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Literatur

Bücherwurm

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Drehscheibe Ostsee

In wenigen Jahren wird der "Nord Stream" durch die Ostsee fließen: eine 1200 km lange und mehr als einen Meter dicke Pipeline, die ab 2012 jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas vom russischen Hafen Wyborg nach Greifswald pumpen soll. An dem Fünf-Milliarden-Euro-Deal verdienen auch Österreicher mit. Die Voestalpine wird 200.000 Tonnen Grobblech liefern - wobei das Wort "Grobblech" in die Irre führt, denn es handelt sich um ein aufwendiges High-Tech-Produkt.

Mit "Nord Stream" kommt in der Ostsee ein ebenso simples wie uraltes Geschäftsmodell zur Anwendung, mit dem schon die Kaufleute der mittelalterlichen Hanse reich geworden sind. Es lautet: Rohstoffe aus dem Osten gegen Geld, Luxusgüter und technische Produkte, zum Beispiel Schwerter, aus dem Westen. Und so wie die Einnahmen aus dem Erdgas-Geschäft heute das "System Putin" finanzieren, so hat der Ostseehandel schon früher die Staatsbildung in Nord- und Osteuropa gefördert.

Das lässt sich anhand eines schönen Sammelbandes nachvollziehen, der die Geschichte des Ostseeraums vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart behandelt und dabei auch kulturelle und sprachliche Aspekte anschneidet.

Noch bevor die Ostsee zur Drehscheibe des Ost-West-Handels wurde, war sie allerdings in den Warenaustausch zwischen Norden und Süden eingebunden. Das zeigt der Beitrag von Dariusz Adamczyk. Hunderttausende arabische Dirhems wurden zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert im Ostseeraum vergraben, um sie vor Räubern zu verbergen. Heute kann man anhand dieser Hortfunde erkennen, dass Skandinavien und das Baltikum zu jener Zeit eine ökonomische Provinz des Abbasidenreiches bildeten, in der Münzen mit der Prägung des Kalifen von Bagdad als Leitwährung dienten.

Warum sich die Region ab der Jahrtausendwende anders ausrichtete, ist bisher nicht befriedigend geklärt. Jedenfalls ersetzten deutsche Pfennige und friesische Denare die arabischen Dirhems, das Christentum verdrängte die heidnischen Kulte und es bildete sich allmählich jene Handelsstruktur aus, die - siehe Nord Stream - den Ostseeraum im Grunde bis heute prägt.

Ostsee 700-2000

Gesellschaft - Wirtschaft - Kultur

Von Andrea Komlosy, Hans-Heinrich Nolte, Imbi Sooman (Hg.)

Promedia, Wien 2008

280 Seiten, brosch., € 25,60

Drehscheibe Ostsee

In wenigen Jahren wird der "Nord Stream" durch die Ostsee fließen: eine 1200 km lange und mehr als einen Meter dicke Pipeline, die ab 2012 jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas vom russischen Hafen Wyborg nach Greifswald pumpen soll. An dem Fünf-Milliarden-Euro-Deal verdienen auch Österreicher mit. Die Voestalpine wird 200.000 Tonnen Grobblech liefern - wobei das Wort "Grobblech" in die Irre führt, denn es handelt sich um ein aufwendiges High-Tech-Produkt.

Mit "Nord Stream" kommt in der Ostsee ein ebenso simples wie uraltes Geschäftsmodell zur Anwendung, mit dem schon die Kaufleute der mittelalterlichen Hanse reich geworden sind. Es lautet: Rohstoffe aus dem Osten gegen Geld, Luxusgüter und technische Produkte, zum Beispiel Schwerter, aus dem Westen. Und so wie die Einnahmen aus dem Erdgas-Geschäft heute das "System Putin" finanzieren, so hat der Ostseehandel schon früher die Staatsbildung in Nord- und Osteuropa gefördert.

Das lässt sich anhand eines schönen Sammelbandes nachvollziehen, der die Geschichte des Ostseeraums vom Frühmittelalter bis in die Gegenwart behandelt und dabei auch kulturelle und sprachliche Aspekte anschneidet.

Noch bevor die Ostsee zur Drehscheibe des Ost-West-Handels wurde, war sie allerdings in den Warenaustausch zwischen Norden und Süden eingebunden. Das zeigt der Beitrag von Dariusz Adamczyk. Hunderttausende arabische Dirhems wurden zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert im Ostseeraum vergraben, um sie vor Räubern zu verbergen. Heute kann man anhand dieser Hortfunde erkennen, dass Skandinavien und das Baltikum zu jener Zeit eine ökonomische Provinz des Abbasidenreiches bildeten, in der Münzen mit der Prägung des Kalifen von Bagdad als Leitwährung dienten.

Warum sich die Region ab der Jahrtausendwende anders ausrichtete, ist bisher nicht befriedigend geklärt. Jedenfalls ersetzten deutsche Pfennige und friesische Denare die arabischen Dirhems, das Christentum verdrängte die heidnischen Kulte und es bildete sich allmählich jene Handelsstruktur aus, die - siehe Nord Stream - den Ostseeraum im Grunde bis heute prägt.

Ostsee 700-2000

Gesellschaft - Wirtschaft - Kultur

Von Andrea Komlosy, Hans-Heinrich Nolte, Imbi Sooman (Hg.)

Promedia, Wien 2008

280 Seiten, brosch., € 25,60