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"carabiniericliquen"

Barbara Hundeggers lyrischer Reisebericht.

Rom hat seit Goethes Römischen Elegien nichts von seiner "literarischen" Anziehungskraft eingebüßt. Auch die italienische Reise der in Innsbruck lebenden Autorin Barbara Hundegger führt nach Rom. Allerdings steckt in diesem Band alles andere als der klassische Lobpreis antiker Schönheiten. Denn der Titel ihres neuen Gedichtbandes, der das alte Zitat "Neapel sehen und sterben" evoziert, macht zunächst einmal stutzig. Hier wird nämlich das, was fehlt, sanft mitschwingendes Thema dieser Lyrik, indem sich der inhaltliche Fokus mit dem Sterben des Papstes verzahnt. Einen großen Teil der Arbeit macht die Beobachtung des medialen Gewitters um den Tod und das Begräbnis des Papstes Johannes Paul II. aus, dazwischen schiebt sich, hier folgt Hundegger ebenfalls chronologisch den Ereignissen, die Beerdigung des Grimaldi-Fürsten Rainier.

In Roms Gassen

Für die Darstellung der Ereignisse wählt Barbara Hundegger ein interessantes und zugleich verblüffendes Verfahren. Sie dokumentiert das Zeitungswesen und durchstreift als exakte Beobachterin die Gassen Roms. Das lyrische "Du" schaut, liest, schreibt, reflektiert. Jeweils auf der linken Seite geht es in einem Textstrang um "Zeitungsluft". Hier werden mediale Ereignisse, Schlagzeilen aller Ressorts, Versatzstücke aus Zeitungen aneinander gereiht. Diese rechtsbündig gedruckten Verse sind reich an Enjambements, die den Leser in die nächste Zeile hasten lassen, um den Sinn der Verse aufnehmen zu können. Damit imitiert Hundegger das Einstürzen der Zeitungsmeldungen auf den Konsumenten, die regelrechte Flut von Informationen. Alternierend dazu - jeweils linksbündig auf die rechte Seite gesetzt - begleitet man das lyrische Du auf seiner Rom-Erkundungstour zwischen Reflexionen bei einem Macchiato und bei seinem Eintauchen in die durchwegs kritisch beobachtete Papamania.

Tod des Papstes

Dieser lyrische Reisebericht dokumentiert zunächst Vorbereitungen und kleine Familienzwistigkeiten. Da ist die Gereiztheit ob der Maturaanstrengungen des Ziehsohns, die "bleierne" Leere" am Grab des Vaters, all das, was vor Rom ist. Kurz und stakkatoartig reiht Hundegger die Worte aneinander, ein schneller Ablauf, in wenigen Worten wird die Familien- und Lebenssituation klar umrissen. Schon jetzt zeichnet sich der Tod des Papstes ab. Alle Linsen und Mikrofone sind auf den Petersplatz gerichtet: "fenstergroßaufnahme zimmerlichträtsel ein später / glockenschlag menschen knien vor diesem bild". Die Stadt steht ganz im Zeichen der neuen Veränderungen. Man stößt angesichts der "petersplatzmassen" auf ein monumentales "pilgerstromdelta". Ob sich nun Berge von Wasserflaschen türmen oder ob sich "flaches flaggenkreisen einstellt, Rom weiß in diesem Augenblick genau, was die Welt bewegt. Hundegger konfrontiert uns mit "halbmastblicken richtung immer / noch ferner flimmerndes portal", mit "scheinwerfermaximierung / satellitenschüsselgürtel / sendewagenhäufung" angesichts des Begräbnisses und der Neuwahl. Hundeggers Blick ist in erster Linie ein visueller, hinsichtlich der Papstthematik mischt sich aber auch Despektierliches dazu.

In den Vordergrund rücken zwischen "carabiniericliquen" und "leuchtendweißen samaritern", die während des Begräbnisses und der Papstwahl am Petersplatz ihren Dienst versehen, natürlich die "moderatorinnentorsi" und "reporteroberhälften", die über "kanzlertross" und "königinnenverschleierung" berichten. Pointiert akzentuiert sie den "auftritt im trauerfach", der mitunter auch Lebensgefahr bedeutet. Dabei gibt es den einen oder anderen Querschuss auf die Vermarktung des Ereignisses, zumal das wirtschaftliche Kalkül der Andenkenunternehmer aufzugehen scheint.

Dichte Sprache

Und neben diesem Zoom auf die Zeitungen und großen Ereignisse werden auch die simplen Erkundungstouren durch Rom, der Kontakt zur Familie und Reflexionen, einfach die Faszination "Rom" beleuchtet - und das in einer dichten und reichen lyrischen Sprache. Hundeggers Gedichte sind kritische Texte, manchmal auch ohne Syntax, deren Sinn sich dennoch mühelos erschließt. Ein innovatives Statement einer Autorin, die in diesem Band mit sarkastischen und kraftvollen Bildern einen vielschichtigen Weg beschreitet.

Rom sehen und

Ein Gedicht-Bericht von Barbara Hundegger

Skarabaeus Verlag, Innsbruck 2006

92 Seiten, geb., € 16,90

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