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Gegen das Verschwinden

FOKUS
Portrait - © Illustration: Rainer Messerklinger

Ilse Aichinger: Radio-Essays

1945 1960 1980 2000 2020

Radio-Essays von Ilse Aichinger aus den Jahren 1955 und 1957, zum Nachlesen.

1945 1960 1980 2000 2020

Radio-Essays von Ilse Aichinger aus den Jahren 1955 und 1957, zum Nachlesen.

Adalbert Stifters Werk als Wolke neben dem Flugzeug, als „dieser stille Geschwindigkeitsmesser“: Mit diesem erstaunlichen Bild setzt Ilse Aichingers erster Radio-Essay ein, den sie 1955 für die Sendereihe „Unvergängliches“ verfasste. Sie schreibt darin gegen ein Stifter-Bild an, wie es manchmal heute noch jungen Lesenden vermittelt wird, mit Interpretationen, die es dem erwachsenen Menschen unmöglich machen, Stifter „noch einmal zur Hand zu nehmen.“ Auch das Verschweigen seines Selbstmordes habe zur Banalisierung seines Bildes beigetragen, so die damals 34-jährige Schriftstellerin, die in diesem Essay Spuren legt, die beim Lesen das Interesse für das Werk des Autors umgehend wecken.

Zum 100. Geburtstag der 2016 verstorbenen Autorin veröffentlicht die Edition Korrespondenzen nicht nur dieses Manuskript, sondern auch jene Radio-Essays, die Aichinger für eine Reihe mit dem Titel „Die Frühvollendeten“ vorgeschlagen und dann für die Reihe „Die jungen Gefährten“ 1957 tatsächlich geschrieben hat. (Weitere Themen, mit denen man sie dafür beauftragte, bearbeitete sie anders; sie zitierte viel, kommentierte wenig, in den vorliegenden Band fanden diese Essays keinen Eingang.) Georg Trakl, Alain-Fournier, Felix Hartlaub und Wolfgang Borchert allerdings waren ihr ein Anliegen und das merkt man den eindrücklichen Texten an. Sie zitiert, verknüpft die Texte mit persönlichen Kommentaren, die beiden Weltkriege tauchen die Fragen nach dem Menschsein in ein abgründiges Licht. Ilse Aichinger benennt dabei nicht ihr eigenes Schicksal, einmal allerdings erwähnt sie, dass Georg Trakl in der Nähe des Aspangbahnhofs wohnte, „von dem 50 Jahre später die Deportation der Juden ihren Ausgang nahm“. Dort lebten auch ihre Verwandten, sie wurden 1942 deportiert.

Die Gegenwart, in die Aichinger ihre Lektüren stellt, sind zwar die 1950er Jahre, doch – und das ist sowohl der von ihr ausgesuchten Literatur geschuldet, als auch der Literatur, die ihre Kommentare selbst sind –, bleiben ihre Essays Anrufe in die Gegenwart. „Wo waren wir, als das alles geschah? Und wo sind wir heute?“

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