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Von wegen nur privat

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Illu_s8-9 - © Illustration: Rainer Messerklinger

Wilfried Steiners Roman „Schöne Ungeheuer“: Das Ungeheuerliche lauert überall

1945 1960 1980 2000 2020

In der CERN-Welt spielt Wilfried Steiners jüngster Roman „Schöne Ungeheuer“.

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In der CERN-Welt spielt Wilfried Steiners jüngster Roman „Schöne Ungeheuer“.

Eigentlich hätte es eine Aufdeckergeschichte werden sollen. Der Wissenschaftsjournalist Georg Hollaus, dessen Interesse schon seit Langem dem „Ereignis von Tunguska“ gilt, erhält den Auftrag, gemeinsam mit der Anwältin Eva Mattusch investigativ tätig zu werden. Es gibt einen Toten und ein Geständnis. Doch man hegt Zweifel an der Schuld der mutmaßlichen Mörderin.

Der oberösterreichische Autor Wilfried Steiner siedelt die Handlung seines jüngsten Romans „Schöne Ungeheuer“ in der CERN-Welt an. Die lange Liste der Danksagungen am Schluss beweist eingehende und akribische Recherchen zum Thema. Auch wenn es um Antimaterie und physikalische Erkenntnisse geht, gelingt es Steiner, den theoretischen Überbau locker und gut lesbar einzubinden, ohne das Geschehen damit zu überfrachten.

Der Wissenschaftler Jan Koller möchte bei einem Kongress in Linz Revolutionäres verkünden. Dazu kommt es jedoch nicht, da er in der Nacht zuvor mit einem Brieföffner durch einen präzise ausgeführten Stich in die Halsschlagader getötet wird. Eine Zeugin glaubt, die russische Teilchenphysikerin Jelena Karpova beim Verlassen dessen Hotelzimmers gesehen zu haben. Diese gesteht die Tat sofort, verstrickt sich dabei jedoch auffällig in zahlreiche Widersprüche. Hat sie den Mord auf sich genommen, um jemanden zu schützen? Wird sie erpresst? Solche Fragen poppen auf, als Jan und Eva, Jelenas Verteidigerin, sich näher mit dem Fall zu beschäftigen beginnen.

Dem „Tunguska-Ereignis“ kommt eine Brückenfunktion zu, als es gilt, an Jelena heranzukommen, die sich beharrlich weigert, über Tat und Motiv zu sprechen. Da gestaltet sich der Besuch in Genf am CERN schon ergiebiger, vor allem in Bezug auf Einblicke in das private Umfeld der Wissenschaf-tler(innen): „Nur aus Versatzstücken besteht die Geschichte des Lebens. Es gibt keine Kohärenz.“

Diese Prosa zeigt sehr subtil, wie leicht man sich vom Schönen täuschen lassen kann. Liebe, Farce und Verrat gehören hier zusammen. Und auch Frankenstein hat irgendwie damit zu tun. Denn das Ungeheuerliche lauert überall. So kommt das Ende höchst überraschend: Kalkül ist schließlich alles!

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