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"Brauche das Bad in der Menge nicht"

Ex-Finanzminister Ferdinand Lacinas kühle Beziehung zu Festen und Medien.

Die Furche: Haben Sie Politik als Schwerarbeit erlebt?

Ferdinand Lacina: Ich habe mich eigentlich nie wirklich überlastet gefühlt.

Die Furche: Hatten Sie also einen ganz normalen Tagesablauf?

Lacina: Was ist schon ein normaler Ablauf? Als ich in der Arbeiterkammer arbeitete, gab ich zweimal in der Woche Abendunterricht in der Gewerkschaftsschule, war zweimal abends in der Bezirkpartei, habe dort Referate gehalten, manchmal Samstag, Sonntag. Ich habe das nie als Belastung empfunden. Wenn es einem Spaß macht, ist es auch keine. Ich gebe allerdings zu, dass die Belastung dadurch entsteht, dass man stark in der Öffentlichkeit steht.

Die Furche: Wie stark waren Sie zeitlich in Anspruch genommen?

Lacina: Der Zeiteinsatz hängt vom persönlichen Stil ab. Man hat ungefähr denselben Einsatz wie Manager eines größeren Betriebes, zwölf bis 14 Stunden pro Tag. Was die Wochenenden anbelangt, haben es Bundespolitiker fast leichter, als Landes- oder Gemeindepolitiker. Diese müssen nämlich auf jedem Feuerwehrfest auftreten.

Die Furche: Minister werden doch auch laufend eingeladen...

Lacina: Ich habe mich bei Adabei-Veranstaltungen sehr zurückgehalten. Macht man das auch noch, ist man voll eingedeckt.

Die Furche: Hat sich nach Ihrem Ausscheiden aus der Politik Wesentliches an Ihrem Lebensstil geändert?

Lacina: Ja. Ich war viel mehr Herr über meine Zeit. Was ich dann besonders angenehm empfand: Nicht mehr Rede und Antwort stehen zu müssen, bevor man über ein Problem nachgedacht hat. Das hatte mich fast am meisten bedrückt, dass man Antworten geben soll, bevor man etwas halbwegs durchdacht hat. Das blöde Herumreden, das da manchmal herauskommt, ist wirklich nicht das Wahre. Aber als körperlich belastend habe ich meine Tätigkeit nicht empfunden. Ich gebe aber gerne zu, dass es Kollegen gab, die bis vier Uhr früh im Büro gesessen sind und Akten gelesen haben. Ich hatte dafür nie Verständnis. Meine Produktivität ist um diese Tageszeit einfach zu gering.

Die Furche: Sind Politiker heute mehr gefordert als zu Ihrer Zeit?

Lacina: Mein Eindruck ist: nein. Es hängt sehr davon ab, wie sehr man sich auffressen lässt. Eben die Frage: Muss ich gesellschaftliche Anlässe wahrnehmen? Wie ich zu Bruno Kreisky als Kabinettschef gekommen bin, hat mir mein Vorgänger gesagt: Du wirst keinen freien Abend mehr haben. Dann kamen auch dauernd Einladungen. Wenn Sie allen folgen, brauchen Sie drei Abende pro Tag. Ich entschied mich, keiner zu folgen. Das heißt: Hie und da schon. Aber 95 Prozent sind unnötig.

Die Furche: War der Umgang mit den Medien für Sie eher belastend?

Lacina: Ich gestehe, dass ich viel auf Pressereferenten abgewälzt habe. Den Kontakt zu den Medien habe ich nicht sehr intensiv gehalten. Wenn Sie sich von den Medien abhängig machen, z. B. um etwas zu lancieren, dann sind Sie in gewisser Weise gefangen. Wenn Sie das aber nicht tun, müssen Sie auch nicht "zur Verfügung" stehen.

Die Furche: Und die Inanspruchnahme in Wahlkampfzeiten?

Lacina: Da ist jeder Tag verpflastert. Aber das sind in Wirklichkeit eben acht bis zwölf Wochen. Meinem Eindruck nach war das früher anstrengender als heute. Denn heute haben diese Veranstaltungen starken Event-Charakter. Wichtig ist, dass die Medien davon berichten, die Politiker sind da im wesentlichen Staffage. Früher ist man von Ort zu Ort gezogen. Irgendwann einmal habe ich die Gegend um Traismauer umrundet, 14 Kundgebungen an einem Tag. Gegen Abend konnte ich mir selbst nicht mehr zuhören.

Die Furche: Ist der Finanzminister weniger im Blickpunkt?

Lacina: Als Verkehrsminister und Staatssekretär war ich mehr dran. Das hat auch damit zu tun, dass ich neu hineingekommen bin. Da gibt es eine große Neugier - und man muss ziemlich viel machen. Beim Finanzminister haben die Leute das Gefühl: Der hat sehr viel zu tun. Er wird etwas weniger in Anspruch genommen.

Die Furche: Haben Sie diese eher zurückhaltende Strategie von Anfang verfolgt?

Lacina: Ich brauche das Bad in der Menge nicht. Ich brauche nicht, dass über mich berichtet wird - obwohl jeder in gewissem Maß extrovertiert ist. Ich war das vielleicht nicht im gleichen Maß wie andere. Außerdem hatte ich das Glück, in alle Funktionen hineingestoßen worden zu sein. Ich wäre nicht besonders unglücklich gewesen, wäre ich wieder hinausgeflogen. Daher habe ich nicht angestrengt nach Verbündeten suchen oder intrigieren müssen.

Die Furche: Nach dem Ausscheiden also keine Entzugserscheinungen?

Lacina: Ich wollte immer - und es ist mir auch gelungen - den Zeitpunkt meines Ausstiegs selbst bestimmen. Das hilft sehr. Daher auch keine - oder sagen wir wenige - Entzugserscheinungen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

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