#

Schreiben in Zeiten von Corona

Booklet 10 - © Foto: iStock / Bertrand Blay (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
booklet

Welt im Umbruch

1945 1960 1980 2000 2020

Veronika Schuchter über "Die zitternde Welt" von Tanja Paar.

1945 1960 1980 2000 2020

Veronika Schuchter über "Die zitternde Welt" von Tanja Paar.

Historische Familienepen gelten in der deutschsprachigen Literatur schnell als trivial, vor allem, wenn sie sich diesem Vorwurf nicht vorsorglich durch eine kalkulierte Sperrigkeit zu entziehen suchen. Von einem solchen Kalkül merkt man bei Tanja Paars zweitem Roman „Die zitternde Welt“ nichts, sie traut sich klassisch und flott die Geschichte einer aus Österreich stammenden Familie zu erzählen, die ihr Glück in Anatolien sucht. Sehr glücklich beginnt das Buch allerdings nicht: Maria wird schwanger, von Wilhelm sitzen gelassen, der sich aufmacht, um als Ingenieur beim Bau der Bagdad-Bahn zu arbeiten. Die unkonventionelle Maria überrumpelt ihn dort und lebt mit ihm unverheiratet zusammen, weitere Kinder folgen. Die pragmatische Beziehung hält auch dem Verlust eines Kindes und einer Affäre mit dem Französischlehrer stand. In diesem von exotischem Lokalkolorit geprägten Teil lässt Paar den Ersten Weltkrieg einbrechen, mit all seinen Folgen für die verschiedenen Familienmitglieder, als die beiden Söhne Hans und Erich zum Militärdienst eingezogen werden sollen. „Die zitternde Welt“ erinnert ein wenig an die wunderbaren Romane der türkischen Schriftstellerin Elif Shafak, auch wenn deren sprachliche Eleganz (noch) etwas fehlt. Die Verknüpfung einer spannend erzählten Familiengeschichte mit historischen Themen, die gesellschaftliche Relevanz und die erzählerische Wertschätzung für das Leben von Frauen finden sich aber auch bei Tanja Paar.

Und, auch wenn das ebenfalls verpönt zu sein scheint, sie erzählt auf eine Art und Weise vom Zittern der Welt in dieser Region vor und während des Ersten Weltkriegs, dass man eine Vorstellung davon bekommt. Es gibt langweiligere Formen des Geschichtsunterrichts. Nach ihrem doch recht artifiziellen Erstling „Die Unversehrten“ traut sich Tanja Paar, narrativ die Richtung zu wechseln. Herausgekommen ist ein vielschichtiger und gleichzeitig sehr unterhaltsamer Roman mit individuellen, ungewöhnlichen Figuren.