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Von wegen nur privat

FOKUS
Booklet-Illustration - © Rainer Messerklinger

Margit Schreiner und Teresa Präauer über Mädchen

1945 1960 1980 2000 2020

Margit Schreiner und Teresa Präauer erinnern und reflektieren in ihren Büchern ebenso kritisch wie schonungslos ihre Mädchenjahre.

1945 1960 1980 2000 2020

Margit Schreiner und Teresa Präauer erinnern und reflektieren in ihren Büchern ebenso kritisch wie schonungslos ihre Mädchenjahre.

Leitmotivisch kehrt der Satz „Wer über das Mädchen nachdenkt, denkt über Anfänge nach“ in Teresa Präauers Erzählung „Mädchen“ wieder. Er bezieht sich sowohl auf Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend als auch auf die künstlerischen Anfänge als Schriftstellerin und Künstlerin. Das Wort Mädchen oder Mädel ist die Verkleinerungsform des Wortes Magd und verlangt in der deutschen Sprache grammatikalisch ein sächliches Geschlecht im Gegensatz zu Junge, Knabe, Bub für den jungen Mann. „Vielleicht versteckt sich bereits hier die erste Falle“, mutmaßt Teresa Präauer und fragt sich weiter, wie lange man als Frau ein Mädchen bleibt. Über Jahrhunderte blieben es unverheiratete Frauen bisweilen ihr Leben lang, zumal wenn sie als Haus- oder Dienstmädchen arbeiteten. Mittlerweile werden Bezeichnungen wie Zimmer- oder Kindermädchen als abwertend empfunden und eher vermieden. Mädchen und Girls sind nicht nur Blumenmädchen mit Vorliebe für die Farbe Rosa und Glitzersteine, sondern frech und vorlaut, klettern auch auf Bäume, bilden Mädchenbanden, fühlen sich als Tomboys, fahren Skateboard und freuen sich über ein Taschenmesser der Marke „Leathergirl“.

Das Foto auf dem Umschlag des Buches „Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe“ von Margit Schreiner zeigt einen Teenager mit langen braunen Haaren, beigem T-Shirt und engen Blue Jeans, barfuß in sogenannten „Hippie-Pantoffeln“ auf einer Parkbank sitzend. Die Haare verdecken teilweise die Augen, die verträumt auf den Betrachter oder die Betrachterin blicken. Wie schon beim ersten Band „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen“ ihres mehrbändigen Erinnerungsprojekts „Über das Private“ kommt das Foto aus einem Album der Autorin.

Leitmotivisch kehrt der Satz „Wer über das Mädchen nachdenkt, denkt über Anfänge nach“ in Teresa Präauers Erzählung „Mädchen“ wieder. Er bezieht sich sowohl auf Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend als auch auf die künstlerischen Anfänge als Schriftstellerin und Künstlerin. Das Wort Mädchen oder Mädel ist die Verkleinerungsform des Wortes Magd und verlangt in der deutschen Sprache grammatikalisch ein sächliches Geschlecht im Gegensatz zu Junge, Knabe, Bub für den jungen Mann. „Vielleicht versteckt sich bereits hier die erste Falle“, mutmaßt Teresa Präauer und fragt sich weiter, wie lange man als Frau ein Mädchen bleibt. Über Jahrhunderte blieben es unverheiratete Frauen bisweilen ihr Leben lang, zumal wenn sie als Haus- oder Dienstmädchen arbeiteten. Mittlerweile werden Bezeichnungen wie Zimmer- oder Kindermädchen als abwertend empfunden und eher vermieden. Mädchen und Girls sind nicht nur Blumenmädchen mit Vorliebe für die Farbe Rosa und Glitzersteine, sondern frech und vorlaut, klettern auch auf Bäume, bilden Mädchenbanden, fühlen sich als Tomboys, fahren Skateboard und freuen sich über ein Taschenmesser der Marke „Leathergirl“.

Das Foto auf dem Umschlag des Buches „Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe“ von Margit Schreiner zeigt einen Teenager mit langen braunen Haaren, beigem T-Shirt und engen Blue Jeans, barfuß in sogenannten „Hippie-Pantoffeln“ auf einer Parkbank sitzend. Die Haare verdecken teilweise die Augen, die verträumt auf den Betrachter oder die Betrachterin blicken. Wie schon beim ersten Band „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen“ ihres mehrbändigen Erinnerungsprojekts „Über das Private“ kommt das Foto aus einem Album der Autorin.

Referenztext für beide Autorinnen bleibt Annie Ernaux, vor allem ihr Buch ‚Erinnerung eines Mädchens‘, in dem sie sich an die achtzehnjährige Annie erinnert.

Für die Schülerin des Wirtschaftskundlichen Gymnasiums gibt es nur peinliche Worte vor allem für das, was „die Sache mit der Pubertät auf den Punkt gebracht hätte“. Denn alle körperlichen Veränderungen zwischen dem elften und achtzehnten Lebensjahr werden „lapidar auf die Hormone zurückgeführt“. Die Ich-Erzählerin ist sich dagegen sicher, dass diese Jahre „die Zeit der Missgeschicke und der Scham darüber“ sind. Und genau diese körperlichen Missgeschicke verweisen auf die Parallelen zwischen dem heranwachsenden Mädchen und der 68-jährigen Autorin. Die Differenz zwischen Mädchen- und Erwachsenenperspektive bleibt präsent: „Nur die Scham bleibt.“

Besonders schämt sich das Mädchen für das Sichtbarwerden der sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmale, die Achsel- und Schamhaare, aber auch für den zu kleinen Busen. Irritierend werden Menstruation oder ihr Ausbleiben, Fragen zu Verhütung und Pille, der erste Besuch beim Gynäkologen erlebt: „Ich hatte es ja schon in meiner Kindheit geahnt, dass die Tatsache, eine Frau zu sein, mit ununterbrochenen Demütigungen einhergehen würde. Aber dass es sogar so weit gehen würde, dass man einem völlig fremden Mann das eigene Geschlecht vor die Nase halten müsse, war nicht vorauszusehen gewesen.“ Auch Teresa Präauer berichtet von einem monströsen Vorgang: „Eines Tages, ich war vielleicht vierzehn Jahre alt, blickte ich auf meinen rechten Unterarm und entdeckte, dass dort Haare gewachsen waren. Dasselbe auf dem linken Unterarm. Es sah schrecklich aus, wie das Fell eines Tieres.“

Die Pubertät Margit Schreiners fällt in die Jahre zwischen 1963 und 1971, also die sogenannte Zeit der „politischen Pubertät“ der 1968er-Jahre und der folgenden Frauenbewegung mit dem Slogan „Alles Private ist politisch“. Waren vorher die Familiengeheimnisse tabu, gilt es nun, alles Private öffentlich zu machen. Andererseits erlebt die Tochter ständig die Übergriffigkeit der Eltern, die nicht einmal das Briefgeheimnis respektieren, als sie Post von einem Freund bekommt. Die Schülerin schließt sich einer linken Schülerorganisation an, die sich im Linzer Café Central trifft, verteilt Flugblätter, engagiert sich bei Demonstrationen und verliebt sich in ein „männliches Wesen mit der abgewetzten Lederjacke“ und den „schulterlangen, braunen Locken“, mit dem sie gemeinsam „Das Kapital“ liest, ihren ersten Joint raucht und einen Vortrag über die Emanzipation der Frau in seiner Klasse hält. Ihre Entjungferung erlebt sie auf beglückende Weise mit einem Bassgitarristen während des Sommerurlaubs mit der Familie im ober­italienischen Caorle.

„Die verschärfte Erinnerungsfähigkeit im Alter kann vielleicht so geschliffen, zugespitzt und abgebeizt werden, dass Ereignisse zum Vorschein kommen, die es gar nicht gegeben hat. Mein Ziel ist die Erinnerung, die die Erinnerungen anderer Menschen miteinbezieht, eine generationenübergreifende Autobiographie sozusagen.“ Die Lektüre bestätigt, dass Margit Schreiner ihr Ziel erreicht hat, denn es gelingt ihr über die ­Autofiktion hinaus, das Mädchen-Sein ihrer Generation auf ebenso komische wie zugewandte Weise zu porträtieren und zu zeigen, dass die politischen Bewegungen Freiräume eröffnet haben.

Auch das Foto auf Teresa Präauers Buch „Mädchen“ zeigt die Autorin, nämlich einen Ausschnitt aus ihrem Gesicht. Die braunen langen Stirnfransen bedecken beinahe die ganze Seite, zwei schmale Augen sind zu sehen. Wie Teresa Präauer ausführt, versteht der Fotograf – ihr Vater – etwas von Bildkomposition. Ihre Erinnerungen sind stark von den zahlreichen Fotos geprägt: „Meine Kindheitserinnerungen sind aus diesen Fotos gebaut, die Erinnerungen haben sich über die Erfahrungen gelegt, die in manchen Teilen in Vergessenheit geraten sind. […] Ein Mädchen mit Topffrisur, Schottenrock, Hosenträgern und Roll­kragenpullover, das lachend über eine abschüssige Wiese rollt.“

Die Ich-Erzählerin weiß am Ende: „Das Ankommen, da unten im Tale, wird kein harter Aufprall sein.“ Eine Generation nach Margit Schreiner sind die Mädchenjahre schwierig geblieben, aber die Spielräume sind größer, der Aufprall ist sanfter geworden.

Teresa Präauer packt ihre persönlichen Erinnerungen in das Setting eines dialogischen Spiels mit einem kleinen Jungen und reflektiert die Erkundungen mit Streifzügen durch zahlreiche literarische und kunsthistorische Mädchenbilder, von Emmy von Rhodens „Trotzkopf“ über Irmgard Keun und ihr „kunstseidenes Mädchen“ bis zu „Bonjour tris­tesse“ von Françoise Sagan und Nabokovs „Lolita“, von Bruegel bis Pipilotti Rist. Referenztext für beide Autorinnen bleibt Annie Ernaux, vor allem ihr Buch „Erinnerung eines Mädchens“, in dem sich die „Ethnologin ihrer selbst“ an die achtzehnjährige Annie im Sommer 1958 aus der Perspektive der über Siebzigjährigen erinnert: „Das Mädchen auf dem Foto bin nicht ich, aber sie ist auch keine Fiktion.“ Ernaux entscheidet sich, beide in ein „sie“ und ein „ich“ zu trennen.

Auch die 1979 geborene Schriftstellerin Teresa Präauer weiß, dass erst der zeitliche Abstand Erinnerung ermöglicht: „Das Nachdenken über das Mädchen kommt aus der Erinnerung und der Betrachtung oder Beobachtung – und aus so etwas wie einem Wünschen, das über das Eigene und unmittelbar Nahe hinaus­reicht, und so auch einem anderen Mädchen, auch jenem, das gerade aufwächst, gewidmet sei. Die Aufgabe beim Schreiben ist dabei, der eigenen Erinnerung nicht zu trauen – sondern ihr auch zu misstrauen.“

Eine anregende Lektüreempfehlung nicht nur für alle, die einmal ein Mädchen waren!

Der Beitrag erschien in Print unter dem Titel "Mädchen klettern auch auf Bäume".

Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe - © Schöffling & Co.
© Schöffling & Co.
Literatur

Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe

Über das Private
Von Margit Schreiner
Schöffling & Co. 2022 216 S., geb., € 22,95

Mädchen - © Wallstein
© Wallstein
Literatur

Mädchen

Von Teresa Präauer
Wallstein 2022
78 S., geb., € 16,95

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