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Zwischen Stille und Schrei

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Wolke - © Foto: iStock

Semier Insayif über Lyrik: Zwischen Stille und Schrei

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Gedichte berühren die unauslotbaren Tiefen der eigenen Existenz. Der Lyriker Semier Insayif stellt zwei neue Bände vor: „azur ton nähe. flussdiktate“ von Siljarosa Schletterer und „Super Songs Delight“ von Regina Hilber.

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Gedichte berühren die unauslotbaren Tiefen der eigenen Existenz. Der Lyriker Semier Insayif stellt zwei neue Bände vor: „azur ton nähe. flussdiktate“ von Siljarosa Schletterer und „Super Songs Delight“ von Regina Hilber.

Am Anfang war die Stille. Auch wenn niemand je die ganze Stille, die absolute Stille, die stille Stille vernommen hat, so gibt es doch eine Sehnsucht nach und vielleicht eine Ahnung von ihr.

Was ist Stille? Eine Unmöglichkeit? Eine Konstruktion? Ein Paradoxon? Schon das Wort Stille ist, als seine lautliche Realisation, ein Widerspruch in sich selbst. Ist Stille also ein Zustand völliger Zustands­losigkeit? Nichtexistenz? Eine Schreckensvision? Eine Sehnsuchtsvorstellung? Ist Stille eine Art klangliche Gebärmutter, in der der Akt der Begegnung eines erwachenden Geistes, eines lebendigen Körpers mit der Welt, mit den Dingen, mit den Menschen, mit dem Universum und der Sprache seinen Anfang nimmt? Ist sie der ursprüngliche Grundzustand aller Dinge?

Was ist ein Schrei? Unsere erste Antwort auf die Welt, in die wir hineingeworfen oder -gezogen werden? Es heißt, der erste Schrei unterscheide sich von allen weiteren Schreien, eine Art Ur-Schrei eines alten Wesens in Gestalt eines Neugeborenen? Der Schrei ist Sprache und doch kein Wort. Geht er der Sprache voraus? Setzt er die Sprache außer Kraft? Reicht er hinter sie zurück? Lebt der Schrei in den Zwischenräumen der Sprache? In dem Weiß zwischen den Wörtern, den Buchstaben? Also in den freien Feldern der Stille? Der Schrei ist in seiner Unmittelbarkeit, in seiner Dringlichkeit, in seiner unbändigen Unfassbarkeit existenziell. Und damit nahe am Gedicht. Der Schrei – das Gegenteil zur Stille? Und doch sind beide, die Stille und der Schrei, wesentliches Substrat, tiefe Wesenszüge von Gedichten.

Zwei Gedichtbände, die stellvertretend für viele wunderbare poetische Bücher stehen, die 2022 in Österreich erschienen sind, möchte ich gerne vorstellen.

In ihrem Debüt „azur ton nähe. flussdiktate“ transformiert Siljarosa Schletterer das fluide Geflecht von Flussläufen und kreuzt ihre Wesenheiten mit anthropomorphen Erfahrungen. Dadurch entstehen poetische Bedeutungs- und Beziehungsräume von ­Natur, Mensch und Sprache, die beim Auftreffen auf den Leser oder die Leserin ein Gefühl von mehrfachem Eintauchen evozieren. In die Gedichte, in imaginierte Flüsse und Bäche und in uns selbst. Wie ist also das Verhältnis von Fluss und Gedicht zu begreifen?

Die „Wasseroberfläche“ des Gedichtbandes zeigt dabei vier Kapitel – oder sind es Wellen? Beinahe alle Gedichte tragen als Überschrift Gewässernamen und Koordinatenangaben in Grad, Minuten und Sekunden. So heißt es etwa „inn 47°16‘47.9‘‘N 11°24‘17.1‘‘O“ und weiter: „die gefahr der ruhigen gewässer / liegt im schlummern / der dunkelsten gedanken“.

51 Gedichte, beinahe alle Strophen sind dreizeilig, manche mit einer Art Coda. Ob es auch ein Eintauchen in die nahe Verwandtschaft von Fluss, Mensch und Sprache ist und/oder in die musikalischen Beziehungswelten von sprachlichen Klängen und dem polyphonen Rauschen von fließendem Wasser? Mit solchen Fragen ist man beim Lesen konfrontiert. Und zwar empfindungsmäßig mit allen Sinnen und kognitiv durch die Vermessungsgrammatik in einer wissenschaftlichen Verortung. Und manchmal noch mit ausgewiesenem Erkenntnischarakter. Heißt es doch an einer Stelle: „die melancholie der flüsse / tränkt sich / in den aufzeichnungen der fische / was uns wasser lehrt / ist die nicht übersetzbare / geborgenheit“. Und nicht zuletzt kommt man in Berührung mit den unauslotbaren Tiefen der eigenen flüssigen menschlichen Existenz, die dabei in Schwingung gerät.

Was immer sich anschickt in diesen Verszeilen festzustellen oder festzuschreiben, löst sich selbst in der nächsten oder übernächsten Wendung wieder auf und wird davongespült wie ein Kiesel von der steten Strömung. Die elf Grafiken von Franz Wassermann kommunizieren mit den Texten in ihrer Vielschichtigkeit und gesellschaftlichen Relevanz. All das gilt es also (laut) lesend, lauschend und staunend selbst zu erforschen.

Am Anfang war die Stille. Auch wenn niemand je die ganze Stille, die absolute Stille, die stille Stille vernommen hat, so gibt es doch eine Sehnsucht nach und vielleicht eine Ahnung von ihr.

Was ist Stille? Eine Unmöglichkeit? Eine Konstruktion? Ein Paradoxon? Schon das Wort Stille ist, als seine lautliche Realisation, ein Widerspruch in sich selbst. Ist Stille also ein Zustand völliger Zustands­losigkeit? Nichtexistenz? Eine Schreckensvision? Eine Sehnsuchtsvorstellung? Ist Stille eine Art klangliche Gebärmutter, in der der Akt der Begegnung eines erwachenden Geistes, eines lebendigen Körpers mit der Welt, mit den Dingen, mit den Menschen, mit dem Universum und der Sprache seinen Anfang nimmt? Ist sie der ursprüngliche Grundzustand aller Dinge?

Was ist ein Schrei? Unsere erste Antwort auf die Welt, in die wir hineingeworfen oder -gezogen werden? Es heißt, der erste Schrei unterscheide sich von allen weiteren Schreien, eine Art Ur-Schrei eines alten Wesens in Gestalt eines Neugeborenen? Der Schrei ist Sprache und doch kein Wort. Geht er der Sprache voraus? Setzt er die Sprache außer Kraft? Reicht er hinter sie zurück? Lebt der Schrei in den Zwischenräumen der Sprache? In dem Weiß zwischen den Wörtern, den Buchstaben? Also in den freien Feldern der Stille? Der Schrei ist in seiner Unmittelbarkeit, in seiner Dringlichkeit, in seiner unbändigen Unfassbarkeit existenziell. Und damit nahe am Gedicht. Der Schrei – das Gegenteil zur Stille? Und doch sind beide, die Stille und der Schrei, wesentliches Substrat, tiefe Wesenszüge von Gedichten.

Zwei Gedichtbände, die stellvertretend für viele wunderbare poetische Bücher stehen, die 2022 in Österreich erschienen sind, möchte ich gerne vorstellen.

In ihrem Debüt „azur ton nähe. flussdiktate“ transformiert Siljarosa Schletterer das fluide Geflecht von Flussläufen und kreuzt ihre Wesenheiten mit anthropomorphen Erfahrungen. Dadurch entstehen poetische Bedeutungs- und Beziehungsräume von ­Natur, Mensch und Sprache, die beim Auftreffen auf den Leser oder die Leserin ein Gefühl von mehrfachem Eintauchen evozieren. In die Gedichte, in imaginierte Flüsse und Bäche und in uns selbst. Wie ist also das Verhältnis von Fluss und Gedicht zu begreifen?

Die „Wasseroberfläche“ des Gedichtbandes zeigt dabei vier Kapitel – oder sind es Wellen? Beinahe alle Gedichte tragen als Überschrift Gewässernamen und Koordinatenangaben in Grad, Minuten und Sekunden. So heißt es etwa „inn 47°16‘47.9‘‘N 11°24‘17.1‘‘O“ und weiter: „die gefahr der ruhigen gewässer / liegt im schlummern / der dunkelsten gedanken“.

51 Gedichte, beinahe alle Strophen sind dreizeilig, manche mit einer Art Coda. Ob es auch ein Eintauchen in die nahe Verwandtschaft von Fluss, Mensch und Sprache ist und/oder in die musikalischen Beziehungswelten von sprachlichen Klängen und dem polyphonen Rauschen von fließendem Wasser? Mit solchen Fragen ist man beim Lesen konfrontiert. Und zwar empfindungsmäßig mit allen Sinnen und kognitiv durch die Vermessungsgrammatik in einer wissenschaftlichen Verortung. Und manchmal noch mit ausgewiesenem Erkenntnischarakter. Heißt es doch an einer Stelle: „die melancholie der flüsse / tränkt sich / in den aufzeichnungen der fische / was uns wasser lehrt / ist die nicht übersetzbare / geborgenheit“. Und nicht zuletzt kommt man in Berührung mit den unauslotbaren Tiefen der eigenen flüssigen menschlichen Existenz, die dabei in Schwingung gerät.

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In einem Gedicht bestehen die äußersten Gegensätze in aller Gleichzeitigkeit dicht nebeneinander. Unmöglich dissonant und doch harmonisch.

Mit, durch und in den 69Gedichten in Regina Hilbers neuem Band „Super Songs Delight“ wird man auf eine ganz besondere Art und Weise losgerissen und fortgespült und in neun Kapiteln zu den unterschiedlichsten Orten und Plätzen gelockt, gedrängt und verführt. Konkrete, imaginäre und poetische Welten werden bereist. Alabama, Georgia, Minnesota, Kansas City, Triest, Steyr, Czernowitz … – um nur einige Beispiele zu nennen. Zu Fuß, auf Brücken, mit dem Schiff oder doch nur auf der Landkarte? Jedenfalls in Wörtern und Verszeilen wie Einbäume, die sich einen Weg bahnen durch un­gewisse und unsichere Gewässer.

„glaubte dich schon gegangen“, heißt es zu Beginn. Wer mag hier angesprochen sein? Der in diesem ersten Kapitel genannte Rolf Bossert oder man selbst als Leserin oder Leser? Denn: „was ist schon Sprache allein auf einem Feld“, wie es da heißt. Also braucht es Orte zum Bereisen, zum Erkunden, es braucht Leben, die ihre Geheimnisse bis heute bewahren, und es braucht Sprachen und Begleiterinnen und Begleiter, die wegweisend sein können wie „Hart Crane, Italo Svevo, Elsa von Freytag-Loringhoven, Paul Celan, Rose Ausländer“ oder die „Coen Brüder“ mit ihren Figuren aus „Fargo“, um nur einige zu nennen. Im ersten Gedicht des Kapitels „Fargo Along“ heißt es: „zählte die Strandläufer / Strich um Strich Tabellen so / leicht zu den Vögeln & in den / Blättern des Screenplays Innuendo / auf Innuendo / no striptease at all“. In diesem Gedicht­band kann man Tage, Monate, Jahre reisen, lesen, darin verschwinden und weiterforschen, angeregt durch die Fülle von Namen, Informationen und Andeutungen, die dahinterstehen oder dazwischen schweben.

Die sprachlichen Mittel sind in ihrer Vielfalt ein Äquivalent. Alliterationen, Assonanzen, sprachliche Zerklüftungen und repetitive Buchstäblichkeiten, die durch spezifische Anordnungen an die grafische und bildnerische Kraft von Gedichten erinnern. Englische und italienische Einwürfe lassen auch lautlich erahnen, wo man sich unter Umständen befinden könnte – oder das zu glauben meint. Und es scheint eine Art Gleichzeitigkeit aller Zeitschichten zu existieren. Eine ständig korrespondierende Vielstimmigkeit verlockt, eigene Resonanzräume zu öffnen und miteinzustimmen.

In einem Gedicht bestehen die äußersten Gegensätze in aller Gleichzeitigkeit dicht nebeneinander. Unmöglich dissonant und doch harmonisch. Bis zum Bersten gefüllt bleibt unendlich viel Platz in ihm für das Unvorhersehbare, das Unerhörte, Ungeliebte wie unendlich Geliebte, für das Kommende, das Gehende, das Schreckliche, Angstgeweitete, das Obszöne wie das Tröstende, das Heilende, Scheue und das immer schon und noch nie Dagewesene, das Fremde wie das Wohlbekannte, das Weite, Offene wie das Versperrte, das Narrenhafte, Verrückte, das Unverständliche, Unfassbare wie das Leben, der Tod, der Schrei und die Stille.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband "ungestillte blicke oder vom bebildern eines kopfes und beschriften desselben".

azur ton nähe - © Limbus
© Limbus
Literatur

azur ton nähe. flussdiktate

Gedichte von Siljarosa Schletterer
Limbus 2022
83 S., geb., € 15,–

Super Songs Delight - © fabrik.transit
© fabrik.transit
Literatur

Super Songs Delight

Gedichte von Regina Hilber
fabrik.transit 2022
114 S., geb., € 18,–

ungestillte blicke - © Klever
© Klever
Literatur

ungestillte blicke oder vom bebildern eines kopfes und beschriften desselben

Gedichte von Semier Insayif
Klever 2022
122 S., geb., € 20,–

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