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Von wegen nur privat

FOKUS
Planetenspatzen - © Illustration: Raff aela Schöbitz / Picus

Die Poesie der Badewannenfreuden: "Planetenspatzen" und "wer als erster"

1945 1960 1980 2000 2020

Neues aus der Welt der Kinderlyrik

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Neues aus der Welt der Kinderlyrik

„KINDERLÄNDERKWATSCHLATEIN“: Kinder lieben dieses „klimmbimmel“, zu dem das lyrische Spiel mit der Sprache führt. „welche sprache soll das sein?“ Nun, im Fall des „limba klimba zimbalein“ ist es das Rumänische, aus dem das Wort „limba = sprache“ stammt. Autorin Andrea Karimé greift es auf, um es in seiner Lautlichkeit gleichermaßen wie in seiner Wortbedeutung zu befragen. Und stellt es in neuen Zusammenhang: „KINDERLÄNDERKWATSCHLATEIN“ ist eines von 27 Gedichten, die im Lyrik-Band „Planetenspatzen“ ihren Ausgangspunkt in 27 Wörtern finden, die aus unterschiedlichen Sprachen stammen. Italienisch, Griechisch, Polnisch oder Türkisch dürften – wenn auch nicht in ihren Details, so zumindest in ihrer Existenz – geläufig sein. Aber Kurmandschi (gesprochen im Irak, Iran und der Türkei) oder Tigrinisch (gesprochen in Eritrea)?

„hamuschte“ und „schiduschte“ zum Beispiel sind „tigrinya“ für fünf und sechs. Andrea Karimé greift Wortsinn und Wortklang auf und baut daraus ein spritziges Badezimmer-Wonnegedicht:

ein mädchen aus hamuschte
beherrschte gut schiduschte
sie duschte 5, 6, tausendmal
in einem kleinen duschregal
mit zahlen fuhr sie fünfmal schi
tusch sang sie, mi, und sechsmal nie
die hamuschte schiduschte melodie

Sinn und sinnentleerte Freude an der Sprache selbst finden hier zueinander und spiegeln die Verwischung der Grenze von „richtig“ und „falsch“, die dem Sprachspiel innewohnt. Sie nimmt eine wichtige Rolle im Sprach- und Schrifterwerb von Kindern ein – dann nämlich, wenn die eigene Fehlerhaftigkeit im Ausbuchstabieren ein Entlastungsventil im sinnbefreiten Umgang mit dem Sprachmaterial findet. Bei der Mühsal, Buchstabenkombinationen semiotisch und semantisch zu erfassen, hilft schon mal ein „türülülü“, mit dem das betrübte „üsüntülü“ ein „küsschen auf den zeh“ und einen „süßen tee“ gleich dazu bekommt.

„üsüntülü = traurig, betrübt“ stammt übrigens aus dem Türkischen. Personifiziert wird es von Illustratorin Raffaela Schöbitz als bohnengroßer Kopffüßler an den Rand einer Teetasse gesetzt. Die österreichische Illustratorin hat sich zuletzt mit Bilderbüchern in den Kosmos der Kinderliteratur eingeschrieben, in denen ein verspielt-detaillierter Zeichenstil tonangebend war. Nun begleitet sie Andrea Karimés Gedichte mit jeweils ganzseitigen Bildern. Durch effektvoll miteinander arrangierte Farbflächen denkt sie die lyrischen Texte weiter und verdichtet deren emotionalen Kern in jeweils einer Szene. Der kindliche Alltag mag dafür Pate gestanden haben; er wird jedoch immer und immer wieder ins Fantasievolle gekippt: Physikalische Gesetze werden aufgehoben, Figuren schweben, treiben, sind glücklich. Den sprachspielerischen Vexierbildern stellt Raffaela Schöbitz „Mini-Max-Momente“ gleichermaßen zur Seite wie das illustratorische Spiel mit Masken, Verrückungen, Vertauschungen.

Das kleine Duschregal zum Beispiel wird zum Spül-Organizer, in dem eine Abgesandte der Zwerge im Kopf Schaumbadfreuden durchlebt. Wassertropfen spritzen üppig über die Bildseite. Seifenblasen aber sind keine zu sehen. Das Badezimmer wird daher auch nicht von einem Seifenblas-Orchester bevölkert, das sich rund um ein Kind beim Badewannentauchgang gruppiert. Das ist aber in einer der doppelseitigen Bilderbuch-Illustrationen von María José de Tellería der Fall, in die die neuen Kindergedichte von Michael Hammerschmid gestellt sind. Dort „glänzen“, „schwänzen“, „kleben“, „schweben“, „platzen“ und „patzen“ die Blasen. 2018 mit dem Josef Guggenmos-Preis für Kinderlyrik ausgezeichnet, fügt der österreichische Autor der Variationsbreite von Kindergedichten mit dem Lyrik-Bilderbuch „wer als erster“ eine ganz andere Spielart als jene von Andrea Karimé genutzte hinzu. Er setzt auf gehaltliche Wort-Assoziationen und nutzt sein Sprachmaterial, um (sich) eine kindliche Alltagswelt poetisch zu erschließen. Aus der Perspektive des lyrischen Ich wird kindliches Erleben erobert und erprobt. Oder aber das Ich wird zum Du und staunend beobachtet.

Hammerschmid nutzt Rhythmus und Reim gleichermaßen wie das Moment der steten Wiederholung. Er befragt die Sprache selbst und mit ihr die kindliche Weltwahrnehmung. Wenn dabei unergründliche Geheimnisse ergründet werden sollen, gilt es manchmal, sich auf den Kopf zu stellen. Oder ein Gedicht „vonuntennachoben“ zu lesen. Denn das ist die Richtung, in die ein Kind wächst – und damit hinein in eine Welt der Literatur, in der eine originäre Kinderlyrik sich wieder mehr poetischen Raum verschaff t. Im „eins zwei drei“ Tänzerinnenschritt.

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