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Gegen das Verschwinden

FOKUS
Augen - © Illustration: Rainer Messerklinger

Plötzlich wieder Fugees: „2001“ von Angela Lehner

1945 1960 1980 2000 2020

Angela Lehner mischt in ihrem neuen, im Schicksalsjahr 2001 angesetzten Roman Anti-Nostalgie mit politischer Rückschau.

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Angela Lehner mischt in ihrem neuen, im Schicksalsjahr 2001 angesetzten Roman Anti-Nostalgie mit politischer Rückschau.

Plötzlich höre ich wieder die Fugees. Das habe ich seit Jahren nicht gemacht und es sollte für diese Rezension absolut unerheblich sein, ebenso irrelevant wie die Tatsache, dass ich mit der Autorin das Geburtsjahrzehnt teile, nur drei Jahre liegen zwischen uns. Es sollte irrelevant sein, ist es aber nicht, weil diese geteilte Herkunft, die historische und geografi sche und wohl ein Stück weit auch die soziale, beim Lesen zur Brille wird, die sich nicht so einfach absetzen lässt. Wer Mitte der 1980er in Österreich geboren wurde, rund um das Jahr 2001, das Angela Lehners neuem Roman den Titel gibt, also ein Teenager war, dem geht es wahrscheinlich ähnlich.

Plötzlich höre ich wieder die Fugees. Das habe ich seit Jahren nicht gemacht und es sollte für diese Rezension absolut unerheblich sein, ebenso irrelevant wie die Tatsache, dass ich mit der Autorin das Geburtsjahrzehnt teile, nur drei Jahre liegen zwischen uns. Es sollte irrelevant sein, ist es aber nicht, weil diese geteilte Herkunft, die historische und geografi sche und wohl ein Stück weit auch die soziale, beim Lesen zur Brille wird, die sich nicht so einfach absetzen lässt. Wer Mitte der 1980er in Österreich geboren wurde, rund um das Jahr 2001, das Angela Lehners neuem Roman den Titel gibt, also ein Teenager war, dem geht es wahrscheinlich ähnlich.

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„2001“ erzählt von einer Gruppe Jugendlicher in einem fi ktiven westösterreichischen, alpinen Tourismusort namens Tal: „Unsere Stadt heißt Tal und das ist alles, was man wissen muss.“ Die meisten der „Crew“, wie die Teenager ihre Clique nennen, besuchen die Hauptschule, was sie zu Restmüll degradiert, wie die Erzählerin Julia Hofer zu Protokoll gibt. Begriff e wie Zigeuner, Homo, Mongo oder N…kuss kommen ihr und den anderen über die Lippen, noch ohne über Political Correctness nachzudenken, beim Lesen zuckt man allerdings zusammen und merkt, wieviel sich in den letzten zwanzig Jahren getan hat.

Überhaupt ist es mit der politischen Bildung und dem Wissen darüber, was in der Gesellschaft gerade so vor sich geht, nicht weit her – bis der Geschichtelehrer und Klassenvorstand Herr Brandstätter ein Unterrichtsexperiment startet: Statt normaler Wissensvermittlung durch den Lehrer bekommen alle Schüler und Schülerinnen eine Person oder Institution des öff entlichen Lebens zugewiesen, deren Sichtweisen und Argumentationsmuster sie das restliche Jahr über vertreten sollen. Da gibt es etwa die Presse, den Augenzeugen, Jassir Arafat und Gerhard Schröder. Frauen gibt es keine, es gäbe keine in bedeutender Position, reagiert der Lehrer auf den Protest eines Schülers. Das war zwar damals schon Unsinn, lässt einen aber zwanzig Jahre später, zum Ende der Ära Merkel hin, zumindest schmunzeln (oder an den Kopf greifen, je nach Temperament).

Auch wenn 9/11 zweifellos eine Zäsur war, sind die Kontinuitäten größer. Die Musik mag sich verändern, die (gesellschafts-)politischen Themen und Probleme nicht.

Julia ist die UNO und vertritt das unabsichtlich sehr überzeugend: Von ihr kommt nämlich nichts. Ihre schulische Leistung ist überhaupt mangelhaft, ihr Interesse an der Schule auch und wenn man sich ansieht, was ihr das Leben so anbietet, kann man das auch verstehen. Ihr Berufswunsch ist Rapperin, sie lebt mit ihrem älteren Bruder Michael zusammen, trinkt, raucht und ernährt sich von Emmentalersemmeln und Ähnlichem, Eltern, so hat es den Anschein, gibt es nicht, Geld ist ebenfalls Mangelware.

Nostalgie oder eher Anti-Nostalgie, das Leben einer Jugendlichen in der österreichischen Provinz kurz nach der Jahrtausendwende, ist die eine Ebene des Textes, der bei jenen, die in dieser Zeit Jugendliche waren, einiges zum Klingen bringen wird. Wie das beim Aufwachsen eben so ist, spielt Musik dabei eine große Rolle, Songzitate und Songtitel ziehen sich wie ein Soundtrack durch den Roman und im Anhang fi ndet sich sogar eine Playlist. Die andere Ebene dreht sich um das Jahr 2001, das mit dem 11. September (an den man unweigerlich denken muss) zweifellos eine Zäsur markiert, wie zum traurigen Jubiläum zwanzig Jahre später beständig wiederholt wird. Bei Lehner dient dieses weltpolitische Schicksalsjahr als Brennglas, um das Jahr 2021 zu verstehen. Denn auch wenn 9/11 zweifellos eine Zäsur war, sind die Kontinuitäten größer. Die Musik mag sich verändern, die (gesellschafts-)politischen Themen und Probleme nicht. Ausländerhass, Rechtsradikalisierung und Populismus, Hass auf Randgruppen und Frauen, damals Schwarz-Blau, heute hat sich Türkis-Blau nur durch Ibiza selbst in den Sand gesetzt.

Die Protagonisten im Spiel sind austauschbar, die UNO immer noch in vielem planlos und schwach. Die richtige Politik bestimmen andere. Damals hetzte man gegen Flüchtlinge aus Jugoslawien, heute ist Afghanistan dran. Man muss kein gro ßer Prophet sein, um zu wissen, dass das Experiment des Lehrers eskalieren wird. Auch in Tal kommt es zu rechtsradikalen Angriff en. Doch „2001“ ist keine wiederaufgewärmte und aktualisierte Version von Morton Rhues Roman „Die Welle“, das Parabelhafte liegt Angela Lehner völlig fern, das würde auch ihrer großen Stärke, nämlich außergewöhnliche Figuren zu schaff en, widersprechen. Was einen Menschen prägt, in welche Richtung er sich bewegt, politisch, moralisch, welchen Einfl uss Sozialisierung, Erziehung, ein soziales Netzwerk, gesellschaftliche Strukturen und Institutionen haben, das alles lässt sich nicht so einfach auseinanderdividieren, das zeigt sich an Lehners Figuren und am stärksten auch hier wieder an der Protagonistin, die mit ihrem rotzigen Tonfall, ihrer Aufsässigkeit und ihrer Verletzlichkeit der Star des Romans ist.

Lehner strickt nach einem ähnlichen Muster wie in ihrem großartigen Debütroman „Vater unser“ und das stört überhaupt nicht. Problematische Beziehungen zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, Geschwisterkonfl ikte, unsichtbare Eltern, ein Auf-sich-selbstzurückgeworfen-Sein, das verunsichert und in einem als Aufsässigkeit getarnten Protest resultiert. Es ist selten, dass Figuren sich so stark einbrennen, dass sie noch lange nach der Lektüre präsent bleiben. Eva Gruber aus „Vater unser“ ist so eine Figur, Julia Hofer, noch so ein paradox austauschbarer Name, ist es auch, wenn auch wohl nicht mehr ganz so deutlich, das mag aber auch daran liegen, dass der Überraschungseff ekt, in der Gegenwartsliteratur überhaupt auf eine so außergewöhnliche Figur zu stoßen, nun weg ist.

„Vater unser“ wurde hochgelobt und mehrfach ausgezeichnet, nun legt die in Berlin lebende Österreicherin ordentlich nach. „2001“ ist ein Generationsroman, der auch anderen Generationen große Freude bereiten wird.

2001 - © Foto: Hanser
© Foto: Hanser
Literatur

2001

Roman von Angela Lehner
Hanser 2021 384 S., geb., € 24,95

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