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Schreiben in Zeiten von Corona

Zeit - © Illustration (Ausschnitt): Clara Frühwirth / Tyrolia
booklet

Es gibt eine Zeit für ein mutiges Herz

1945 1960 1980 2000 2020

Lena Raubaum entführt in kinderliterarische Welten voller Stille. Und voller Chaosgewimmel.

1945 1960 1980 2000 2020

Lena Raubaum entführt in kinderliterarische Welten voller Stille. Und voller Chaosgewimmel.

Hochzeiten. Wie in zahlreichen anderen Bereichen ist auch hier derzeit ein situationselastischer Planungszugang gefragt. Als nun eben nicht geladener Gast bekommt man damit ein wenig Abstand von allzu oft genutzten Texten. Wenn die Liebe für eine Zeit lang nicht langlebig und freundlich ist und auch nicht alles seine Stunde hat, erscheint das durchaus entlastend. Und vielleicht entsteht gerade aus dieser literarischen Abstinenz die Möglichkeit, ganz neu und unverstellt von anlassbezogener Dauer-Repetition auf Literarisches zu blicken. Denn selbstverständlich hat gerade ein Text, der bei einer Abschiedsfeier gleichermaßen Trost spendet, wie er bei einer Geburt zum Ausdruck der Freude über das Neue wird, eine besondere Kraft.

„Das, was an Versen wie jenen aus dem Buch Kohelet so stimmig ist, nutzt sich ja nicht ab.“ So formuliert es die Kinderbuchautorin Lena Raubaum in einem Werkstattgespräch – und ermöglicht eine erfrischende Erst- oder Neu-Begegnung mit dem Text über den Umweg der Transformation: „Es gibt eine Zeit für suchende Augen und eine, da taucht etwas auf …“ Die alttestamentarischen Vers­inhalte werden in einen kindlichen Erfahrungshorizont übertragen.

Lena Raubaum beginnt bei der Zeit für Morgenklänge, mit der eine Zeit für Sternenträume abgelöst wird; und schlägt den Bogen von kindlichen Alltagsabenteuern über kindliche Selbsterfahrungen bis zur Vielfalt kindlicher Emotionen: „Es gibt eine Zeit für ein trauriges Kinn und eine, da lacht auch der Bauch …“ Kleiderberge und Hautgewand kommen hier ins Sprachspiel und damit situativ verortete Wortkombinationen wie Statuenstille und Chaosgewimmel.

„Es gibt eine Zeit für viele Stimmen und eine, da bin ich für mich …“ Unterschiedliche Stimmungen werden in ihrer Gegensätzlichkeit und Gleichzeitigkeit eingefangen; gefragt wird aber auch nach der kindlichen Zeitwahrnehmung und deren Abweichungspotential vom durchgetakteten (erwachsenen) Tagesablauf. Entdeckungsreisen haben dabei wortwörtliche Bedeutung; und spiegeln sich in der Erforschung kindlicher Möglichkeiten, sich selbst und der Welt zu begegnen.

Dieser Vielgestaltigkeit von Zeit entsprechen die Bildseiten, auf denen die Illustratorin Clara Frühwirth Miniaturen, Figuren und Requisiten arrangiert. Wie in einem Wissenssammelsurium, bei dem auf den ersten Blick nichts zueinander zu passen scheint, stellt sie assoziative Bildgedanken in den Erzählraum. Doch es gibt eine Zeit zu blättern und eine Zeit zu verweilen, und erst dieserart wird der rote Gedankenfaden sichtbar: Zum Grundelement der Lithografien wird der Querschnitt eines Baumstammes. Dessen offengelegte Jahresringe werden als Symbol der Zeit zur formalen Bildkonstante, die mit den schwarzweiß gestalteten Varianten kindlicher Alltagskultur in Beziehung treten. Mit jedem dieser kleinteiligen Details werden neue Bedeutungsräume der knappen Verse aufgestoßen, wird das Semantische auf Illustrationsebene ins Semiotische überführt. Jede Bild-Idee kann dann für sich weitergedacht oder weitererzählt werden.

Und mittendrin das Kind. Die Kinder. Versunken in ihre Wahrnehmungswelt und dennoch spielerisch miteinander im Dialog.

In einen solchen Dialog tritt auch Lena Raubaum mit Begeisterung. Ihr Sprachtalent kombiniert sie mit einer Ausbildung zur Schauspielerin, ihre Erzählideen mit der Lust an der Performance. Egal, ob sie den quirligen Qualle in einer neuen Kinderbuch-Serie ins Krankenhaus oder Tierheim schickt und dem tragikomischen Familienroman so österreichischen Charme hinzufügt; oder ob sie zurückführt in eine Zeit, in der das Wünschen auch geholfen hat und ihr Zornröschen in einem schlicht genialen YouTube-Video in (Sprach-)Wirrnis rund ums Ausrasten geraten lässt – stets weiß sie Pointen und Akzente zu setzen und ihr kindliches Lesepublikum damit in eine Welt kinderliterarischen Variantenreichtums mit hineinzunehmen.

„Es gibt eine Zeit für ein mutiges Herz und eine, da fürchtet es sich …“ Gerade dort, wo heute lebensphilosophische oder gar religiöse Fragen in der (Kinder-)Literatur angesprochen werden, gilt es, sich ein Herz zu fassen und sich nicht vor dem Sprung ins Ungewisse zu fürchten. Denn: Keine Sorge, die dreizehnte Fee hat gegenüber der zwölften dann doch immer wieder und wieder das Nachsehen.