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Bleiben um zu leben?

"Das verlorene Wort": Assia Djerbas neuester Roman.

Homeless at home" zitiert Assia Djebar die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson in ihrem letzten Roman "Das verlorene Wort". Kein Satz könnte besser den Zustand des männlichen Protagonisten Berkane beschreiben, der im Herbst 1991, nach 20 Jahren französischem Exil, nach Algerien zurückkehrt. Obwohl er wieder im "Homeland" ist, will sich das Heimatgefühl nicht so recht einstellen und sein Unbehagen angesichts der Vergangenheit aber auch der Gegenwart scheint ihn zu lähmen. Die heruntergekommene Kasba, die Altstadt Algiers und Ort seiner Kindheit, erkennt er nicht wieder und es quält ihn die Sehnsucht nach seiner Exfreundin Marise, einer französischen Schauspielerin. Berkane fühlt sich "abgenutzt" und gerade noch "brauchbar" und sein Zufluchtsort, ein beinahe leeres Strandhaus, ähnelt eher einem Sterbeort, an den er sich "geschleppt" hat, "um zu bleiben, um zu schreiben. Aber um zu leben?"

Aus dieser Pattstellung erlöst ihn erst eine kurze und leidenschaftliche Beziehung zu Nadjia, einer in Italien lebenden Algerierin. Durch sie erwachen in Berkane all die Dinge, welche die Jahre im Exil ausgelöscht hatten: der arabische Dialekt und vor allem die Erinnerungen an Folter und Gefangenschaft im Lager während des Unabhängigkeitskrieges.

In "Das verlorene Wort" greift Djebar die zentralen Themen ihrer früheren Romane wieder auf: das postkoloniale französisch-algerische Labyrinth, der darin herumirrende Mensch auf der Suche nach Identität und nicht zuletzt der beginnende Terror islamischer Fundamentalisten zu Beginn der 90ger Jahre.

Djebar erweist sich aber nicht nur als kritische Beobachterin. Sie ist vor allem auch Sprachkünstlerin: die französischen Originaltexte zeichnen sich durch eine ganz eigene Poetik und Satzmelodie aus, die vornehmlich dadurch entstehen, dass die Autorin ihre Muttersprache, einen arabischen Dialekt, in ihre Schriftsprache einfließen lässt. Die meisten dieser polyphonen Gebilde überleben leider die Übersetzung nicht. Auch Komposition und Aufbau erscheinen - im Gegensatz zu früheren Werken Djebars - weniger komplex und virtuos, und dennoch ist "Das verlorene Wort" unbestritten ein bewegender und spannender Roman.

Das verlorene Wort

Roman von Assia Djear. Aus dem Französischen von Beate Thill. Unionsverlag, Zürich 2004. 248 Seiten, geb., e 20,50

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