“ Ich läse nur ernsthafte Bücher, keine erfundenen. Ein Mensch könne überhaupt mit einem einzigen Buch im Leben auskommen, wenn es nur genügend dick sei, daß er den Anfang wieder vergessen habe, wenn er ans Ende komme. „Dieser Mann“, sage ich, „der schwindelt mir zuviel, verstehen Sie? Ein Lehen, prahlt er, eine Wiese, Grund und Boden, und dabei besitzt er rein gar nichts, weder Kuh noch Kalb. Alles erdichtet und erlogen.“

„So“, sagt das Mädchen. „Woher wissen Sie denn das? Wollen Sie etwa auch noch behaupten, daß Sie ihn kennen?“

„Ja, so gut wie mich selber, könnte ich sagen. Früher einmal, in der Jugendzeit, waren wir ein Herz und eine Seele, aber leider, jetzt verstehen wir uns in mancher Hinsicht gar nicht mehr.“

„Lind das ist ja auch zu begreifen“, meint das Mädchen, „diese Gegensätze!“

Gegensätze, jawohl! Ich, wie ich hier säße: sei eine ehrliche Haut, aber er? Durch und durch verlogen. Und eingebildet obendrein, ein eitler Bursche. „Sie werden es gar nicht für möglich halten“, erkläre ich, „aber wenn er selber hier vor Ihnen säße, der wäre imstande, sich einfach zu verleugnen, nur um sich loben zu hören.“

„Verleugnen?“ sagt das Mädchen träumerisch. „Ach, das könnte ihm gar nichts helfen, er wäre doch mit dem ersten Blick durchschaut. Schon die Stimme müßte ihn verraten. Einmal sprach er beim Rundfunk, er las eine Geschichte von Adam und Eva vor und da fragte er an einer gewissen Stelle: Liebst du mich? Und dann kam die Antwort: Ewig! — Wunderbar! Es ging einem durch und durch. Er hat eine ganz tiefe Stimme“, erzählt das Mädchen, „fast wie Ihre, aber natürlich nicht so rauh, sondern sehr weich und dunkel. Lind man sah ihn auch förmlich vor sich, leibhaftig. Helles Haar wird er wohl haben und gute sanfte Augen und eine edle Nase ...“

„Falsch!“ werfe ich erbittert ein. „Völlig falsch geraten! Die Augen sind grün und die Nase ist schlechthin abscheulich. Dichter haben überhaupt nichts Besonderes an sich, sie sehen alle ganz gewöhnlich aus, wie ich und jedermann.“

„Wie Sie?“ fragt das Mädchen heiter. „Nein“, sagt sie, „ich möchte Sie nicht gern kränken, aber Wie ein Dichter sehen Sie nicht aus.“

Daraufhin schweigen wir beide, ein bißchen verstimmt. Nach einer Weile steht das Mädchen auf und tritt auf den Gang. Wahrscheinlich lächelt es wohl noch immer über mich närrischen Kauz. Da nehme ich schnell das Buch von der Bank und schreibe meinen Namen hinein, einen Gruß von dem Menschen, der.ich sein sollte, wenn ich wirklich wäre, was ich bin.

Dann hole ich meinen Koffer aus dem Netz und bringe ihn zur Tür, ich bin gleich am Ziel. „Leben Sie wohl!“ rufe ich zurück.

„Auf Wiedersehen!“ sagt das Mädchen.

Ach nein. Da stehe ich mit meinem Koffer auf dem fremden Bahnhof, ein Mensch unter vielen, und der Zug fährt wieder an und rollt davon. Auf Nimmerwiedersehen, Mädchen!

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