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Bergsegen aus Bauerntraum

Wer mit der Bahn von Salzburg kommend den Sattel von Hochfilzen überfährt, dem offenbart sich in überraschender Größe das bizarre und senkrecht emporsteigende Massiv des Wilden Kaisers. So recht kommt aber diese erst zum Ausdruck zwischen St. Johann in Tirol und Kitzbühel, wo ein dunkelgrüner sanfter Höhenzug dem Kaisergebirge vorgelagert ist. Viele schon mögen diese starken Kontraste, die sowohl im Winter, wie im Sommer ihre scharfe Eigenart hervorkehren, bewundert haben. Hier zieht sich nämlich eine Schieferzone hin, die noch ungehobene Schätze geheimnisvoll birgt, trotzdem durch mehr als 100 Jjhre emsiges Arbeitsleben und Werken zu großem Wohlstand geführt hat. Aber auch dunkle geheimnisvolle Geschichten werden heute noch von diesem flachen Rücken, der als Röhrerbühel bekannt ist, in der ganzen Umgebung von Mund zu Mund erzählt und geraunt. Es erinnern an die einstigen Silber- und Kupferbergwerke, die reiche Schätze zu Tage förderten, nur mehr eine wunderschöne barocke Knappenkapelle und im dunklen Wald ein uraltes Kreuz. Ansonsten trifft man hie und da abgezäunte Strecken, die halb eingefallen mit ihrem moosigen Geruch der Gegend ein eigenartiges Gepräge verleihen. Pfade, nach allen Seiten hin und her führend, eingestürzte Schachtausläufe dazu, verwirren das Landschaftsbild, so daß der Volksmund dort das Wort geprägt hat: wer sich am Röhrerbühel nicht verirrt, ist kein guter Christ. Ein ungewisses und unheimliches Wesen erfüllt den halbmoorigen Wald und wer hoch in den Bereich des Heidenfreit-hofes kommt und das Glucksen verschwindender Wasser hört, den befällt das Ahnen sonderbarer Dinge und er freut sich wieder auf den normalen Weg zu kommen. Er geht dann mit mächtigen Schritten hinüber nach Going, als dem südlichen Angriffspunkt des Wilden Kaisers, allen erfahrenen Bergsteigern bekannt, wohin ihn noch einige Zeit mächtige Schutthalden tauben Gesteins begleiten und schaut verwundert nach der Tafel, die besagt, daß man hier ein gutes Schwefelbad nehmen kann.

Nach einer alten Erzählung, die in Knit-telreimen auf einer Tafel bei dem Verweseramte zu Kitzbühel steht, befanden sich drei Bauern: Michael Rainer, Christian Gasteiger, und Georg Bruckner im Jahre 1539 auf dem Rückwege vom Kirchweihfest in Going und wurden auf diesem Bühel von der Nacht überfallen. Sie legten sich, da sie etwas vom Trunk beschwert und vom Gehen umso ermüdeter waren, unter einem Kirschbaum nieder und schliefen ein. Jeder von ihnen träumte, er liege auf einem großen Schatze. Sie erzählten sich beim Erwachen ihre Träume, erstaunten über j die Gleichförmigkeit, scharrten die Erde1 auf und entdeckten sogleich reiche Erzlager. Richtig ist jedenfalls, daß vom Anfang an die Gänge gleichsam zu Tage .ausgebissen und mit einer kleinen Lage Dammerde bloß bedeckt waren. Auch daß die Entdeckung in das Jahr 1539 fällt, ist ganz richtig, denn schon am 25. April 1540 erscheint Michael Rainer dieser vorgeblich glückliche Träumer bei dem Berggerichte zu Kitzbühel und hat die erste Mutung auf Schachtrecht genommen und die Grube, St. Michael genannt, eröffnet.

Solches war um diese Zeit kein besonderes Ereignis, weil gerade damals der Falkenstein bei Schwaz, der beträchtlichste tirolische Bergbau, im stärksten Betriebe war und alles vom Geiste des Bergbaues und von der Hoffnung, dadurch reich zu werden, erfaßt worden war. Uberall wurden Hoffnungsschläge angelegt und so ein Versuch dürfte auch von diesen drei Männern gewagt worden sein.

Der Bau wurde mit großem Eifer angefangen und betrieben. Das Bergwerk zeigte sich gleich anfangs ungemein reich. Die Zahl der Menschen in der Gegend vermehrte sich so, daß schön im Jahre 1541 eine eigene Wachenmarktsordnung eingeführt werden mußte. Man bezog viele Schlachtochsen aus Ungarn und es wurde sogar verboten aus der Gegend Schlachtvieh nach Schwaz zu führen. Der Ruf des neuen Bergbaues und das Bestreben Anteile an diesem zu erhalten war so groß, daß es mehreren Betrügern, die vorgaben, solche zu besitzen, ein leichtes war, sie in schwindelhafter Weise zu hohen Preisen zu verkaufen.

Aus einer Regierungsverordnung vom 9. April 1550, die wegen besserer Versicherung der Fahrten durch das Berggericht Kitzbühel an die Gewerken ergangen war,ergibt sich, 'daß damals, kaum 10 Jahre nach Eröffnung des Werkes, die Sdiachte schon bis auf 150 Klafter abgeteuft waren. Und doch war erst um 1557 ein Gang bekannt, wie dies in einer Regierungsverordnung vom 6. Dezember desselben Jahres ausdrücklich gemeldet wird, in der die unter sich in Streit zerfallenen Gewerken zur Ruhe und Verträglichkeit gemahnt. Unter den Gewerken fanden sich bald die damaligen reichen Kaufherren Süddeutschlands, wie Hanns Lipsal von München, die Böheim von Nürnberg, Hanns Rosenberger und natürlich die Fugger von Augsburg, ebenso wie der Herzog Wilhelm von Bayern und schon sein Vorfahre Hans Ludwig. Wie groß deren Interesse an diesem Werk und dem dazu gehörigen Erz-handel war, geht aus der Korrespondenz mit dem damaligen tirolischen Landesfürsten Erzherzog Ferdinand hervor. Ja es kam zu gegenseitigen Liebenswürdigkeiten, die so weit gingen, daß Bayern die Ausfuhr von Lebensmitteln nach Tirol sperrte.

1567 brach unter den Bergknappen am Röhrerbühel ein größerer Aufstand aus. Die Hauptbeschwerden waren, daß sie achtstündige Schichten halten müßten, daß die Bauart sehr gefährlich sei und daß sie bei der Tonnenanfahrt eine ganze Stunde verlieren mußten. Dazu ist noch zu bedenken, daß manche einen stundenweiten Weg bis zum Arbeitsplatz zurückzulegen hatten. Die Regierung legte sich sogleich ins Mittel. Es wurde eine strenge Untersuchung eingeleitet, deren Erfolg war, daß die Schichten von 8 auf 6 Stunden herabgesetzt wurden. Drei Rädelsführer wurden jedoch auf die Festung Kufstein gebracht und der Keim zu jeglichem Streik durch Gewalt erstickt. Der Beschäftigungsstand bei diesem Bergwerk war in diesen Jahren: 1589: 1492; 1597: 1615; 1607: 1117.

In eine noch viel größere Verlegenheit wurden die Gewerken im Jahre 1585 durch eine Bergbrunst versetzt. Sie nahm den 1. April um 1 Uhr nachmittags ihren Anfang. Der Rauch und der „bösartige Dampf“ — wie berichtet wird — verbreitete sich schnell von allen Seiten so sehr, daß beinahe der ganze Bergbau zu feiern gezwungen wurde. Nur in dem Heiligen-Geist-Schachte konnte noch an drei, im Reinanken-Schachte an mehreren Orten gearbeitet werden. Die Entstehungsursache war nicht zu erheben. Alle Bemühungen der Gewerken, dem Feuer Sdiranken zu setzen, war vergeblich. Uber elfhundert Bergarbeiter standen längere Zeit außer der Arbeit. Diese traurige Lage dauerte noch am 24. Mai fort, sieben Wochen nach dem Ausbruch des Brandes.

Von dem Zustand der Schachte wissen wir aus alten Karten doch noch einiges. Es ist die im Jahre 1618 von Dionys Halser entworfene Bergkarte in einer Kopie vorhanden, wenn auch nicht mehr vollständig. So hatte der Reinanken- oder St. Niklas-Tagschacht eine Teufe von 496 Klaftern, der Rüdelwalder Richtschacht 305, am Tage davon noch 33 Klafter; der Gesellenbauschacht 427Vi; der Fundschacht 402 Klafter. Der Rosenberger von Augsburg auf eben diesem Hügel, doch etwas mehr östlich angelegt, befindet sich nicht mehr auf der Karte. Es ist jedoch gewiß, daß die Rosenberger in der Hoffnung einen Gang ausfindig zu machen, ihn bis zu einer Teufe von 160 Klaftern durchaus in tauben Gestein eingetrieben hatten, ohne jedoch ihren Zweck zu erreichen. Auch der Fuggerbau steht nicht auf dieser Karte. Dieser Schacht wurde von der Familie Fugger und Michael Katzböck zu gleichen Teilen gebaut, führte aber doch bloß den Namen von dem ersteren. Der Richtschacht war im Jahre 1580 schon 310 Klafter abgeteuft; man fand es aber notwendig, die Teufe um 50 Klafter zu vergrößern. Dazu genügten die drei sdion bestehenden Wasser-teidie nicht. Daher trugen sich die Gewerken mit dem Gedanken, einen alten verfallenen Wassergraben, den schon frühere Gewerken hergestellt hatten, wieder zu eröffnen. Zu diesem Unternehmen erhielten sie vom Landesfürsten ein ansehnliches Hilfsgeld. Nadi einem Aktenstücke von 1580 madite man sich von diesem Baue die beste Hoffnung „indem derselbe das ganze Abendgebirge des Röhrenbühels innehabe, gegen Abend sich noch fast alles unverhauet befinde und noch solche Klüfte, bergmännisches Anzeigen und Gottesgaben auf alle Teufe vor Augen seien, daß allem Erzeigen nach zu verhoffen stehe, daß sich solche Klüfte in die Teufe und auf den Abend noch mehreres veredeln und beständig erzeugen werde.“ Das Wasserwerk wurde tatsächlich gebaut, das Wasser von Elmau durch Going hingeleitet zum Bergwerk und in Betrieb gesetzt. Es war dies das erste Werk dieser Art in Tirol und erst 1556 wurde nach diesem Beispiele im Bergwerk von Falkenstein bei Schwaz ein ähnliches gebaut.

Dieser Bergbau gab seine reichste Ausbeute bis zum Jahre 1630. Am größten war sie 1552, in welchem Jahre 22.913 Mark Silber in die Münze geliefert worden sind. 1565 allein wurden 10.375 Zentner 58V2 Pfund Kupfer erzeugt. Von 1550 bis 1606 sind an Brantsilber 593.624 Mark 10 Loth und von 1553 bis 1607 an Kupfer 3,103.375 Zentner 43V2 Pfund gewonnen worden. Daneben erzeugten die Gewerke auch Vitriol.

In den Jahren 1631 bis 1633 begann die Abnahme des Werkes. Die höheren Reviere waren schon sehr ausgehauen, in der übergroßen Teufe nahm das Wasser gewaltig überhand, die Förderungs- und Wasserhebungskosten wurden zu groß. Dazu kam noch, daß die Kupfererze, wie dies in Tirol beinahe bei allen Bergwerken der Fall war, in der größeren Teufe immer mehr an Silbergehalt verloren und das Kupfer aHein zu geringen Preis hatte. Die Gewerken unterlagen also der Last und verließen im Jahre 1632 das Werk gänzlich.

Erzherzog Leopold versuchte das Bergwerk dadurch zu retten, daß er es zu sehr günstigen Bedingungen den Fuggern überließ. Ein Bericht über deren Gebarung vom 21. Juli 1661 zeigt, daß diese sich nicht in der besten Lage befunden haben. Es haben sich ihre Knappen damals bitter beschwert, daß sie zum Teile schon das fünfte Jahr unbezahlt gelassen wurden und baten um Beschlagnahme der gewonnenen Erze zur Bedeckung ihres Guthabens. Allmählich verfiel der Bergbau, der nun vom Ärar fortgesetzt, ganz. Im Jahre 1750 hörte diese Ausbeute fast ganz auf.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der alte Fuggerstollen neu eröffnet und auch mehrere Schurfbaue betrieben, ohne jedoch einen rechten Erfolg zu haben. Ebenso wurde ein anderer Versuch von der Bergverwaltung in Kitzbühel aus Er-sparungsgründen von Seiten des Staates abgebrochen. Ein neues Unternehmen, das knapp vor dem ersten Weltkrieg sich interessierte, kam nicht weiter. Gegen Ende dieses Krieges interessierte man sich wieder für die Kupfervorkommen, ohne jedoch eine greifbare Tat zu setzen.

In einer Zeit, in der man größere und im Betrieb stehende Bergwerke stillegte und Maschinen verkaufte, war natürlich an ein Interesse für dieses alte Bergwerk nicht zu denken. Vielleicht kommt heute wieder die Zeit, wo auch dieser gabenspendende Bühel aus seinem Dornrösdienschlaf erweckt wird.

Die Knappenhäuser, die seit Jahrhunderten immer wieder Bergleute beherbergten, und einen eigenen Weiler in der Gemeinde Going als die „Prarna“ bilden, haben ihren alten Bau und ihre alte Tradition nicht aufgegeben. So erzählen verlassene Halden und die darum liegenden, kleinen, von den üblichen Bauernhäusern sich abhebenden Knappenhäuser, die aber noch manchen interessanten Hausrat bergen, von Fleiß und Hoffnung und mancher Enttäuschung, die sich trotzdem einstellt.

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