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Literatur

Besorgte Bürger

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

In ihrem neuen Roman "Leere Herzen" entwirft Juli Zeh eine sehr zeitnah angesiedelte Dystopie. Angela Merkel ist nach einem Wahlsieg der AfD, die hier Besorgte Bürger Bewegung (BBB) heißt, zurückgetreten, und die neue Regierung setzt den gesellschaftspolitischen Umbau, der wohl schon um die Jahrtausendwende begonnen hat, entsprechend beschleunigt fort.

Man könnte diesen Roman als Auseinandersetzung mit Isabell Loreys "Die Regierung der Prekären" verstehen. Prekarisierung bedeutet ja schon lange mehr als unsichere Arbeitsverhältnisse, sie umfasst als Gefühl latenter Gefährdung die gesamte Existenz der Menschen. Politik garantiert nicht mehr Schutz und Sicherheit, sondern konzentriert sich auf das Ausbalancieren zwischen der größtmöglichen Unsicherheit durch umfassende ökonomische Deregulierung und einem Minimum an Absicherung durch umfassende politische Regulierung. Die Angst vor dem, was nicht berechenbar ist, treibt die Menschen um, was die Akzeptanz für den Ausbau gesellschaftspolitischer Verreglung erhöht.

Es geht eben um die "Herzen"

Man hat Juli Zehs Roman vorgeworfen, dass darin wenig Konkretes über die Regierung der BBB zu erfahren sei, doch das war wohl auch nicht das Ziel. Es geht eben um die "Herzen", also darum, wie Entsolidarisierung und Prekarisierung, Verunsicherung durch Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen, Migrationsbewegungen und Terroranschläge das Verhalten wie das Selbstverständnis der Menschen verändern. Im Mittelpunkt stehen dabei jene, die sich ein paar Jahre zuvor noch dem Lager der "Gutmenschen" aus der Aperol-Fraktion zugehörig fühlten.

Konkret sind es zwei junge Paare im verschlafenen Braunschweig, die miteinander vor allem über die beiden gleichaltrigen Töchter verbunden sind. Janina und Knut repräsentieren das Künstlermilieu, nicht wohlhabend, aber sehr alternativ und auf der Suche nach einem verträumten Landhäuschen für den finalen Rückzug. Richard und Britta hingegen sind sehr wohlhabend, nicht dank Richards Arbeit als Investmentberater, sondern dank Brittas Firma namens "Brücke", offiziell zuständig für "Life-Coaching, Self-Managing, Ego-Polishing".

"Paradoxien-Schmerz"

Realiter hat Britta mit ihrem Geschäftspartner einen Algorithmus entwickelt, um Suizidgefährdete aus dem Netz herauszufiltern -allerdings nicht primär, um sie zu therapieren. Vielmehr sollen mit Hilfe eines ausgefeilten 12-stufigen Verfahrens jene identifiziert werden, deren Todeswunsch "unheilbar" ist, was sie zu Selbstmordattentätern prädestiniert. Jene Klienten, die auf einer der Stufen des Programms versagen, werden als geheilt entlassen und zeigen sich oft mit großzügigen Spenden erkenntlich. Die anderen werden diskret und gegen gutes Geld weitervermittelt an Umweltschutzorganisationen, religiöse Gruppen oder andere Interessenten, die gerade Bedarf an einer spektakulären Aktion haben, bei der vereinbarungsgemäß Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung möglichst vermieden werden sollen. Das Geschäft geht hervorragend, wohl auch, weil den staatlichen Überwachungsinstanzen das Arrangement mit "kontrollierten" Attentaten gut ins Konzept passt. Und es geht so gut, dass eines Tages ein Konkurrenzunternehmen auftaucht und das Ganze aus dem Ruder zu laufen droht. Das ist nicht nur lebensgefährlich im Wortsinn, sondern erschüttert die unter einem handfesten Kontroll-,Putz-und Waschzwang leidende Britta noch in ganz anderer Weise.

Interessanter als diese Krimi-Handlung ist Juli Zehs Blick auf das ihr gut bekannte Bobo-Milieu in der deutschen Provinz. Letztlich führt der Roman vor Augen, wie rasch gerade in diesem politisch eher abstrakt "alternativen" Ambiente der Zivilisationsfirnis abbröckelt - unter Beibehaltung lieber Gewohnheiten wie penible Mülltrennung, regelmäßiges Joggen und vegane Ernährung. Britta erfindet dafür das Bild des "Paradoxien-Schmerzes" angesichts der radikalen Umkehr der alten Werte, der ein gesellschaftspolitisches Handeln verunmögliche. Was einst als reaktionär galt, gibt sich fortschrittlich, und jene, die einst zumindest das Bekenntnis zur Demokratie einte, wurden von der Partei der "demokratieverdrossenen Nicht-Wähler" abgewählt.

In ihrem neuen Roman "Leere Herzen" entwirft Juli Zeh eine sehr zeitnah angesiedelte Dystopie. Angela Merkel ist nach einem Wahlsieg der AfD, die hier Besorgte Bürger Bewegung (BBB) heißt, zurückgetreten, und die neue Regierung setzt den gesellschaftspolitischen Umbau, der wohl schon um die Jahrtausendwende begonnen hat, entsprechend beschleunigt fort.

Man könnte diesen Roman als Auseinandersetzung mit Isabell Loreys "Die Regierung der Prekären" verstehen. Prekarisierung bedeutet ja schon lange mehr als unsichere Arbeitsverhältnisse, sie umfasst als Gefühl latenter Gefährdung die gesamte Existenz der Menschen. Politik garantiert nicht mehr Schutz und Sicherheit, sondern konzentriert sich auf das Ausbalancieren zwischen der größtmöglichen Unsicherheit durch umfassende ökonomische Deregulierung und einem Minimum an Absicherung durch umfassende politische Regulierung. Die Angst vor dem, was nicht berechenbar ist, treibt die Menschen um, was die Akzeptanz für den Ausbau gesellschaftspolitischer Verreglung erhöht.

Es geht eben um die "Herzen"

Man hat Juli Zehs Roman vorgeworfen, dass darin wenig Konkretes über die Regierung der BBB zu erfahren sei, doch das war wohl auch nicht das Ziel. Es geht eben um die "Herzen", also darum, wie Entsolidarisierung und Prekarisierung, Verunsicherung durch Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen, Migrationsbewegungen und Terroranschläge das Verhalten wie das Selbstverständnis der Menschen verändern. Im Mittelpunkt stehen dabei jene, die sich ein paar Jahre zuvor noch dem Lager der "Gutmenschen" aus der Aperol-Fraktion zugehörig fühlten.

Konkret sind es zwei junge Paare im verschlafenen Braunschweig, die miteinander vor allem über die beiden gleichaltrigen Töchter verbunden sind. Janina und Knut repräsentieren das Künstlermilieu, nicht wohlhabend, aber sehr alternativ und auf der Suche nach einem verträumten Landhäuschen für den finalen Rückzug. Richard und Britta hingegen sind sehr wohlhabend, nicht dank Richards Arbeit als Investmentberater, sondern dank Brittas Firma namens "Brücke", offiziell zuständig für "Life-Coaching, Self-Managing, Ego-Polishing".

"Paradoxien-Schmerz"

Realiter hat Britta mit ihrem Geschäftspartner einen Algorithmus entwickelt, um Suizidgefährdete aus dem Netz herauszufiltern -allerdings nicht primär, um sie zu therapieren. Vielmehr sollen mit Hilfe eines ausgefeilten 12-stufigen Verfahrens jene identifiziert werden, deren Todeswunsch "unheilbar" ist, was sie zu Selbstmordattentätern prädestiniert. Jene Klienten, die auf einer der Stufen des Programms versagen, werden als geheilt entlassen und zeigen sich oft mit großzügigen Spenden erkenntlich. Die anderen werden diskret und gegen gutes Geld weitervermittelt an Umweltschutzorganisationen, religiöse Gruppen oder andere Interessenten, die gerade Bedarf an einer spektakulären Aktion haben, bei der vereinbarungsgemäß Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung möglichst vermieden werden sollen. Das Geschäft geht hervorragend, wohl auch, weil den staatlichen Überwachungsinstanzen das Arrangement mit "kontrollierten" Attentaten gut ins Konzept passt. Und es geht so gut, dass eines Tages ein Konkurrenzunternehmen auftaucht und das Ganze aus dem Ruder zu laufen droht. Das ist nicht nur lebensgefährlich im Wortsinn, sondern erschüttert die unter einem handfesten Kontroll-,Putz-und Waschzwang leidende Britta noch in ganz anderer Weise.

Interessanter als diese Krimi-Handlung ist Juli Zehs Blick auf das ihr gut bekannte Bobo-Milieu in der deutschen Provinz. Letztlich führt der Roman vor Augen, wie rasch gerade in diesem politisch eher abstrakt "alternativen" Ambiente der Zivilisationsfirnis abbröckelt - unter Beibehaltung lieber Gewohnheiten wie penible Mülltrennung, regelmäßiges Joggen und vegane Ernährung. Britta erfindet dafür das Bild des "Paradoxien-Schmerzes" angesichts der radikalen Umkehr der alten Werte, der ein gesellschaftspolitisches Handeln verunmögliche. Was einst als reaktionär galt, gibt sich fortschrittlich, und jene, die einst zumindest das Bekenntnis zur Demokratie einte, wurden von der Partei der "demokratieverdrossenen Nicht-Wähler" abgewählt.