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Zwischen Stille und Schrei

FOKUS
Wolken 8 9

„Leerzeichen“ von Ludwig Hartinger: „Streicheln jedes Wort“

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Maria Renhardt über "Leerzeichen", aus dem dichterischen Tagebuch 2018 bis 2022 von Ludwig Hartinger.

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Maria Renhardt über "Leerzeichen", aus dem dichterischen Tagebuch 2018 bis 2022 von Ludwig Hartinger.

Ohne herkömmliche Sicherheiten durch die Welt zu vagabundieren, am Rand der Gesellschaft zu leben war einst, so heißt es, das Los eines Landstreichers. Welche Eigenschaften kommen jedoch einem Wortlandstreicher zu, als der sich der gebürtige Salzburger Ludwig Hartinger sieht? Er geht wohl an die Säume und Ränder der Sprache und überschreitet ihre Grenzen im wahrsten Sinn des Wortes, wenn er Landschaften und Räume poetisch durchquert.

In seinem dichterischen Tagebuch aus den Jahren 2018 bis 2022 mit dem Titel „Leerzeichen“ erkundet Hartinger, der im Dezember seinen 70. Geburtstag feiert, die vielfältigen Dimensionen des Wortes. Auf seinen Streifzügen durch die Natur konzentriert sich der Blick auf das Detail, auf die unzähligen kleinen Veränderungen im Spiegel der Jahreszeiten, auf Erinnerungen und sinnlich Wahrnehmbares. Besondere Bedeutung gewinnt dabei das Spiel mit dem Licht, der Stille oder mit der Farbe Weiß. Mit seinem Auge und Gespür für das scheinbar Belanglose wirkt er glänzende „bilderböen“ in die Verse. Hartinger baut seine Lyrik auf innovativer, unverbrauchter Metaphorik auf, für die eingehende Betrachtungen zentral sind: „am bleistiftspitz drei / wimpern punktieren / streicheln jedes wort“. Besondere thematische Linien ziehen in seiner Lyrik auch die Landschaften Sloweniens („sei karg wie der karst / sagt ein ferner freund“), in denen er sich häufig und gerne aufhält.

Hartinger jongliert mit Wortneuschöpfungen („silbt der mond im schnee / zweigt ein wort aus hauch / lichtfarn ist mir dein gruß / schwingt eine saite ins herz“), verknüpft Worte und Verse neu zu flirrenden Bildern und Synästhesien („da webt uns ein regen / ein stilles morgenimpromptu“) und lädt damit zum Innehalten ein. Zwischen den „membranen der stille“ entstehen Erinnerungsfresken, Glücksmomente, Schweigen, Träume oder Engramme.

Diese Gedichte prägen eine kontemplative Schau der Natur und eine Konzentration auf die Sinne und besondere Augenblicke. Hartinger nimmt das Leben in Bildern auf und lässt es auf geheimnisvolle Weise in seiner Lyrik nachklingen: „gedicht ist splitter / in jedem spiegelbild“.

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