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"Bleib' ein bisserl bei mir"

1945 1960 1980 2000 2020

Ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen schenken Menschen am Ende ihres Lebens Zeit, Aufmerksamkeit und Nähe. Ein Besuch im CS Hospiz Rennweg in Wien.

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Ehrenamtliche Hospizbegleiterinnen schenken Menschen am Ende ihres Lebens Zeit, Aufmerksamkeit und Nähe. Ein Besuch im CS Hospiz Rennweg in Wien.

Frau R. ist heute müde. In der Nacht hat sie schlecht geschlafen und dann bis kurz nach neun Uhr weitergedöst. "Keiner hat mich aufgeweckt", murmelt sie schlaftrunken, "aber ich versäume ja ohnehin nichts." Über 30 Bestrahlungen hat die 74-Jährige hinter sich, doch der Krebs hat die Oberhand behalten: Leber und Gallenblase sind von Tumoren befallen, in der Brust sitzt ein Knoten, im ganzen Körper wuchern Metastasen. Um die Atemnot zu bekämpfen, bekommt sie Sauerstoff durch die Nase, eine Pumpe versorgt sie mit einem Medikamenten-Cocktail gegen Schmerzen und Übelkeit.

Zehn Monate lang wurde Frau R. von ihrem Mann zu Hause gepflegt, bis sie im Fieber stürzte und es nicht mehr ging. Die Erinnerung an das Akutspital, in das sie eingeliefert wurde, lässt die langjährige Heimhelferin bis heute schaudern: "Da waren alle so hektisch", sagt sie langsam. "Aber hier ist alles besser."

Dasein, wenn die Angst kommt

Dass dem so ist, hat auch mit Michaela De Rosa zu tun. Seit eineinhalb Jahren kommt die Hotelangestellte jeden Freitag Vormittag hierher, auf die Palliativstation des Hospizes der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS) im dritten Wiener Bezirk. Als eine von 28 ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen und -begleitern schenkt sie den Gästen der Zwölf-Betten-Station ihre Zeit und Nähe -und entlastet damit auch die hauptamtlichen Mitarbeiter. Manchmal ergibt sich angeregtes Reden und Plaudern, manchmal hält sie schweigend Sitzwache an einem Bett und schickt gute Gedanken, wenn abends die Angst kommt. Bei Bedarf packt sie auch in der Küche an und räumt den Geschirrspüler aus. "Das ist mein Dienst an den Menschen", sagt die alleinstehende 46-Jährige.

Bei Frau R. auf Zimmer drei schaut sie heute bereits zum fünften Mal vorbei: Sie setzt sich ans Bett, fragt nach dem Befinden, liest den Menüplan des Tages vor und bringt frisches Wasser in einer Schnabeltasse. "Oder wollen Sie lieber Tee haben?", fragt sie vorsichthalber. "Um Gottes Willen, keinen Tee!", ruft Frau R.

Nach fünf Besuchen kennt man die Vorlieben seines Gegenübers schon ein bisschen. Anderen Gästen der Palliativstation begegnet Michaela De Rosa nur ein einziges Mal. "Fast jeden Freitag treffe ich neue Menschen", erzählt sie später in der Stationsküche. "Manche erholen sich, manche verabschieden sich." Erst gestern Nacht ist jener Mann gestorben, der ihr noch vergangene Woche aus seinem Leben als Außendienstmitarbeiter eines Ministeriums erzählt hat. Das Arbeiten mit diesen Menschen sei "wie ein Ferienflirt", beschreibt Diplomkrankenpflegerin Daniela die Situation. "Du weißt, das hat ein Ablaufdatum." Drei bis vier Verstorbene pro Woche würde man laut einer Studie psychisch verkraften können, berichtet sie. "Ich habe das Gefühl, dass das stimmt. Deshalb bin ich auch so froh, dass die Ehrenamtlichen da sind und ich nicht alles an mich reißen muss."

Herantasten mit Gefühl

Doch wieviel halten die Freiwilligen selber aus? Und was bedeutet es überhaupt, gut zu begleiten? Das und viel mehr hat Michaela De Rosa im verpflichtenden Einführungskurs in die Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung im Wiener Kardinal-König-Haus reflektiert (siehe unten). In 80 Unterrichtseinheiten und 40 anschließenden Praktika-Stunden hat sie nicht nur gelernt, ihre prägenden Erfahrungen mit dem Sterben der eigenen Mutter von jenen Geschichten zu trennen, mit denen sie im Hospiz konfrontiert wird; sie hat auch erfahren, wie zentral Empathie und Empfindsamkeit sind: "Man muss spüren können: Bin ich hier willkommen? Will dieser Mensch Körperkontakt?", sagt Michaela De Rosa. "Es ist ein Herantasten im Schneckentempo."

Nicht nur sie hat dieses notwendige Sensorium, auch ihr Freitag-Vormittags-Kollege Werner Marik. "Ich spüre schon beim Hineingehen in ein Zimmer, ob hier eine Sympathie da ist", sagt der 71-Jährige. Es war 1995, als ihn sein Arbeitgeber, ein international tätiger Ölkonzern, mit einem Sozialplan "auf die Brücke bis zur Pension" geschickt hat. Ein guter Anlass, endlich seiner sozialen Ader zu folgen und sich im CS Hospiz Rennweg zu engagieren. Kurz darauf erkrankt seine Frau an einem Kopftumor. "Da habe ich gewusst, warum ich hier gelernt habe, mich abzugrenzen", sagt Marik. Acht Jahre später, 2003, kommt seine sterbenskranke Frau hierher ins Hospiz. Nach zwei Wochen stirbt sie in seiner Gegenwart.

Werner Marik hätte damals einfach aufhören können. Doch nach einer Auszeit machte er weiter - und tut es bis heute. "Ich lerne immer wieder neu, weil die Menschen so verschieden sind, auch im Sterben", sagt der zweifache Vater und Großvater. "Manche gehen gelassen auf das Ende zu, andere tun sich schwer. Das ist eine Trockenübung für mich selbst."

Auch etwas anderes ist ihm bewusst geworden: Nämlich das Ausmaß der Traumatisierung vieler Hospizgäste durch einen Krankenhausaufenthalt. "Manche fühlen sich hier wirklich wie im Himmel", sagt er auf dem Weg hinaus ins Stiegenhaus. Hier sitzt Frau J. und raucht: das Haar schwarz und wuschelig, auf dem T-Shirt ein Totenkopf, an den Füßen Socken mit Weihnachtsmuster. Werner Marik setzt sich zu ihr und beginnt über das Mittagessen zu plaudern: Es gibt Knoblauchcremesuppe, danach Zartweizenrisotto oder gebackenen Kabeljau. "Was bitte ist ein Zartweizenrisotto?", fragt sich Frau J. Auch für die Suppe kann sie sich nicht erwärmen. Bleibt nur der Kabeljau -und der Kaffee. "Ohne den geht gar nichts", erklärt sie, doch allzu viel traut sie sich nicht zu trinken: Weil der Kopftumor sie in den Rollstuhl zwingt, braucht sie bei jedem Toilettengang fremde Hilfe. Früher, im Krankenhaus, hat man ihr im Stress einfach Windeln verpasst. "Das war eine Katastrophe!", ruft Frau J. und zieht tief an ihrer Zigarette. Werner Marik versucht sie zu beruhigen: "Hier brauchen Sie keine Angst zu haben, lästig zu sein. Hier haben die Leute Zeit."

Raum für Streicheleinheiten

Auch in Zimmer Nummer sieben nimmt man sich Zeit für Zuwendung. Ernestine Radlmair-Mischling, die katholische Seelsorgerin der Palliativstation, ist ans Bett von Frau W. gekommen, um ihr wie versprochen die Kommunion zu bringen. "Jetzt haben Sie ihn wieder ganz bei sich, den lieben Gott", sagt sie zur tiefgläubigen, gebürtigen Waldviertlerin, streicht ihr über die Wangen und hält ihre fast durchscheinende Hand. Die zarte Frau schließt die Augen. Dann bittet sie um etwas Wasser, das ihr Michaela De Rosa in einer Schnabeltasse reicht. "Bleib' ein bisserl bei mir", haucht sie schließlich, stemmt ihren Oberkörper nach vor und schmiegt ihren Kopf an De Rosas Schulter. Erst eine halbe Stunde später tritt die ehrenamtliche Hospizbegleiterin mit glasigen Augen vor die Tür: "Diese intensive Zeit," sagt sie, "das genau ist es, wofür wir da sind."

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