Die Journalistin Amira Hass porträtierte das besetzte Land: nüchtern und mit viel Erfahrung.

Wer den israelisch-palästinensischen Konflikt verstehen will, sollte dieses Buch lesen. Eine israelische Autorin stellt das Leben und die Sichtweise der anderen Seite, nämlich der Palästinenser, differenziert und nachvollziehbar dar.

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis von konsequentem journalistischen Engagement. Als Amira Hass, Journalistin der israelischen Tageszeitung Ha'aretz, 1993 Korrespondentin für den Gazastreifen wurde, zog sie in ihr Berichtsgebiet - als erste israelische Journalistin. Und begegnete nicht Feinden, die ihr Leben bedrohten, sondern freundlichen Menschen.

Sie erlebte die Hoffnungen der Palästinenser, als die palästinensische Autonomiebehörde im Mai 1994 die Arbeit aufnahm und der israelische Militärgouverneur das Feld räumte. Aber sie erlebte auch, wie in den Folgejahren die Politik der Abriegelung das Leben der Palästinenser bestimmte. Zwar haben die Palästinenser eine eigene Regierung, dafür aber leben sie in einem großen Gefängnis - so sehen es jedenfalls viele. "Früher träumte ich von einem eigenen Staat, jetzt träume ich nur noch davon, auf die andere Seite des Erez-Checkpoints zu kommen."

Da die Palästinenser wirtschaftlich von der israelischen Seite abhängig sind, trifft sie das System von Abriegelungen und spärlichen Ausreisegenehmigungen im Namen der Terrorbekämpfung hart. Von 1992 bis 1996 sank das Pro-Kopf-Einkommen in Gaza um 37%. Dabei wurden in derselben Zeit weiter moderne israelische Siedlungen in palästinensischen Gebieten gebaut, die den Palästinensern vor Augen führen, dass sie selbst im "eigenen" Land nur Bürger zweiter Klasse sind.

Hass schildert die wirtschaftlichen Sorgen und die täglichen Demütigungen anhand unzähliger Einzelschicksale. So wird klar, warum der Oslo-Prozess unter vielen Palästinensern schon vor Camp David keine Euphorie auslöste. Und es wird auch deutlich, wie blind man in deutschsprachigen Medien den Berichten vom "Friedensprozess" geglaubt hat und nicht sehen wollte, dass den Palästinensern wenig angeboten wurde, was ihnen eine Perspektive auf ein freies Leben ermöglichte.

Wer das Buch von Amira Hass liest, versteht das komplexe Gefüge der verschiedenen und miteinander konkurrierenden palästinensischen Gruppen - und die nur mäßige Achtung, die Arafat unter seinen Landsleuten genießt. Von daher ging es nicht darum, ob Arafat energisch gegen den Terror vorgehen wollte oder nicht, sondern darum, ob er das konnte. Die Hamas und andere demontierten ihn bewusst.

So verstehen Palästinenser die manchmal islamistische Rhetorik von Arafat nicht als Drohgebärde gegen Israel, sondern - wesentlich realistischer - als Zeichen der Schwäche: Er versucht mit markigen Sprüchen Terrain gegenüber denen gutzumachen, die ihm - mit einigem Recht - Ausverkauf palästinensischer Interessen vorwerfen.

Hass zeigt auf, wie die radikalen Islamisten immer dann Zulauf bekommen, wenn die Zukunftsperspektiven der Palästinenser schwinden bzw. wenn die israelische Armee vermeintliche Terroristen extralegal hinrichtet.

Dabei ist Hass weit davon entfernt, irgendwelche Sympathien für die Hamas oder den palästinensischen Mythos vom "bewaffneten Kampf" zu verbreiten. Sie macht sich auch nicht mit der Seite der Palästinenser gemein. Sie will sehr nüchtern, aber erfahrungsgesättigt der eigenen Seite klarmachen, welche desaströsen Folgen die israelische Politik hat. Damit bietet sie auch ein unverzichtbares Korrektiv für das Bild vom Nahost-Konflikt bei uns. Zwar ist ihr Buch in Israel bereits 1996 erschienen, aber veraltet ist es noch nicht.

Mittlerweile berichtet Hass für Ha'aretz aus Ramallah und erlebt dort die Wiederholung vieler Entwicklungen, die sie aus Gaza kennt. Besonders fatal ist der Mauerbau zwischen Israel und den Palästinensergebieten, der die verheerende Politik der Abriegelung fortsetzt und die Palästinensergebiete wirtschaftlich stranguliert.

Ironie des Schicksals: Inzwischen erkennt auch Ariel Sharon, dass er damit die eigene Wirtschaft schädigt, die auf billige Arbeitskräfte aus den palästinensischen Gebieten angewiesen ist. Ob diese Einsicht den Nahen Osten näher zum Frieden bringt?

Gaza

Tage und Nächte in einem besetzten Land

Von Amira Hass

Aus dem Engl. von Sigrid Langhaeuser

Verlag C.H.Beck, München 2003

412 Seiten, geb., e 25,60

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